Dortmunderinnen retten zwei Männern das Leben

Auszeichnung im Dortmunder Rathaus

Ein Leben hängt ja oft nur an einem seidenen Faden. Wie dünn der ist, zeigt sich, wenn es ernst wird. Dann braucht es Helfer. Drei von diesen Helfern wurden am Dienstag im Dortmunder Rathaus ausgezeichnet.

Dortmund

, 10.01.2018, 14:44 Uhr / Lesedauer: 3 min
Gruppenbild mit Retterinnen (v.l.): Bürgermeisterin Birgit Jörder, Stefanie Hering, Birgit Droletz, Regina Hering und Regierungsvizepräsident Volker Milk am Dienstag im Dortmunder Rathaus. Schütze

Gruppenbild mit Retterinnen (v.l.): Bürgermeisterin Birgit Jörder, Stefanie Hering, Birgit Droletz, Regina Hering und Regierungsvizepräsident Volker Milk am Dienstag im Dortmunder Rathaus. Schütze © Stephan Schütze

Eine Verwaltung kann schwer aus ihrer Haut, sehr förmlich steht auf dem Bildschirm im Rathaus: „16 Uhr. 2. OG. BM-Bereich. Belobigung von Rettungstaten“ Dabei geht es doch um zwei Leben. Eins gehört Herrn Herrmann Harkötter, das andere Herrn Riza Sert. Dass die beiden Männer an diesem Dienstagnachmittag im Dortmunder Rathaus stehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Hätte auch anders ausgehen können, damals, im Jahr 2016.

„Scheißegal, wir machen weiter“,

Am 31. März brach Riza Sert in der Apotheke Neue Evinger Mitte zusammen. Keine Atmung, kein Puls, eigentlich war da Schluss. Aber nur eigentlich, denn da gab es ja noch andere Menschen. Allen voran Birgit Droletz und Stefanie Hering, angestellt in der Apotheke. Automatisch habe sie reagiert, sagt Frau Droletz. „Und mich hat sie dabei mitgezogen“, sagt Frau Hering. Sie begannen die Reanimation, der Notarzt wurde alarmiert. „Ich fühl den Puls nicht mehr“, sagte Hering. „Scheißegal, wir machen weiter“, erwiderte Droletz.

So erzählen sie das Erlebte am Dienstag im Rathaus, erinnern sich, wie der Apothekenbetrieb einfach weiter lief und wie dann, gefühlt nach einer Ewigkeit, in der Sekunden zu Minuten und Minuten zu Stunden werden, der Notarzt kam. „Erst später“, sagt Frau Droletz, „sind wir, bin ich zusammengebrochen“. Herr Sert, 61 Jahre alt, steht daneben und lächelt. Wie es ihm heute geht? „Gut, ich stehe hier auf meinen Beinen.“ Da hat er recht.

Kalendereintrag für den zweiten Geburtstag

Am 4. Juli 2016 hatte der 64-jährige Herrmann Harkötter einen ungeplanten Geburtstag im Kalender einzutragen: Er war in Wichlinghofen losgelaufen, der Kardiologe hatte zuvor schon mal eine leichte Verkalkung festgestellt, nichts Wildes vermutlich. War es dann doch, an einer Bushaltestelle in Wellinghofen brach Harkötter zusammen. Fiel um, keine Erinnerung mehr, nur die Dunkelheit eines Herzinfarkts. Regina Hering, mit der gerade genannten Stefanie Hering weder verwandt noch verschwägert, fuhr mit ihrem Mann an der Bushaltestelle vorbei. „Da ist gerade jemand umgefallen“, sagte der Mann, sie hielten an und Frau Hering reagierte.

„Der Herrmann“, sagt sie, die beiden duzen sich inzwischen, „lag schon in der stabilen Seitenlage“, Jugendliche hatten ihn dahin gebracht, aber wie es dann weiterging, das wusste Frau Hering. Sie hatte mal eine Krankenpflegeausbildung durchlaufen, heute arbeitet sie im orthopädischen Bereich, aber nebenberuflich ist sie Übungsleiterin für Sportkurse. Alle zwei Jahre absolviert sie eine Ersthelferauffrischung, die letzte vor der Begegnung mit Herrmann Harkötter lag einen Tag zurück.

Ersthelferkompetenz kein Hexenwerk

Harkötter wurde im Krankenhaus wach, ohne die Frau wäre er nicht lebendig dorthin gekommen, und so stehen diese fünf Menschen am Dienstag im Dortmunder Rathaus. Es ist Zeit für die Belobigung. Regierungsvizepräsident Volker Milk ist aus Arnsberg angereist. Ja, die Ereignisse von damals liegen schon ein paar Tage zurück, aber da war der Regierungswechsel und wichtig ist ja, dass ausgezeichnet wird.

Milk spricht von drei Menschen, die Vorbildliches geleistet haben. Es gibt Urkunden „mit der Original-Unterschrift von Ministerpräsident Armin Laschet“. All das habe funktioniert, sagt Milk in Richtung der Frauen, „weil Sie Ersthilfekompetenz hatten“. Was ja letztlich kein Hexenwerk sei, aber leider immer mehr abnehme.

„Keinen Fall, in dem jemand verurteilt wurde, weil er falsch geholfen hat“

„Es gibt keinen Fall, in dem jemand verurteilt wurde, weil er falsch geholfen hat. Es gibt aber Verurteilungen, wenn jemand nicht geholfen hat“, sagt Milk. Hilfe sei eine Pflicht, stattdessen höre man immer von Behinderungen von Rettungskräften, von Gaffern, die Opfer filmen. Wichtig sei es, sich auf seine Mitmenschen verlassen zu können.

Frau Hering, die damals Herrn Harkötter zurück ins Leben half, findet, um ihre Tat gebe es etwas zu viel Aufregung. Selbstverständlich sei das doch. Herrmann Harkötter hat sich über die Selbstverständlichkeit auf jeden Fall gefreut.

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