Bruno Knust (l.) und sein Alter Ego Günna – seit mehr als 30 Jahren eine Kultfigur in Dortmund und seit rund 1500 Folgen Kolumnist bei den Ruhr Nachrichten. © Schaper
30 Jahre Günna-Kolumne

Dortmunds Alt-OB Günter Samtlebe (†): „Komm, verarsch‘ mich noch mal“

Günna heißt die Dortmunder Kultfigur und das Alter Ego von Kabarettist Bruno Knust. Viele Dortmunder glauben, dass er eine Persiflage auf Dortmunds verstorbenen Alt-OB Günter Samtlebe ist. Doch Vorbild war ein anderer.

Wie oft schon hat Günna samstags in den Ruhr Nachrichten mit seiner Ruhrpottschnauze Klartext zu Doatmund geredet? Haben Sie mitgezählt?

Mein Sohn macht in der Schule Überschlagrechnung, da haben wir mal gerechnet: Vor 30 Jahren, im Mai 1991 angefangen, etwa 50 Kolumnen pro Jahr, macht 1500.

Was war das erste Thema, das Günna in seiner Kolumne aufs Korn genommen hat?

Ich glaube, der erste Günna handelte von der 1.-Mai-Kundgebung im Westfalenpark.

Hat sich Günna, also seine Kolumne, in den 30 Jahren verändert?

Der Schreibstil hat sich erst entwickelt. Wenn ich gucke, wie ich heute schreibe und damals geschrieben habe, ist das ein großer Unterschied. Ruhrpott in Schriftdeutsch ist schwer. Ich habe zwei, drei Jahre gebraucht, um den Stil hinzukriegen, den ich heute blind schreiben kann. Heutzutage ist das angesagt. Agenturen rufen bei mir an, wenn sie einen Text in Ruhrpott brauchen, und fragen, wie ich ihn schreiben würde.

Ihr Theater Olpketal, das 1989 eröffnet hat, wäre am Anfang ohne Günna gar nicht denkbar gewesen?

Ja und nein. Er ist zwar von Anfang an dabei, aber ich wollte die Puppe erst gar nicht spielen. Meine Mutter hat sie wie alle meine Puppen damals gemacht.

Ach, wieso wollten Sie Günna nicht?

Er lag da, sah so komisch aus mit seinen Sehschlitzen und der Knubbelnase. Als ich ihn dann aber auf die Hand genommen habe, fing er an zu leben. Ich habe viele Puppen, aber nicht alle leben. Er ist der Oberleber.

Ohne Günna gäbe es nicht nur keine RN-Kolumne. Auch das Theater Olpketal wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen.
Ohne Günna gäbe es nicht nur keine RN-Kolumne. Auch das Theater Olpketal wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. © Schaper © Schaper

Wann ist Günna das erste Mal aufgetreten?

Seine Feuertaufe hatte er auf dem Alten Markt, als der WDR das Aus des Lokalfunks verkündete. Da habe ich die Moderation gemacht, und Günna hat am Schluss alle Beiträge in zehn Minuten zusammengefasst. Das war ein Rieseneinstieg. Da habe ich erst gemerkt, was mit der Figur alles möglich ist.

Wie ging es weiter?

Günna hat dann jeden Tag die WM-Spiele im Lokalfernsehen kommentiert. Da ist er ziemlich populär geworden. Er war bei Ernst Huberty, für die Bundesliga bei Premiere und Sat 1. Eigentlich war er dort 25 Jahre zu früh und passt besser in die heutige Zeit, in der die Berichterstattung rund um den Fußball wesentlich lockerer geworden ist.

Günna ist schon lange eine Kultfigur und Ihr Alter Ego. Sprechen die Leute Sie mit Günna an?

Ja, heute glauben viele Leute, ich heiße Günna. Günna und ich, das verschwimmt. Die Puppe hat das angekurbelt.

Viele glauben auch, dass Günna eine Persiflage auf Dortmunds verstorbenen und unvergessenen Alt-OB Günter Samtlebe war.

Ja, aber Günna war der Lebensgefährte meiner Mutter. Dieser Günna lebt heute nicht mehr, doch es gab eine enorme optische Ähnlichkeit. Günter Samtlebe ist dann auf die Figur aufgesprungen. Das war Zufall, hätte aber auch gut passen können.

Wie stand denn Günter Samtlebe zu der Figur?

Kurz nach der Eröffnung des Theater Olpketal ist er zu einer Vorstellung gekommen und hat gesagt: „Mir hamse erzählt, ich würde hier verarscht. Ich wollte mir das angucken.“ Eigentlich wollte er nur bis zur Hälfte des Programms bleiben, ist dann aber doch bis zum Schluss geblieben. Später hat er oft gesagt: „Komm, verarsch mich noch mal richtig.“ Seinen 85. Geburtstag hat er auch hier im Theater Olpketal gefeiert und wir mochten uns sehr.

Neben Fußball und dem BVB hat sich Günna häufig mit der Politik in Dortmund befasst. Da gab es manches heiße Eisen. Was war Günnas brisantestes Thema?

Das heikelste war die Sache mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Franz-Josef Drabig, der als Fast-Oberbürgermeister über die Rotlicht-Affäre stolperte. Wir kannten uns, sind in der gleichen Ecke aufgewachsen und dann liefert er mir so eine Steilvorlage, an der ich nicht vorbeikam. Dann lieber sowas wie Anfang der 2000er-Jahre, da war ein Günna samstags morgens Tischvorlage beim SPD-Parteitag.

Warum das?

Da hatte ich die SPD als Samtlebes Provinz-Deppen „übersetzt“. Auf die Tischvorlage war ich richtig stolz.

Noch so Einen aus dieser Kategorie?

Ein Ratsmitglied der Grünen, das ich namentlich nicht genannt, sondern nur umschrieben habe, hatte sich lautstark über Samtlebes neuen Dienstwagen mokiert, war aber nach einer Feier angetrunken im Dienstwagen eines Stadtwerke-Vorstandsmitglieds mitgefahren und hatte sich dort auf den Velourssitzen übergeben. Von den Lederpolstern in Samtlebes Dienstwagen hätte man den Gestank besser weggekriegt, habe ich dann geschrieben. Das hat ordentlich Wirkungstreffer erzielt.

Haben Sie als Kabarettist und Günna eine rote Linie?

Manchmal ist das ein Tanz auf der Rasierklinge. Ich muss auch manchmal böse sein, aber ich habe eine selbst definierte Gürtellinie, unter die ich nicht gehen möchte. Doch manchmal sagt ein Tritt gegen das Schienbein mehr als tausend Worte.

Günnas Themenschwerpunkte haben sich im Laufe der Jahre verändert. Vieles ist auch aus sehr persönlichen Erfahrungen gefärbt.

Ja, durch meinen jüngsten Sohn zum Beispiel komme ich und damit kommt auch Günna viel mehr mit Eltern-, Schul- und Freizeitthemen in Berührung. Eine Frischzellenkur.

Kann es auch daran liegen, dass es in Dortmund politisch nicht mehr so spannend ist?

Gut möglich. Früher wollte ich möglichst nur aktuelle Sachen machen. Doch in Dortmund passiert auch mal stellenweise nichts, absolut gar nichts und nicht selten, wenn etwas passiert, möchte man das wegen der Peinlichkeit am liebsten totschweigen. Das Wort von Dortmund und des Oberbürgermeisters hatte früher zum Beispiel immer Gewicht im Land. Mittlerweile sind wir nur noch unter Ferner-liefen, ohne Gehör, finden einfach nicht statt.

Das klingt gar nicht lustig.

Nein, Ideen aus Dortmund reduzieren sich auf den BVB und einzelne Unternehmen. In Dortmund passiert nichts mehr. Die Stadt wird abgewickelt. Ich mache mir Sorgen, dass man in die Belanglosigkeit abrutscht. Dass man nichts mehr zum Anschieben hat oder was sich zu loben oder zu tadeln lohnt. Die Innenstadt ist runtergewirtschaftet. Viele Läden stehen leer. Das kann doch nicht sein. Das Gefühl vom Oberzentrum habe ich nicht mehr. Die Visionen fehlen . . .

. . . aus denen am Ende oft nichts wird.

Ja, nehmen wir nur all‘ die Bahnhöfe, die man begleitet hat. Jetzt die unendliche Geschichte vom Boulevard Kampstraße. Aber zu oft kann man darüber auch nicht schreiben. Die Ankündigungen aus dem Rathaus waren immer richtig gut, das Zurückrudern ist dann meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch die Dortmunder Eigenschaft „Bloß keinen Streit vermeiden“ fehlt mir. Abtauchen ist Volkssport geworden, und als ich mal besonders sauer war, hab ich geschrieben, dass der OB einen Tauchanzug trägt.

Günna (Mitte) und Bruno Knust im Interview. Wenn Knust Klartext redet, fallen auch durchaus weniger lustige Worte.
Günna (Mitte) und Bruno Knust im Interview. Wenn Knust Klartext redet, fallen auch durchaus weniger lustige Worte. © Schaper © Schaper

Wie finden Sie Ihre Themen?

Ich fange jeden Montag schon wieder an, darüber nachzudenken, was das nächste Thema sein könnte. Manchmal bekomme ich auch Mails und Anrufe mit Vorschlägen. Wenn ich mittwochs nicht schon eine Idee schweben sehe, werde ich kribbelig. Oft setze ich mich schon donnerstags abends nach dem Theater an den Laptop und schreibe. Es hat aber auch schon Notgeburten gegeben, im Urlaub ohne Internet oder last minute aus dem Auto heraus zusammen mit meiner Tochter am Telefon.

Musste Günna auch schon mal ausfallen, weil Ihnen nichts eingefallen ist?

Nein, Günna ist nur zwei Mal ausgefallen – beim Tod meiner Mutter und als ich selbst im Krankenhaus war.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle