Dortmund, November 2018, eine weibliche Leiche wird gefunden. Wer sie ist, ist bis heute ungeklärt. Doch wie kommen Ermittler der Identität von unbekannten Toten auf die Spur?

Dortmund

, 14.02.2019, 04:31 Uhr / Lesedauer: 4 min

Stella ist tot. Im November haben Bekannte ihren Körper in einem leerstehenden Haus in Aplerbeck gefunden. Wer sie wirklich war, weiß keiner. Der Polizei gibt die junge Frau seither ein Rätsel auf.

Stella ist eine von insgesamt 16 unbekannten Toten, die in den vergangenen zehn Jahren im Zuständigkeitsbereich des Kriminalkommissariats 11 (KK 11) in Dortmund gefunden worden sind.

Dortmunds anonyme Tote – Stella und das Rätsel um ihre Identität

Dieses Foto der Verstorbenen wurde laut Polizei bei einer Hilfeeinrichtung für wohnungslose Menschen in der nördlichen Innenstadt aufgenommen. © Polizei Dortmund

Sie war gut gekleidet, etwa 1,70 Meter groß, schlank und gepflegt. Stella, die junge Frau, die am 10. November 2018 in einem Haus in der Pellinghofstraße gefunden wurde, starb an Herzkreislaufversagen. Ein natürlicher Tod. Nach Schätzungen der Polizei war sie da etwa 25 bis 35 Jahre alt.

Bei unbekannten Toten ermittelt das Kriminalkommissariat 11

Fälle wie der von Stella landen in Dortmund auf den Schreibtischen des KK 11. Tötungsdelikte, Todesermittlungen Vermisstenfälle, Waffendelikte und andere schwere Fälle laufen hier auf.

Bei vorsätzlichen Tötungsdelikten ist das KK 11 neben Dortmund auch für die Kreise Unna, Soest, Hochsauerland und für das Einsatzgebiet des Polizeipräsidiums in Hamm zuständig.

Wer einen unbekannten Toten zu einem bekannten machen möchte, kommt nicht um die Vermissten herum. Schließlich gleichen die Ermittler in Datenbanken unter anderem die Merkmale der Toten mit denen vermisst gemeldeter Personen ab.

Dortmunds anonyme Tote – Stella und das Rätsel um ihre Identität

Detlef Berghaus ist Leiter des Kriminalkommissariats 11. Das KK 11 ist unter anderem für Tötungsdelikte, Todesermittlungen Vermisstenfälle, Waffendelikte und andere schwere Fälle zuständig. © Lena Beneke

Am 1. Januar 2019 waren nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) rund 10.600 Menschen in Deutschland vermisst gemeldet. In Dortmund verzeichnete die Polizei im Jahr 2018 2542 Vermisste. „Etwa 97 Prozent davon sind jedoch wieder zurückgekehrt“, sagt Detlef Berghaus, Leiter des Kriminalkommissariats 11. Nur ein sehr geringer Teil werde länger vermisst.

So läuft es oft: Viele Vermisstenfälle klären sich innerhalb weniger Tage auf. So werden laut BKA zwar deutschlandweit täglich rund 200 bis 300 Fahndungen erfasst – aber eben auch wieder gelöscht. Die Hälfte aller Vermisstenfälle erledigt sich innerhalb einer Woche. Nach einem Monat sind rund 80 Prozent der Personen wieder gefunden.

Mehr als zwei Drittel aller Vermissten sind Männer – und etwa die Hälfte der Vermissten sind Kinder oder Jugendliche. Und da liegt auch schon ein Teil der Ursache für die hohen Vermisstenzahlen. Vor allem Kinder und Jugendliche, die regelmäßig ausreißen und daher auch regelmäßig vermisst gemeldet werden, treiben die Zahlen in die Höhe.

Fahndungsportal der NRW-Polizei hat noch keine Hinweise gebracht

Hinweise auf eine Vermissten-Fahndung, die auf Stella passen würde, haben die Beamten des Kriminalkommissariats 11 in den Datenbanken nicht gefunden. Auch das neue Fahndungsportal der NRW-Polizei habe bisher keine Hinweise gebracht, sagt Berghaus.

Das Portal gibt es seit November 2018. Hier können Bürger beispielsweise sehen, nach welchen Personen aus welchem Grund gefahndet wird und bei welcher Polizeidienststelle sich Zeugen melden können. Auch vermisste Personen und unbekannte Tote wie Stella sind in der Datenbank erfasst.

Dortmunds anonyme Tote – Stella und das Rätsel um ihre Identität

Das Fahndungsportal gibt es seit November 2018. Auch vermisste Personen und unbekannte Tote wie Stella sind in der Datenbank erfasst. © Screenshot

Das Fahndungsportal zeigt: Bekannt sind über die in Aplerbeck gefundene Frau nur wenige Details – so zum Beispiel, dass alle sie Stella riefen, dass sie Englisch gesprochen hat, wo sie gefunden wurde, die Todesursache und eine Beschreibung ihrer Person. Stella hatte schwarze Haare, braune Augen und trug schwarze Jeans und ein graues T-Shirt mit Aufdruck.

Suizid ist eine Todesursache, die bei unbekannten Toten häufig auftritt

Merkmale wie Alter, Fundorte, Herkunft oder Geschlecht lassen keine Gemeinsamkeiten der unbekannten Toten in Dortmund erkennen. „Wenn sich eins herauskristallisiert hat, dann, dass Suizid als Todesursache bei unbekannten Toten häufig auftritt“, sagt Detlef Berghaus.

Die Identität der meisten unbekannten Leichen ermittelt die Polizei irgendwann. Von den 16 anonymen Toten der vergangenen Jahre seien inzwischen zwölf identifiziert – nur in vier Fällen habe die Kriminalpolizei die Identität in den vergangenen zehn Jahren nicht ermitteln können, erklärt Detlef Berghaus.

Gebiss, DNA, Fingerabdrücke und Kleidung können viel verraten

Die recht hohe Zahl aufgeklärter Fälle hänge damit zusammen, dass Tote, die nicht sofort identifiziert werden können, erst einmal als unbekannt vermerkt werden, sagt Berghaus. Im Laufe der Ermittlungen graben sich die Kriminalbeamten dann immer tiefer in die Lebenswelt der Toten und fördern so neue Erkenntnisse zutage, die zur Klärung beitragen.

Hintergrund

Anonyme Bestattungen

  • Bei einer anonymen Urnenbestattung ist der Ort der Bestattung nur der Friedhofsverwaltung bekannt.
  • Eine individuelle Kennzeichnung des Bestattungsplatzes sowie eine Teilnahme von Angehörigen bei der Beisetzung ist hier zur Wahrung der Anonymität nicht gestattet.
  • Die Kosten einer ordnungsbehördlichen Bestattung belaufen sich auf etwa 1200 bis 4500 Euro, je nach Fallkonstellation und Aufwand der Behörde.

Dabei steckt die Identität der Toten manchmal im Detail – im Blut beispielsweise. Blut verrät einiges über den Menschen und wird unter anderem genutzt, um die DNA der Toten zu analysieren und sie mit der DNA Vermisster zu abgleichen.

Auch die Betrachtung des Gebisses, der Fingerabdrücke oder die Analyse von persönlichen Dingen wie Schmuck oder Kleidung kann bei der Identifizierung helfen. Erzielen die Ermittler auch damit keinen Durchbruch, gehen sie an die Öffentlichkeit und machen die Suche – wie im Fall Stella – über Medien publik.

Der Fall Stella ist noch nicht zu den Akten gelegt worden. Dennoch ist die Leiche der jungen Frau inzwischen bestattet worden – anonym.

Es gibt viele Gründe für einen anonyme Bestattung

Durchschnittlich werden pro Jahr 4850 Menschen pro Jahr in Dortmund bestattet - 1600 Menschen davon im Jahr 2017 vollkommen anonym. Anonyme Bestattungen haben mehrere Gründe: Teils sind sie von den Verstorbenen gewünscht, teils werden Menschen anonym beigesetzt, weil ihre Identität unklar ist – oder weil schlicht keine Angehörigen da sind, die sich kümmern.

In letzteren Fällen kümmert sich das Ordnungsamt. 2018 hat es in 435 Fällen einen Auftrag zur Bestattung gegeben. Auch unbekannte Tote sind darunter. „Die Bestattung nicht identifizierter Personen durch die Ordnungsbehörde kam in der Vergangenheit nur sehr selten vor“, erklärt Stadtsprecher Maximilian Löchter.

Im Jahr 2012 habe das Ordnungsamt die Bestattung von zwei nicht identifizierten Personen veranlassen müssen, im Jahr 2015 von einer und im Jahr 2018 zwei Personen.

Anonyme Gräber gibt es in Dortmund nur auf städtischen Friedhöfen

Weder die evangelische noch die katholische Kirche ermöglichen auf ihren Friedhöfen anonyme Bestattungen. „Wir wollen den Menschen und ihrer Namen gedenken. Ein namenloses Grab entspricht nicht der Würde der Toten“, begründet Michael Bodin, Sprecher der katholischen Stadtkirche.

Wolfram Scharenberg vom Evangelischen Kirchenkreis argumentiert ähnlich: „Da man davon ausgeht, dass jeder mit seinem Namen zu Gott geht und dort angenommen ist, ist eine kirchliche Bestattung, theologisch gesehen, auch immer mit der Namensnennung verbunden.“

„Es gibt Menschen, die leben in völliger Einsamkeit. Das sind Menschen, die unbekannt bleiben.“
DETLEF BERGHAUS, LEITER KRIMINALKOMMISSARIAT 11

Anonyme Gräber finden sich also nur auf städtischen Friedhöfen. Es sind meist große Rasenflächen, auf denen die dann namenlosen Toten in Urnen beigesetzt werden. Oft liegen Blumen am Rand, Kränze lehnen an umliegenden Bäumen. Wo genau der Tote liegt, wissen nicht einmal die Angehörigen. Denn die Beisetzung findet vollkommen anonym statt, ohne die Familie und ohne die Freunde.

In diesem Jahr gibt es noch drei Gottesdienste für Unbedachte

Um der anonym Bestatteten dennoch zu gedenken, veranstalten die beiden Kirchen ökumenische Gottesdienste für Unbedachte. Sie finden jährlich wechselnd in den Kirchen St. Reinoldi und in der Grabeskirche Liebfrauen statt.

Beim Gottesdienst in der Liebfrauenkirche am 5. Februar waren die wenigen Kirchenbänke gut gefüllt. Verwandte und Bekannte nahmen leise Abschied, eine bescheidene, aber herzliche Feier. 105 Kerzen brannten, 105 Namen wurden verlesen – darunter eine unbekannte weibliche Tote. Namenlos. Auch ihr wurde gedacht.

Detlef Berghaus: „Es gibt Menschen, die leben in völliger Einsamkeit. Sie werden nicht vermisst gemeldet. Das sind Menschen, die unbekannt bleiben.“ Es sind die bis heute unbekannten Toten von Dortmund.

Zur Sache

Die ökumenischen Gottesdienste für Unbedachte

  • Im Jahr 2019 finden noch an drei Dienstagen ökumenische Gottesdienste für Unbedachte statt: am 7. Mai, am 6. August und am 5. November.
  • Beginn der Gottesdienste ist jeweils um 17 Uhr in der Grabeskirche Liebfrauen, Amalienstraße 21a.
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