Dortmunds bekannteste Graffiti-Mauer ist nach 30 Jahren zum ersten Mal komplett ergraut

rnStreetart-Wahrzeichen

Die Mauer an den Gleisen westlich des Hauptbahnhofs ist der wohl bekannteste Graffiti-Spot Dortmunds. Nun ist sie erstmals komplett überstrichen. Warum, weiß selbst die Deutsche Bahn nicht.

Dortmund

, 12.03.2019, 17:02 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist eine der meist gesehenen Mauern Dortmunds: die Grafitti-Mauer an den Gleisen vor und unter der Dorstfelder Brücke. Jeder, der von Westen mit der Bahn in den Hauptbahnhof einfährt, hat die mehr als hundert Meter lange Mauer schon mal erblickt. Sie hat in der Dortmunder Graffiti-Szene eine spezielle Bedeutung: Sie gilt als das Tor zur Stadt.

Deshalb ist die Bahnhofsmauer auch Repräsentationsfläche der Szene. Dortmunder Graffiti-Urgesteine haben sich auf ihr verewigt, sofern Ewigkeit – das zeigt sich aktuell – in der Straßenkunst eben möglich ist. Denn seit Kurzem ist die Mauer fast komplett grau übermalt. Die Frage ist nur: von wem?

Hommage an legendäres Graffiti taucht wenig später auf

Weil Teile der Mauer anfangs in Etappen über mehrere Tage überstrichen wurde, munkelte man in der Dortmunder Graffiti-Szene zuerst, dass dafür ein Sprayer verantwortlich sei – vor allem, weil kurz danach ein rot-weißes Graffiti an der Wand prangte.

Der Schriftzug "Welcome in Cocain City simply called Dortmund" begrüßte dort für ein paar Tage die Menschen, die in den Bahnhof einfuhren. Eine Anspielung auf den unrühmlichen Titel Dortmunds als "Kokain-Hauptstadt" und eine Hommage. Denn der Willkommensgruß war im Stile des ersten Graffiti gestaltet, das Mitte der 80er Jahre auf diese Mauer gesprüht wurde: "Welcome in Crime City simply called Dortmund". Vor etwa drei Wochen war es an der Mauer zu sehen, ist mittlerweile aber auch wieder überstrichen.

Doch etwa vor drei Wochen wurde auch dieses Graffiti übermalt - und nicht nur das. „Als dann wenig später die Mauer komplett überstrichen wurde, war relativ klar, dass es sich um eine offizielle Aktion handeln muss“, sagt Ingo Scheurer, der ab Anfang der 90er-Jahre in der Szene aktiv war und heute Besitzer des Graffiti-Ladens "The Hangout" ist. Wer ist also für das Überstreichen verantwortlich?

Bei der Bahn kann man nur sagen, wer es nicht war

Das fragt man auch die NRW-Pressestelle der Deutschen Bahn vergebens, der das Thema ebenso große Rätsel aufzugeben scheint. Dort kann man nach drei Tagen Recherche nur sagen, dass die Übermalung der Wand nichts mit den Modernisierungsarbeiten im Hauptbahnhof zu tun habe. Dafür sei die DB Station und Service AG zuständig.

Die Mauer gehöre aber der DB Netz AG, sagt eine Bahnsprecherin. Ob die DB Netz AG den Auftrag für das Überstreichen der Wand gegeben habe, könne man aktuell leider nicht sagen. Anderweitige Recherchen unserer Redaktion ergaben immerhin, dass es tatsächlich die DB Netz AG war, die für die Aktion verantwortlich war.

Dortmunds bekannteste Graffiti-Mauer ist nach 30 Jahren zum ersten Mal komplett ergraut

Das Aussehen der Wand hat sich im Laufe der Jahre ständig verändert. Dieses Bild stammt aus den 90er Jahren. © Scheurer

"Dass die Mauer komplett überstrichen wurde, gab es meines Wissens nach noch nie. Deswegen schlägt das auch höhere Wellen", sagt Scheurer. "Zur WM 2006 wurden von offizieller Seite teilweise Graffiti mit politischen Inhalten überstrichen, aber nicht die ganze Mauer."

Zwar steht in Dortmund mit dem evangelischen Kirchentag erneut eine große, repräsentative Veranstaltung vor der Tür, aber Scheurers Ansicht nach gebe es deshalb nicht die Notwendigkeit die Graffiti zu entfernen: "Eigentlich war dort nie etwas Anstößiges zu sehen", sagt er. Außerdem beginnt der Kirchentag erst am 19. Juni. Die Reinigung wäre also ziemlich verfrüht, denn schon jetzt sind wieder die ersten Graffiti auf der Wand aufgetaucht.

Die Frage, warum die anderen ausgerechnet jetzt entfernt wurden, bleibt also.

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