Dortmunds Diskoszene, wie wir sie kennen, stirbt – aber das ist nicht schlimm

rnLegenden des Nachtlebens

Ostwallviertel, Thier-Gelände, Keller: Viele Legenden des Dortmunder Nachtlebens sind lange tot. Die Partyszene hat sich bis heute nicht davon erholt. Aber das muss sie auch gar nicht.

Dortmund

, 22.12.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 8 min

Dortmunds Nachtleben hatte im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche legendäre Feierorte: Wer in den 1960er-Jahren abends eine Runde durch die City drehte, konnte aus mehr als einem Dutzend Tanzlokalen auswählen.

Am Ostwall der 1980er-Jahre, Dortmunds Bermudadreieck, konnte man ganze Wochenenden durchfeiern, ohne zweimal in derselben Bar zu trinken. Die fünf Läden des Thier-Geländes waren Anfang der Nullerjahre ein Party-Epizentrum des Ruhrgebiets. Das sind nur drei Beispiele unter vielen.

Dortmund hat ein regelrechtes Diskosterben erlebt

Doch von den meisten Legenden der Nachtszene ist mittlerweile nichts mehr übrig außer vagen Erinnerungen in den Köpfen ihrer Ex-Gäste. Das Kneipenviertel am Ostwall blutete schon im Laufe der 1990er-Jahre aus, und in der zweiten Hälfte der Nullerjahre erlebte Dortmund ein regelrechtes Disko-Sterben.

2009 wurde zum schwarzen Jahr des Dortmunder Nachtlebens: Nicht nur fielen die Diskos und Bars des Thier-Geländes der entstehenden Thier-Galerie zum Opfer, sondern es machten auch die Live-Station am Hauptbahnhof und das B6 an der Kampstraße dicht. Der Soundgarden war bereits 2006 in die Knie gegangen.

Ende der 1980er-Jahre reihten sich am Ostwall und der Olpe Kneipe an Kneipe. Das Szene-Magazin „Nachtzähne“ veröffentlichte 1989 diese Zeichnung. Bis auf das Restaurant King Lung haben alle Gastro-Betriebe schon lange geschlossen.

Ende der 1980er-Jahre reihten sich am Ostwall und der Olpe Kneipe an Kneipe. Das Szene-Magazin „Nachtzähne“ veröffentlichte 1989 diese Zeichnung. Bis auf das Restaurant King Lung haben alle Gastro-Betriebe schon lange geschlossen. © Privatarchiv Thomas Gehrmann

Nun liegt es in der Natur der Nachtszene, dass sie schwer zu greifen, flatterhaft und schnelllebig ist: Ständig öffnen neue und schließen alte Läden, die jetzt Clubs und nicht mehr Diskos genannt werden. Was heute angesagt ist, kann schon nächstes Jahr nicht mehr funktionieren. Die Launen des Partyvolks sind manchmal unvorhersehbar.

Irgendetwas im Nachtleben ist kaputt gegangen

Und doch gibt es ein Gefühl in der Stadt, dass früher mehr los war in Dortmunds Nachtleben. Dass da irgendetwas kaputtgegangen ist.

„Die Szene hat sich sehr zum Nachteil der Stadt entwickelt“, findet Thomas Gehrmann, der frühere Betreiber des Schwarzen Schafs im Ostwallviertel, über Jahrzehnte ein Kenner der Nachtszene. „In der Hinsicht ist Dortmund kein Ober-, sondern ein Unterzentrum.“

Der erfolgreiche Berliner Elektro-DJ Tinush, in Dortmund aufgewachsen, sagte in einem Interview vor ein paar Jahren: „Da ist tote Hose, die haben keine Künstlerszene und wenn, dann spürt man sie nicht.“

Didi Stahlschmidt, der seit vielen Jahren im Dortmunder Nachtleben unterwegs ist, sagt: „Es ist weniger geworden. Und ich sehe gerade nicht, dass sich das wieder dreht, auch wenn es wünschenswert wäre.“

Und die Wirtschaftsförderung sieht in ihrem „Masterplan Erlebnis.Dortmund“ „fehlende kompakte Szeneviertel“ als Schwäche des Freizeitstandorts Dortmund.

Nicht alles ist ein spezielles Dortmunder Problem

Aber woran liegt das? Warum war früher mehr los? Darauf gibt es nicht die eine Antwort. So unterschiedlich die Nachtleben-Orte einer Stadt sind, so unterschiedlich sind auch die Gründe, warum sie wieder verschwinden.

Am Ende sind es viele verschiedene Dinge, die mit der Zeit kumuliert sind und die dazu geführt haben, dass das Nachtleben nicht mehr so blüht wie vor 20 oder 30 Jahren. Manches ist ein spezielles Dortmunder Problem, vieles eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung.

Michael Walter, Betreiber der Disko Village am Westenhellweg, beschäftigt sich intensiv mit der Entwicklung des Nachtlebens. Er ist Mitglied im Bundesverband deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe und weiß daher, dass es in ganz Deutschland ein Diskothekensterben gibt. Hubertus Brand und Holger Schmidt vom Verein „Ausgehen in Dortmund“, einer Interessenvertretung der Dortmunder Clubs, gehen sogar noch einen Schritt weiter. In ganz Europa, sagen sie, kämpften Clubbetreiber ums Überleben.

In Dortmund gibt es noch etwa 25 Clubs und Diskos

Und wenn man sich allein die nackten Zahlen anschaut, dann steht Dortmund nicht schlechter da als andere vergleichbar große Städte in der Region. Dortmund hat zurzeit rund 25 Clubs und Diskotheken, noch ein paar mehr, wenn man auch Orte hinzuzählt, die zumindest ab und zu Tanzveranstaltungen organisieren. In Essen gibt es nach Auskunft der dortigen Stadtverwaltung 20 Diskobetriebe, in Bochum 18, in Duisburg noch etwas weniger. Nur Düsseldorf sticht mit etwa 50 Clubs und Diskos heraus, was bestimmt auch am zahlungskräftigeren Publikum liegt.

Aber es gab eben auch Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da gab es allein in Dortmund sicher ein Dutzend gutgehende Diskos mehr.

Das Ausgehverhalten der jungen Leute hat sich verändert

Der demografische Wandel, sagt Hubertus Brand, treffe auch das Nachtleben. Es gibt mehr alte und weniger junge Menschen und damit weniger Menschen, die ausgehfreudig sind. Und die, die zur Zielgruppe zählen, gehen heute anders aus als vor 20 Jahren.

Über allem schwebt die technische Revolution der Kommunikation. Früher waren Kneipen und Diskos die klassischen Orte, an denen man abends Freunde traf. „Wir zogen von Laden zu Laden, bis wir Leute trafen, die wir kannten“, erinnert sich Elke Wichert, in den 1960er- und 1970er-Jahren aktive Partygängerin, „und das dauerte nie lange.“

Ria‘s Saloon war eine der ersten Dortmunder Diskos. Er öffnete 1965.

Ria‘s Saloon war eine der ersten Dortmunder Diskos. Er öffnete 1965. © Archiv Kornbrennerei Krämer

Natürlich konnte man sich im Vorfeld verabreden. Doch sobald man die Haustür hinter sich schloss, war man weg. Handys und spätestens Smartphones änderten das grundlegend: „Wir sitzen doch woanders“, „Wir sind noch bei Paul“, „Hier ist langweilig, wir gehen jetzt da und da hin“ – nun alles kein Problem mehr.

Vieles, sagt Michael Walter vom Village, wofür junge Menschen früher in die Disko gegangen sind, könnten sie heute online erledigen: Sie können dort flirten, auf Fotos ihre schönen Klamotten präsentieren und die neuste Musik hören.

Der Anspruch junger Menschen an das, was ein Club zu bieten habe, sei deshalb gewachsen, meint auch Nachtleben-Urgestein Thomas Gehrmann: „Wenn du Ende der Siebziger eine anständige Anlage und drei Glühbirnen an der Wand hattest, war das ein Grund für die Leute, zu dir zu kommen.“ Die Erwartungen sind heute ganz andere, höhere. „Die Leute wollen etwas Neues erfahren, sie sind schnell gelangweilt“, sagt Holger Schmidt von Ausgehen in Dortmund.

Auch gebe es längst nicht mehr die eine Stammdisko, in die man jeden Freitag oder Samstag gehe. Die Partygänger suchten sich heute gezielt spezielle Partys aus, die sie ansprächen, dafür nehmen sie auch längere Anreisen in Kauf. Darauf müssten sich Club-Betreiber einstellen.

„Die Leute gingen immer später raus“

Günter Link hat die Nachtszene in Dortmund in den 1960er-Jahren mit aufgebaut. Der gelernte Techniker, Spitzname „Lord Link“, war einer der ersten DJs Dortmunds und bis in die 1980er aus dem Nachtleben der Stadt nicht wegzudenken. Unter anderem betrieb er das Holiday, einen Vorläufer des Kellers (noch so ein untergegangener Club-Standort).

Fragt man Link, was die Szene in Dortmund über die Jahrzehnte verändert hat, nennt er zwei einschneidende Entwicklungen: die Verschärfung der Alkoholkontrollen auf den Straßen Ende der Siebziger („Wenn nicht gesoffen wird, kann man auch kein Geschäft machen“) und eine schleichende Veränderung des Ausgehverhaltens in den 1980ern. „Die Leute gingen immer später raus“, sagt er.

Link war dafür bekannt, mit verrückten Aktionen Gäste in seine Diskos zu locken. Mal rief er eine ländliche Woche aus und ließ echte Hühner durch seinen Laden laufen, mal baute er eine Holzhütte auf der Mitte der Tanzfläche auf, die dann von Models in Strapsen mit Äxten zerstört wurde. „Früher konnte ich mir schon für 19 Uhr die erste Aktion überlegen“, sagt er. Schon um 19 Uhr in den Club? Heute unvorstellbar, wo Partynächte allerfrühestens um 22 Uhr, eher um 23/24 Uhr beginnen.

Eine Vortrink-Kultur wie heute habe es in den 80ern noch nicht gegeben, meint Thomas Gehrmann: „Man hatte davor höchstens ein, zwei Bierchen in der Eckkneipe, um 20 Uhr waren die Diskos voll.“

Die Möllerbrücke zwischen Kreuz- und Klinikviertel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Outdoor-Partyort entwickelt. Das „Möllern“ ist auch eine Konkurrenz für die klassischen Clubs.

Die Möllerbrücke zwischen Kreuz- und Klinikviertel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Outdoor-Partyort entwickelt. Das „Möllern“ ist auch eine Konkurrenz für die klassischen Clubs. © Thomas Thiel

Auch die sommerliche Verlagerung des öffentlichen Lebens nach draußen, in die Parks und auf die Plätze mit einem Sixpack aus der Trinkhalle, hätte den Diskos geschadet, meint Gehrmann. Das Möllern an der Möllerbrücke im Kreuzviertel oder das gemeinsame Bier-Trinken am Bergmann-Kiosk am Wall sind Phänomene, die es vor einigen Jahren noch nicht gegeben hat und die wiederum den Club-Besuch verdrängen.

„Die ganze Stadt ist zum Feier-Platz geworden“

Das bestätigt Hubertus Brand vom Verein Ausgehen in Dortmund, der in den Nullerjahren auch das Thier-Gelände aufgebaut hat: „Die ganze Stadt ist zu einem Feier-Platz geworden.“

Die Zahl der Festivals in Dortmund ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen – Zehntausende kommen jedes Jahr zum Juicy Beats, zum Ruhr Reggae Summer, zu Dortmund Olé und den DJ-Picknicks. Um sich das Ticket dafür leisten zu können, spare sich der ein oder andere dann sicher auch so manchen Club-Besuch.

Leistungsdruck schlägt auf die Partylaune

Auch die Tage, an denen man feiern geht, sind deutlich weniger geworden. Während früher auch montags, dienstags und mittwochs etwas los war in der Stadt, konzentriert sich das Nachtleben heute fast ausschließlich auf das Wochenende.

Unter der Woche geht kaum noch jemand in Clubs – aus gutem Grund. „Die jungen Leute haben einen anderen Leistungsdruck. Sie wollen feiern, aber nur freitags und samstags“, sagt Hubertus Brand. Und das auch längst nicht mehr so exzessiv. Verkatert zur Arbeit oder mit Restalkohol im Blut eine Klausur an der Uni zu schreiben – das ist vielen zu anstrengend.

Das Rauchverbot tat den Diskos richtig weh

Und dann gibt es da noch ein paar politische Entwicklungen, die den Clubbetreibern nicht in die Karten spielen. Nachtleben-Experte Didi Stahlschmidt macht für das Club-Sterben zum Beispiel auch das fehlende Sponsoring der Zigaretten-Industrie verantwortlich, die sich spätestens seit dem Rauchverbot weitestgehend zurückgezogen habe. Früher habe diese vielen Clubs bei der Finanzierung geholfen.

„Das Rauchverbot ist ein neuralgischer Punkt“, sagt auch Nightrooms-Betreiber Holger Schmidt. Rauchen und Feiern gehöre für viele zusammen – und das Verbot habe vielen Clubs das Genick gebrochen. Bei ihm, sagt Michael Walter vom Village, habe das Nichtraucherschutzgesetz zu großen Einnahmeeinbußen geführt.

Es gibt kaum Locations für Clubs und Diskos

Nicht nur was das Rauchen angeht sind die gesetzlichen Vorschriften heute sehr viel strenger als vor 20 oder 30 Jahren. Brandschutz, Lärmschutz, Hygienevorschriften, Sicherheitskonzept – ein Betreiber muss etliche Bedingungen erfüllen. Früher sei da längst nicht so genau hingeschaut worden. „Heute muss man Profi sein, um einen Club zu machen“, sagt Heike Tasillo vom Ordnungsamt der Stadt Dortmund.

Wer sich trotz aller Hürden entscheidet, es mit einem Club in Dortmund zu versuchen, der scheitert dann an der Suche nach einem geeigneten Ort. „Es gibt ja kaum Locations“, sagt Didi Stahlschmidt. Hubertus Brand und Holger Schmidt bestätigen das. An vielen Standorten, an denen einst das Nachtleben blühte, ist heute gar kein Clubbetrieb mehr möglich.

Das Thier-Gelände (Bildmitte) war zehn Jahre lang Dortmunds angesagtestes Party-Quartier. Es wurde 2009 abgerissen, um Platz für die Thier-Galerie zu machen.

Das Thier-Gelände (Bildmitte) war zehn Jahre lang Dortmunds angesagtestes Party-Quartier. Es wurde 2009 abgerissen, um Platz für die Thier-Galerie zu machen. © Dieter Menne (Bild von 2005)

Der Soundgarden musste einem Neubaugebiet weichen, die Live-Station Umbauarbeiten am Hauptbahnhof, das Thier-Gelände fiel der Thier-Galerie zum Opfer. Die Keller-Räume an der Geschwister-Scholl-Straße, in denen 50 Jahre lang Diskos zu Hause waren, stehen leer und sollen auch nicht wieder belebt werden mit Partygängern. Dort, wo 1964 Dortmunds erste Disko – das Metronom – aufmachte und zuletzt die Suite 023 war, sind jetzt Büros und das Purple im RWE-Tower schloss, weil die Sparda Bank die Räume brauchte.

Neubauten, wo ein Clubbetrieb vorgesehen ist, gibt es nur wenige. Einzig an der Warsteiner Music Hall auf Phoenix-West ist zurzeit ein neuer Club geplant.

Heute fehlen Elektro- und Live-Clubs

Auch wenn es vielleicht quantitativ noch vergleichsweise gut aussieht in Dortmund, so gibt es doch qualitativ erhebliche Mängel in Dortmunds Disko- und Clubszene.

Für Thomas Gehrmann ist eine Schwäche des Dortmunder Nachtlebens, dass es inzwischen ältere Partywillige ausklammert: „Früher gab es Läden wie das Number One, wo es nichts Ungewöhnliches war, dass da Leute von 35 bis 50 Jahren verkehrten. So etwas fehlt heute.“ Er werde häufig von Freunden gefragt, wo man denn überhaupt noch zum Feiern hingehen könne, erzählt der 60-Jährige. Dass die Nachfrage danach da sei, zeige der Erfolg von Ü30/Ü40-Partys: „Die sind immer brechend voll.“

Aus seiner Sicht, sagt Didi Stahlschmidt, fehlen Dortmund vor allem in zwei Bereichen die Clubs. Zum einen sei die Underground- und Elektro-Szene nicht mehr in der Stadt vertreten, seit Clubs wie das Le Grand, das Versteck oder der Bakuda-Club nicht mehr existierten. Dasselbe gelte für Live-Clubs, wie es früher etwa die Live-Station war oder das alte FZW am Neuen Graben.

In der Live-Station am Hauptbahnhof traten Hunderte Bands auf.

In der Live-Station am Hauptbahnhof traten Hunderte Bands auf. © DJ Firestarter

Und in den Clubs, die es gibt, ist das Programm teilweise beliebig. So ziemlich jede Disko hat eine 90er-Party auf dem Programm stehen, Charts und Schlager, das übliche „Hit-Feuerwerk“, auch das bekommt man an jeder Ecke. Es gebe keine spektakulären Clubs mehr, meint etwa Ex-DJ Günter „Lord“ Link. Sein Sohn, der in den Zwanzigern sei, klage häufig, „dass es in Dortmund nur 08/15-Clubs ohne besonderes Charisma gibt“.

Dortmunds Nachtleben braucht neue Konzepte

Doch auch wenn viele Dortmunder dem Thier-Gelände, dem Ostwallviertel und dem Soundgarden noch immer hinterhertrauern, macht es für heutige Club-Betreiber wenig Sinn, sich an alten Zeiten zu orientieren. Das Club-Leben hat sich verändert. So, wie es früher war, wird es nicht wieder werden. Es braucht neue Konzepte.

Man dürfe das Konzept eines Clubs heute nicht mehr so streng denken, meint Club-Vertreter und Nightrooms-Betreiber Holger Schmidt. Trotz aller sozialen Medien gebe es weiterhin Kommunikation im echten Leben. Die verlagere sich nur in andere Bereiche. So wachse, im Gegensatz zur Club-Szene, die Dortmunder Gastro-Szene seit Jahren rasant. „Nachtleben bedeutet nicht, dass es irgendwo einen festen Club gibt“, sagt Hubertus Brand.

Ein funktionierendes Nachtleben ist nun im Interesse der Stadtverwaltung

Auch das Verhältnis der Öffentlichen Stellen in Dortmund zum Nachtleben hat sich gewandelt. Noch in den 1980er-Jahren hatte die Lokalpolitik mit einer Änderung des Bebauungsplans dafür gesorgt, dass das Kneipenviertel am Ostwall langsam, aber sicher starb. Anwohner konnten nun strikter auf die Einhaltung der Nachtruhe pochen, die das Ordnungsamt auch konsequent durchsetzte.

In den vergangenen 10, 15 Jahren ist es jedoch zu einem Kulturwandel gekommen. Dortmund will sich nun als pulsierende, vielfältige Großstadt präsentieren, auch um mehr Städtetouristen anzuziehen. Und wer als urban gelten will, braucht eine lebendige Nachtszene.

Dabei hilft auch der „Runde Tisch Nightlife“, an dem Ordnungsamt, Polizei und Club-Betreiber sitzen. Sein ursprüngliches Ziel, die bis Ende der Nullerjahre drastisch gestiegene Zahl der Straftaten in der Ausgehszene stark zu senken, erreichte er innerhalb weniger Jahre.

Inzwischen ist er ein Forum für den kontinuierlichen Austausch zwischen allen Beteiligten geworden. „Unsere Aufgabe ist es, eine friedliche Koexistenz zwischen Anwohnern und Partygängern hinzukriegen“, sagt Heike Tasillo vom Ordnungsamt.

Das Junkyard in der Nordstadt ist einer der neuen Vertreter des Dortmunder Nachtlebens. Es setzt auf eine Mischung aus Gastronomie, Club-Betrieb, Live-Musik und Kultur-Veranstaltungen.

Das Junkyard in der Nordstadt ist einer der neuen Vertreter des Dortmunder Nachtlebens. Es setzt auf eine Mischung aus Gastronomie, Club-Betrieb, Live-Musik und Kultur-Veranstaltungen. © Junkyard

Ein Schlüssel zum Erfolg eines florierenden Nachtlebens könnte die Verbindung von Kreativwirtschaft und Clubleben sein, glaubt Hubertus Brand. Das Kreuzviertel sei dafür ein gutes Beispiel. Im Unionviertel ist in den vergangenen zehn Jahren mit dem View und dem Moog im U-Turm, dem FZW und der Marlene-Bar eine neue kleine Ausgeh-Meile entstanden, Tür an Tür mit neuen Galerien.

Und auch in der Nordstadt gebe es mit dem Rekorder, dem Junkyard und in Teilen auch dem Tyde und dem Sissikingkong einige Läden, die zeigen, wie es heute funktionieren könne, sagt Didi Stahlschmidt. Sie setzen auf eine Mischung aus Gastronomie, Club-Betrieb, Live-Musik und Kultur-Veranstaltungen. Hier kann man einfach nur ein Bierchen trinken und dabei einer netten Band lauschen, man kann aber auch die ganze Nacht durchfeiern. Und man kann hier auch zu einem Flohmarkt gehen, zu einer Lesung, zu einer Diskussion – und das alles an einem Ort.

Jede neue Generation entscheidet für sich, was ein gutes Nachtleben ausmacht. Und es gibt durchaus Anzeichen, dass Dortmunds Nachtszene auf dem richtigen Weg ist.

Zur Sache

Serie „Legenden des Dortmunder Nachtlebens“

Seit April 2018 haben wir jeden Samstag legendäre Dortmunder Diskos vorgestellt. Mit diesem Text endet unsere Serie. Alle Folgen können Sie hier nachlesen.
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