Jörg Moberg präsentiert sein Traumhaus auf dem Gelände des geplanten Tiny Villages in Sölde. Der Architekt und seine Frau haben mit ihren Freunden Waldemar Lorkowski und Birgit Gockel (1. und 2. v. r.) eine Baugruppe gegründet. Gerald Kampert (M.) betreut das Tiny Village für die Stadt Dortmund. © Oliver Schaper
Tiny Village in Sölde

Dortmunds Mini-Häuslebauer: Tausche Landhaus mit Wald gegen „Tiny House“

Jörg Moberg, Waldemar Lorkowski und Birgit Gockel wohnen in Häusern mit riesigen Gärten. Doch sie wollen all das aufgeben für Mini-Eigenheime im geplanten Tiny Village in Sölde. Warum nur?

Man kann guten Gewissens sagen, dass es Jörg Moberg ziemlich gut getroffen hat. Der 58-Jährige wohnt zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Landhaus in Herdecke. Das charmante Gebäude mit 160 Quadratmetern Wohnfläche liegt auf einem mehrere Tausend Quadratmeter fassenden Grundstück: „Wir haben sogar einen kleinen Wald.“

Mobergs Zuhause ist der Stoff, aus dem die Träume von vieler Möchtegern-Eigenheimbesitzer sind. Doch der Architekt hat genug davon: „Irgendwann haben wir festgestellt, dass wir so viel gar nicht brauchen.“ Moberg treibt ein anderer Traum um: Er führt ihn auf einen verlassenen Sportplatz in Sölde.

Deutschlandweit einzigartiges Tiny Village soll in Dortmund entstehen

Dort plant die Stadt Dortmund seit 2019 ein nach eigenen Angaben deutschlandweit einzigartiges Neubaugebiet: Direkt hinter der Emschertalschule soll auf gerade einmal 1,5 Hektar ein „Tiny Village“ entstehen, eine Siedlung mit „Tiny Houses“.

Wie groß die einzelnen Mini-Eigenheime genau werden, steht noch ebenso wenig fest wie ihre Anzahl. In einer ersten Gestaltungsskizze sind es rund 30, es können aber auch mehr oder – das ist unwahrscheinlicher – weniger werden.

Eine erste Gestaltungsskizze für das geplante Tiny Village in Sölde; südlich von ihm verläuft die Emscher, dahinter ist der Emscher-Radweg zu sehen. Im Zentrum: die Emschertal-Grundschule.
Eine erste Gestaltungsskizze für das geplante Tiny Village in Sölde; südlich von ihm verläuft die Emscher, dahinter ist der Emscher-Radweg zu sehen. Im Zentrum: die Emschertal-Grundschule © Stadt Dortmund © Stadt Dortmund

Nur ein paar Leitplanken stehen schon fest, erklärt Gerald Kampert vom Stadtplanungsamt, der das „Tiny Village“-Projekt leitet: Etwa, dass das Neubaugebiet autofrei sein wird, und, dass die Häuser maximal zweigeschossig sein sollen.

Und die Wohnfläche pro Person. Ein Haus für eine Person darf maximal 45 Quadratmeter groß sein, für jede zusätzliche Person im Haushalt gibt es 15 Quadratmeter obendrauf. Ein Haus für eine vierköpfige Familie darf also maximal 90 Quadratmeter groß sein.

Der Plan ist, rund 600 bis 1000 Quadratmeter große Baugrundstücke an sogenannte Baugruppen zu vergeben. In diesen Baugruppen sollen sich mehrere Mini-Häuslebauer zusammen tun.

Die Mobergs aus Herdecke sind Teil der am längsten bestehenden Baugruppe. Gegründet haben sie diese mit einem befreundeten Paar, Birgit Gockel und Waldemar Lorkowski.

Die Sozialarbeiterin (50) und der Diät-Koch (52), der am Klinikum für Menschen mit Unverträglichkeiten kocht, wohnen derzeit in Kirchhörde zur Miete in einem Zweifamilienhaus, ebenfalls mit großem Garten.

Tiny-House-Pioniere: „Lieber im Garten grillen als Harley putzen“

Das Paar will mit dem Umzug nach Sölde ein Stück weit „die Kontrolle über die eigene Freizeit zurückgewinnen“, wie es Lorkowski formuliert. „Wir wollen unsere freie Zeit nicht mit dem Kümmern um Haus und Hof vergeuden“, sagt Gockel.

„Ich will nicht sonntags meine Harley putzen, sondern lieber mit meinen Freunden grillen und ein Bierchen trinken“, erklärt Lorkowski. „Ich muss Dinge nicht besitzen.“ Er teilt lieber: „Büchereiausweis statt eigene Bücher, Bahncard statt Auto, Streamingdienste statt Plattensammlung.“

Lorkowski, Gockel und die Mobergs eint nicht nur der Wunsch, sich kleiner zu setzen. Ihre neuen Häuser sollen auch ökologisch nachhaltig sein.

Ihre Baugruppe mit dem Namen „Emscherholz“ plant derzeit einen Mix aus zweigeschossigen Häusern mit 60 Quadratmeter Wohnfläche und kleineren mit 45 Quadratmetern. Hauptbaumaterial soll Holz sein, die Dämmung aus Stroh, der Innenputz aus Lehm.

Eine erste Visualisierung eines der geplanten „Tiny Houses“ von Moberg, Lorkowski und Gockel. © Baugruppe „Emscherholz“ © Baugruppe „Emscherholz“

Die Entwürfe der größeren Häuser – in zwei von ihnen wollen die beiden Paare ziehen – sind schon sehr weit gediehen: ein Wohnraum mit großen Fenstern und gläsernen Terrassentüren samt Essbereich und Küche im Erdgeschoss, ein kleines Schlafzimmer und ein bis zwei andere Räume oben. Dazu noch eine Sonnenterrasse, die auf dem vorgelagerten Eingangsbereich samt Bad thront.

Auch finanziell sollen sich die Mini-Eigenheime lohnen, sagt Architekt Moberg: „Wir wollen auch tiny bei den Kosten bleiben.“ Die Baugruppe plant aktuell mit 1600 bis 1800 Euro Bruttoherstellungskosten pro Quadratmeter – „bei Neubauten üblich sind aktuell 2000 Euro“, sagt Moberg.

Mit hochgerechnet 96.000 bis 108.000 Euro Baukosten sind die 60-Quadratmeter-Häuser aber immer noch kein günstiger Spaß.

Aktuell gibt es laut „Tiny Village“-Verantwortlichem Kampert neben „Emscherholz“ vier weitere Baugruppen, „die konkret wissen, was sie wollen“. Die Pläne sind sehr unterschiedlich: Eine Gruppe plane beispielsweise eingeschossige Bungalows in Reihenhaus-Bauweise, eine andere wiederum Modulhäuser.

So vielfältig wie die Ideen seien auch die potenziellen Mini-Häuslebauer, meint Gockel. Sie findet diese Individualität gut, schließlich soll das „Tiny Village“ keine Öko-Hippiekommune werden: „Ich möchte hier nicht morgens mit 30 Nachbarn Yoga machen.“

Doch noch ist die Zusammensetzung der Nachbarschaft Zukunftsmusik – dafür steckt das Projekt „Tiny Village“ noch zu sehr in den Kinderschuhen. Erst im Mai wird es ernst: Dann beginnt die konkrete Bewerbungsphase um die Baugrundstücke.

Die bereits bestehenden Baugruppen haben zwar einen zeitlichen Vorsprung bei ihrer Bewerbung, doch Kampert betont, dass es keine Garantie gebe, dass sie am Ende auch zum Zuge kommen: Wenn sich noch neue Baugruppen finden und eine überzeugende Bewerbung vorlegen, gebe es auch für diese noch gute Chancen. Momentan plant er mit acht Baugruppen mit jeweils etwa sechs Parteien – „und die kriegen wir auch voll“.

Erste Bewohner im „Tiny Village“ wohl frühestens 2023

Bis in Sölde tatsächlich die ersten „Tiny Houses“ stehen, wird es aber noch dauern: Zuerst muss noch der Bebauungsplan offiziell von der Politik beschlossen werden, womit Kampert Anfang 2022 rechnet, und danach steht auch noch die klassische Erschließung des Neubaugebiets mit Straßen und Kanälen an.

Wenn alles gut geht, hofft Jörg Moberg, dass er Anfang 2023 in sein neues kleines Traumhaus ziehen kann.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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