Dortmunds Nazi-Statthalter fliehen aus der Stadt

12. April 1945

Der siebte Tag der Befreiung Dortmunds 1945 beginnt mit einem Paukenschlag: Am 12. April 1945 flieht die Nazi-Stadtspitze aus der Stadt. US-Truppen kämpfen sich bis an den Rand der Innenstadt vor. Wie der Tag verlief? Alle Infos finden Sie im historischen Liveticker zum Nachlesen.

DORTMUND

, 12.04.2015, 08:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

8 Uhr: Die NS-Statthalter geben auf. Als der städtische Dezernent Dr. Hermann Ostrop, ein Zentrumspolitiker, am Morgen zum „Befehlsbunker“ an der Leipziger Straße kommt, ist der verlassen. Beamte der Stadtspitze einschließlich Oberbürgermeister, Polizei- und Parteispitzen haben sich abgesetzt.

„Als ich am Morgen des 12.4. zum Befehlsbunker kam, war dieser verödet. Der Polizeipräsident Altner hatte sich, wie nachträglich bekannt wurde, im Brünninghauser Park erschossen. Kreisleitung, Kommando der Schutzpolizei (bis auf  kleinere in der ganzen Stadt verstreute Restkommandos) und auch Oberbürgermeister Dr. Banike mit den städtischen Beamten, die außer ihm noch dem Volkssturm angehörten, hatten sich vom Feinde 'abgesetzt', und zwar nach Süden hin ins Sauerland“, berichtet Ostrop, der als Dezernent und Stellvertreter Banikes der Stadtspitze angehört, in seinen Erinnerungen zur letzten Kriegsphase und Besatzungszeit.

Dezernent Dr. Hermann Ostrop. Foto: Stadtarchiv Dortmund

9 Uhr: Teilweise chaotische Zustände in Vororten, die noch nicht erobert sind, aus denen sich aber die deutschen NS-Statthalter zurückgezogen haben. Weil auch die Wachmannschaften von Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlagern sich absetzen, kommt es zu Plünderungen, weil sich die Zurückgelassenen nur so versorgen können. Dazu kommt weiter Beschuss durch Tiefflieger und Artillerie.

Beispiel Syburg: „In den Räumen der Burgwirtschaftsbetriebe hatte die Firma Kortum, Bochum, ein riesiges Ausweichlager in Stoffen, Wäsche, Arbeitskleidung und dergleichen errichtet. Ausserdem stand dort von der NSV-Leitung (NS-Volkswohlfahrt, Anm.d.A.) Unmengen von Schüsseln. Die sollten bei eventuellen Großangriffen für die Ausgabe von Essen dienen“, schildert ein Zeitzeuge.

„Vagabundierende Polen und Russen hatten die Räume erbrochen und daraus fortgeschleppt, was sie zu tragen vermochten. Tiefflieger zwangen sie, ihren Raub teilweise fortzuwerfen und sich in Deckung zu bringen. So fand die Bevölkerung auf den Straßen ganze Bündel Bettbezüge, Handtücher, Kinderhöschen und dergleichen. Eine wilde Panik ergriff die Leute. Ein jeder wollte noch im letzten Moment von den wertvollen Schätzen erhaschen, die jahrelang in Folge der Kriegsbewirtschaftung hatten entbehrt werden müssen. Dazwischen setzte Tieffliegerbeschuss ein, und die Menschen flüchteten wieder in ihre Behausungen.“

9.30 Uhr: Die Amerikaner lassen Flugblätter über dem Stadtzentrum abwerfen, die für Unruhe sorgen. „Nun durchtobten die wildesten Gerüchte Dortmund. Die einen hatten selbst gelesen, daß bis um 12 Uhr die Stadt übergeben sein müßte, sonst würde sie durch Bomben und Artillerie flachgelegt. Andere, und denen schenkte ich mehr Glauben, sagten, der Inhalt des Flugblattes wäre folgender gewesen: Jeder weitere Widerstand ist zwecklos! Ergebt Euch! Werft die Waffen fort! Das Privateigentum wird geschützt! - Von Bombardement stand in diesem Flugblatt nichts. Die Ängstlichen gingen kurz vor 12 zum Bunker, ‚weil um 12 Uhr ein Angriff käme’! Wir blieben ruhig zu Hause und lachten die Leute aus. Es kam auch wirklich nichts!“ berichtet ein Anwohner aus der Silberstraße.

Von Bombardement stand in diesem Flugblatt nichts, sagt ein Anwohner aus der Silberstraße. Foto: Nationalarchiv

10 Uhr: Kampflos nehmen die Amerikaner Sölde im Südosten und Löttringhausen im Südwesten ein sowie im Norden über Schwieringhausen und Holthausen kommend große Teile von Eving, wo schon seit Tagen weiße Fahnen wehten. Dort wird als einer der strategisch wichtigsten Punkte auch die Zeche Minister Stein besetzt.

10.30 Uhr: Immer wieder feuert die US-Artillerie aus Lütgendortmund in Richtung des Dortmunder Westens. Der Lütgendortmunder Dr. W. Kötting beschreibt in sie in seinem Tagebuch – genauso wie das neue Leben mit den US-Soldaten: 

Radio-91.2-Moderator Dietrich Hellmann liest aus dem Tagebuch von Dr. W. Kötting:

11 Uhr: In Hörde kommt es zu letzten kleinen Kämpfen mit amerikanischen Soldaten. Auf der Hermannshütte beseitigen Arbeiter derweil schon die ersten Kriegsschäden. 

12 Uhr: Über Huckarde sind die US-Soldaten auch nach Dorstfeld vorgestoßen„Die ersten Amerikaner gingen in geduckter Haltung, mit schußbereitem Schnellfeuergewehr auf der Wittener Straße vor, dicht an den Häusern entlang“, berichtet eine Augenzeugin.

„Sie zwangen die Bevölkerung, Hindernisse wegzuräumen, die auf der Fahrbahn lagen. Erst später kamen US-Jeeps. Lautsprecher forderten die Bewohner auf, keinen Widerstand mehr zu leisten und weiße Tücher zu zeigen. Pfarrer Otto Jünnemann von der Borromäus-Gemeinde in Oberdorstfeld, der als einer der ersten Kontakt mit den US-Truppen hatte, hißte am Kirchturm eine weiße Fahne. Er bekam deswegen Schwierigkeiten mit einigen unentwegten Männern des 'Volkssturms', die immer noch an den ‚Endsieg’ glaubten und weiterkämpfen wollten. Beherzte Bergleute stellten sich aber gegen sie: ‚Ihr seid wohl verrückt. Macht, daß ihr hier wegkommt!’ Darauf verschwanden sie.“

13 Uhr: Letzte Widerstandsversuche in Brackel. Auf dem Hellweg fahren drei deutsche Sturmgeschütze auf. Ein US-Jeep, die aus Richtung Asseln kommt, wird in Brand geschossen. Die Insassen können sich retten, kriechen im Straßengraben zurück. Doch eines der Sturmgeschütze, das sich auf den Weg in Richtung Westen gemacht hat, wird von einem US-Panzer abgeschossen. Die Mannschaften der anderen Kampfwagen setzen sich nach Süden ab.

14 Uhr: Immer mehr deutsche Soldaten ziehen sich zurück. „Am 12. April zogen einige Trupps der Wehrmacht, die Dortmunder verteidigen sollten, durch die Straßen nach Süden ab. Auf Hand- und kleinen Leiterwagen zogen sie ihr weniges Gepäck hinter sich her“, berichtet ein Anwohner aus dem Dortmunder Osten. Andere Soldaten verstecken oder verbrennen ihre Uniformen, um einer Gefangennahme zu entgehen. Teilweise stellen sie sich aber auch freiwillig in ganzen Gruppen den Eroberern und lassen sich abführen.

Einige Truppen zogen sich zurück. Foto: Stadtarchiv Dortmund

15 Uhr: Wellinghofen wird von US-Truppen kampflos eingenommen. Viele Anwohner hatten weiße Tücher herausgehängt. In Geschäften und sogar im verlassenen Verpflegungslager der Polizei kommt es zu Plünderungen, bis die Amerikaner einschreiten.

Wellinghofer Schüler schrieben später ihre Erlebnisse in Aufsätzen auf. Radio-91.2-Volontärin Selina Wilson liest sie vor:

16.30 Uhr: Nach einem Bombenangriff, der mehrere Verletzte fordert, wird am Nachmittag am Aplerbecker Amtshaus eine weiße Fahne gehisst. Dietrich Hans und Anton Kalt sorgen dafür, dass dies wenig später auch am Turm der evangelischen Kirche von Aplerbeck geschieht. Kalt, Bergmann und früherer KPD-Aktivist und Widerstandskämpfer, schlägt sich schließlich als Parlamentär mit dem Rad zu den amerikanischen Truppen nach Sölde durch und erklärt dem dortigen Kommandanten, dass in Aplerbeck kein Widerstand geleistet werde.  

Was sich an diesem Tag in Aplerbeck abspielte, zeigt ein Schreiben des Städtischen Bezirksamtes Aplerbeck zu den Ereignissen – vorgelesen von Radio-91.2-Sprecher Norbert Hoffmann:

17 Uhr: Über Brackel und Wambel rücken die US-Truppen bis an den Rand der Innenstadt vor. Ein deutscher Batterie-Gefechtsstand, der in der wegen der Straßennamen so genannten Malersiedlung südlich der Bahnlinie in Körne Stellung bezogen hatte, setzt sich in Richtung Holzwickede ab.

„Wenig später kam ein Trupp amerikanischer Soldaten die Hans-Holbein-Straße hoch, baute oben in unserem Dielenfenster das Maschinengewehr auf, weil man dort den Blick frei hatte bis zum Westfalendamm und rechts bis über die Stadtgärtnerei hinweg“, heißt es in einem Zeitzeugenbericht.

„Sie sollen wohl noch ein paar deutsche Soldaten beschossen haben, die den heutigen Winkelriedweg entlang zum Nussbaumweg hin liefen. Nach einer Viertelstunde zogen die Amerikaner wieder weiter. Damit war auch in der Malersiedlung der Krieg vorbei.“

18 Uhr: Am Abend rollen die US-Panzer in Aplerbeck an, wie ein Augenzeuge schildert„Ich war gerade mit dem Fahrrad bis zur Landeskrankenanstalt gekommen. Das Heereszeugamt (heute Materialprüfungsamt) wurde gerade gesprengt, als deutsche Soldaten mit Pferdewagen uns entgegenkamen. Plötzlich lautes Rumoren, dann kamen uns Amerikaner um die Tankstelle herum entgegen.

Jetzt wurde es Zeit, zurückzufahren zu unseren Eltern und ihnen zu berichten. Nachdem hinter der Archenbecke noch geschossen wurde, kamen die Panzer mit den Amerikanern die Marsbruchstraße hoch. Mit weißen Tüchern schwenkend, war für die Menschen in Aplerbeck der Krieg zu Ende.“ Anton Kalt, der mutige Parlamentär, wird von den Amerikanern zum Ortsbürgermeister ernannt.

19 Uhr: Die Amerikaner haben die südliche Innenstadt erreicht. In der Chronik der St. Bonifatius-Kirche nahe der B1 heißt es: „Am Abend ist unser Stadtteil voller amerikanischer Panzertruppen. Die Soldaten sehen sehr gesund aus und sind auf das beste ausgerüstet (...). Ein Völkergemisch. Sie vergnügen sich schnell auf der Straße mit Ballspielen. Sie sind sehr ängstlich und tragen Waffen immer schußbereit mit sich. Jetzt beginnt eine jahrelang nicht gekannte Ruhe, und alles atmet doch auf.“

20 Uhr: Das Stadtzentrum liegt ein letztes Mal unter Beschuss. „Der morgens ausgebliebene Beschuß kam allerdings noch schlimmer als alle anderen. Etwa eine Viertel Stunde lang lagen wir unter Störungsfeuer. Es sollte Gott sei Dank der letzte Beschuß gewesen sein. Abends legten wir uns genau wie an den anderen Tagen ins Bett und schliefen ungestört und herrlich im Keller“, heißt es in einer Tagebuchnotiz eines Innenstadt-Bewohners.

23 Uhr: Ohne Widerstand nehmen US-Truppen Kirchhörde ein. Wir beenden damit unseren historischen Kriegsende-Liveticker für heute mit einem Überblick über die bisher befreiten Gebiete (grün):

Was bisher geschah:

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