Dortmunds U42: Eine Fahrt durch alle Facetten der Stadt

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Zechensiedlungen, Plattenbau-Sünden und stuckverzierte Altbauten - endlose Felder, eine boomende Einkaufsmeile und das größte Fußballstadion Deutschlands: Wer sich ein Bild vom Leben in Dortmund machen will, muss eigentlich nur einmal 34 Minuten lang U42 fahren.

DORTMUND

, 03.04.2015, 04:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Reise beginnt in den Feldern. Da, wo die Großstadt noch richtig grün ist. Der Dortmunder Vorort Grevel ist noch ein echtes Dorf mit Traktoren und eigenem Mikro-Kosmos. Hier beginnt die Linie der Stadtbahn U42. Von hier aus fährt man in 34 Minuten einmal quer durch die Stadt. Durch Arbeiterviertel, durch das Problemquartier Nordstadt, unter der Fußgängerzone der Innenstadt entlang, bis ins gentrifizierte Kreuzviertel und ganz bürgerliche Siedlungen. 34 Minuten durch ein Soziotop des Ruhrgebiets.

Stefan Thabe kennt die Stadt in- und auswendig. Vor 48 Jahren ist er in Dortmund geboren, seit 2011 leitet er die Stadtentwicklung bei der Verwaltung. Die Qualifikation für diesen Job hat Thabe von der Straße: Um sich das Studium zu finanzieren, war er Taxifahrer. „Ich kenne jeden Stadtteil“, sagt er.  

Wenn Sie mit dem Mauszeiger über die blauen Kreise fahren, erscheinen Informationen zu den Stadtteilen entlang der Linie:

Um darzustellen, wie unterschiedlich die einzelnen Stadtteile sind, gibt es viele Kennzahlen. Entlang der Strecke haben drei verschiedene Parteien die letzten Kommunalwahlen gewonnen, die Arbeitslosenquote schwankt von 7,9 über 24,8 und zurück bis 7,5 Prozent. In manchen Wahllokalen haben rechtsextreme Parteien 7,4 Prozent der Stimmen gesammelt, wenige Kilometer weiter stehen sie bei 0,2 Prozent.

Steigt man im ländlichen Dorf Grevel in die Bahn ein, fährt man zunächst durch den Stadtbezirk Scharnhorst – lange Jahre als Schmuddel-Viertel verschrien. Nach dem Krieg wurden Siedlungen für Zehntausende Arbeiter hochgezogen, hier wohnen heute viele Migranten, vor allem Ost-Europäer, die sehr bildungsorientiert seien, wie Stefan Thabe erklärt: „Hier sind wir quasi fertig mit den Erneuerungsmaßnahmen.“ Doch nicht selten hört man hier in der Bahn Jugendliche mit Messern oder Softair-Waffen handeln. Interessant: Viele 70-Jährige wohnen hier immer noch in ihrer ersten Wohnung – naturgemäß wird es in einigen Jahren einen Umbruch geben.  

Weiter geht die Fahrt in die erschreckend faszinierende Dortmunder Nordstadt. „Wir hatten hier bis vor kurzem noch Jahre mit natürlichem Bevölkerungswachstum“, sagt Stefan Thabe. Es werden viele Kinder geboren und es gibt sehr viel Zuzug von außerhalb. Die Nordstadt ist das größte noch zusammenhängende gründerzeitliche Gebiet des ganzen Ruhrgebiets, viele Strukturen sind noch geradezu spießig: „Hier gibt es noch Tante-Emma-Läden – die heißen hier halt Onkel Ali“, scherzt Thabe.

Zweifelsohne kann man das Quartier aber nicht romantisieren. „Es gibt seit 30 Jahren große Probleme“, sagt der Stadtentwickler: „Und es kommen ständig neue hinzu. Da sind wir ein Stück weit mit überfordert.“ Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind allgegenwärtig. Thabe selbst habe 12 Jahre lang in der Nordstadt gewohnt – irgendwann habe er sich hier aber nicht mehr wohlgefühlt und sei weggezogen. In der Stadtbahn trifft man hier jetzt eher Menschen, die sich kein Auto leisten.  

Die Bahn verschwindet in einem Tunnel und lässt das Problemviertel hinter sich. Unter dem bunten Treiben der Innenstadt her erreicht sie das Kreuzviertel, Dortmunds neues Ausgehviertel. Hier sind die Mieten deutlich höher und die Leute plötzlich ganz anders. Studenten und umweltbewusste Pädagogen nutzen die Bahn, um hier in den Bus zur Universität umzusteigen oder um in die vielen Cafés und Kneipen des Viertels zu kommen.

Den fahrradfahrenden grünen Bezirksbürgermeister  kennt fast jeder, die Wahlbeteiligung ist mit teilweise 68,2 Prozent so hoch wie nirgendwo sonst in der Stadt. Innerhalb von vier Bahnhaltestellen regieren hier zunächst die SPD, die Grünen und dann die CDU die Stadtteile.  

Im CDU-Land angekommen, ist man auch in Dortmunds im Schnitt ältesten Stadtbezirk. Ältere Damen sitzen mit Einkaufstüten bepackt in den Waggons. In Hombruch gibt es wenig Migranten, Zuzug gibt es eher aus anderen Teilen der Stadt. Der Ort hat eine eigene Fußgängerzone, „ein wirtschaftlich stärkeres Zentrum als Schwerte oder Herdecke“, erklärt Stefan Thabe.

Vorbei an Skatepark, Hallenbad und Fußballplatz geht es zur Endstelle an der Grotenbachstraße: ein ganz normaler Tag in der U42. Normal ist hier auch, dass jedes zweite Wochenende die Bahnen vor Menschen überquellen – vor Menschen in gelben Fußballtrikots. Erstaunlich, dass es doch immer noch Menschen gibt, die samstagnachmittags bei Heimspielen des BVB versuchen, mit der Bahn zu fahren. Zwischen Innenstadt und Stadion ist für sie kein Hereinkommen, weil es schlicht zu voll ist.

Zechensiedlungen, Plattenbau-Sünden und stuckverzierte Altbauten - endlose Felder, eine boomende Einkaufsmeile und das größte Fußballstadion Deutschlands: Wer sich ein Bild vom Leben in Dortmund machen will, muss eigentlich nur einmal 34 Minuten lang U42 fahren.  

Im folgenden Video haben wir eine Fahrt von Grevel bis Hombruch in vierfacher Geschwindigkeit aufgenommen. Die unterirdischen Teile der Fahrt sind herausgeschnitten. So ergibt sich eine Fahrt durch alle Facetten der Stadt in sechseinhalb Minuten. 

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