Dortmunds Wursttheken geht das Personal aus

Projekt soll gegensteuern

"Darf's ein bisschen mehr sein?", lautet die Frage, die jeder Kunde schon einmal an der Wurst- oder Käsetheke gehört haben dürfte. Ein bisschen mehr dürfte es beim Personal für die Theken sein: Viele Supermärkte finden kaum Mitarbeiter - höchstens bei der Konkurrenz. In Dortmund werden Quereinsteiger gesucht. Fragen und Antworten.

DORTMUND

, 17.08.2016, 10:50 Uhr / Lesedauer: 2 min
Dortmunds Wursttheken geht das Personal aus

Die Fleischtheken in Supermärkten sind bei Kunden beliebt – das zeigen die häufig langen Schlangen davor. Der Job hinter der Theke ist dagegen nicht ganz ohne, entsprechend fehlt es an Bewerbern.

Es mangelt an Personal für die Bedientheken in Supermärkten. Ein neues Problem?

Nein, sagt Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland. "Wir haben das immer wieder vom Lebensmitteleinzelhandel gehört. Dies sei aber kein Dortmund-spezifisches Problem. Für Händler sei es "nahezu aussichtslos", Mitarbeiter/innen für die Bedientheken (Fleisch, Wurst, Käse, Fisch) zu finden – "außer man wirbt jemanden von der Konkurrenz ab".

Auch Karsten Nüsken vom gleichnamigen Dortmunder Edeka-Händler sagt, der Fachkräftemangel bei den Bedientheken sei nicht neu. Vielleicht hätten die Händler bisher nicht laut genug geschrien; vielleicht hätten Arbeitsagenturen und Jobcenter auch nicht genug geeignete Bewerber gesucht. 

Wie viele Verkäufer fehlen in Dortmund?

Eine genaue Zahl gibt es nicht. Der Handelsverband hat allerdings den Bedarf abgefragt, wonach zahlreiche Edeka- und Rewe-Händler in Dortmund Bedarf angemeldet haben: Sie könnten in über 30 Filialen direkt Leute einstellen, meist in einem Umfang zwischen 25 und 30 Wochenstunden. 

Wieso fehlt Personal den den Wurst-, Käse- und Fischtheken?

Wenn man das so genau wüsste, sagt ein Händler, hätte man schon eine Lösung gefunden. Karsten Nüsken, der in seinen Edeka-Märkten direkt Mitarbeiter/innen gebrauchen könnte, sagt, die Tätigkeit hinter der Theke sei "extrem dienstleistungsorientiert". Die meisten Auszubildenden wollten daher nicht dort arbeiten. Bei Rewe Dortmund heißt es von offizieller Seite... 

  • ...dass "die Ware Fleisch/Wurst für viele Schulabgänger ein schlechtes Image“ habe.
  • ...dass die Arbeitsbedingungen – kalt, feucht, langes Stehen, Öffnungszeiten – einige Bewerber abhalte. 

Ein Mitarbeiter eines Rewe-Marktes in Dortmund sagt, vor der Wursttheke stünden permanent Kunden, der Druck sei hoch. Verkäufer würden "schnell angepampt".

Welche Fähigkeiten benötigen Verkäufer hinter den Bedientheken denn?

Horst Reinemann, Inhaber dreier gleichnamiger Edeka-Märkte in Dortmund, schildert die Herausforderungen so: "Die Mitarbeiter stehen ständig im Fokus des Verbrauchers, müssen immer freundlich sein und mit offenen Lebensmitteln arbeiten – das ist schon eine Kunst." 

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Gerade mit Fleisch wollten heutzutage, da es viele Veganer gibt, viele nicht mehr arbeiten. Auch mit Kälte und Nässe müsse man klarkommen. Natürlich aber gibt es auch Menschen, die den Job machen – und das gerne. Reinemann: "Das sind schon tolle Leute, und das sind Typen – diese Typen brauchen wir."

Was geschieht in Dortmund, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Der Handelsverband hat mit dem Beratungsunternehmen "Soziale Innovation" sowie den Arbeitsagenturen und Jobcentern aus Dortmund und Hamm ein Projekt gestartet: Von den Agenturen/Jobcentern ausgewählte Bewerber sollen als Quereinsteiger auf eine Tätigkeit an Wurst-, Fleisch-, Käse- und Fischtheken vorbereitet werden.

In einer ersten Projektrunde sollen 25 arbeitssuchende Menschen in Dortmund qualifiziert werden. Sobald 25 Teilnehmer bereitstehen, absolvieren sie zunächst 14-tägiges ein Praktikum in einem Supermarkt eines der teilnehmenden Unternehmen. Können sich beide Seiten die Zusammenarbeit vorstellen, starten die Bewerber eine halbjährige Schulung (vier Tage Theorie, ein Tag Praxis), die in einen Arbeitsvertrag münden soll.

Ist das Projekt deutschlandweit einzigartig?

Das weiß Thomas Schäfer vom Handelsverband nicht. Ihm ist aber zumindest kein derartiges Projekt bekannt. Er hofft ebenso wie die anderen Projektteilnehmer sowie die Unternehmen auf einen Erfolg. 

In zwei weiteren Runden des Projektes sollen je 25 Personen im Kreis Unna/in Hamm und erneut in Dortmund für die Arbeit hinter der Bedientheke geschult werden. Das insgesamt zweijährige Projekt wird teils mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert. 

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