Das Wasser ging, die Trümmer bleiben. Tage nach der Flut-Katastrophe sind die Menschen in Hagen-Hohenlimburg immer noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. © Lukas Wittland
Flutkatastrophe in Hagen

Drei Monate nach der Flut: Arbeit bis zum Bandscheibenvorfall

Das schwere Unwetter in Hagen raubte Dominik Fischer sein Zuhause. Drei Monate später erinnert er sich an eine Horror-Nacht und eine Zeit danach, die weitere schlechte Nachrichten brachte.

Wenn es regnet, ist Dominik Fischer wieder zurück in der Nacht des 14. Juli. Die Erinnerungen schießen ihm blitzartig ins Bewusstsein. Schneller noch als damals die Wassermassen und das Geröll den steilen Hang hinter seinem Haus. Gegen die Erinnerung kann er so wenig machen wie damals gegen die zerstörerische Kraft der Natur.

Dominik Fischer steht vor seinem Haus in der Obernahmerstraße, das mal sein Zuhause war und es wieder werden soll. Er trägt einen Wollpulli und darüber eine dunkle Jacke. Es nieselt. Leichter Nebel hat sich im Nahmertal in Hagen-Hohenlimburg gesammelt.

Dominik Fischer steht im Erdgeschoss seines Hauses. In den Wänden sitzt noch die Feuchtigkeit. Der Boden mussten entfernt werden.
Dominik Fischer steht im Erdgeschoss seines Hauses. In den Wänden sitzt noch die Feuchtigkeit. Der Boden mussten entfernt werden. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Vor dem Haus deutet drei Monate nach den Regenfällen wenig auf die Verwüstung hin, die die Naturkatastrophe angerichtet hat. Ein blauer Container mit Schutt, Schmutz an den Fenstern und die Sperrholzplatte vor der Kellertür sind die sichtbarsten Zeichen.

Die Bundeswehr rückte mit Räumpanzern an

Das meterhohe Geröll auf den Straßen, das die Bundeswehr mit Räumpanzern beiseite geschoben hat, ist vor dem Haus der Fischers von Baggern weggeschafft worden. Über 300 Soldaten sind in Hagen nach den Überschwemmungen Einsatz im Einsatz, außerdem täglich 400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Technischem Hilfswerk aus Hagen. 600 Feuerwehrleute aus anderen Städten unterstützen.

Soldaten der Bundeswehr bergen mit einem Pionierpanzer ein zerstörtes Auto bei den Aufräumarbeiten der schweren Unwetterschäden in Hagen-Hohenlimburg.
Soldaten der Bundeswehr bergen mit einem Pionierpanzer ein zerstörtes Auto bei den Aufräumarbeiten der schweren Unwetterschäden in Hagen-Hohenlimburg. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Als die Straßen freigeräumt sind, kommen auch die freiwilligen Helfer. Es kommen viele. Trotzdem brauchen die Fischers mehrere Wochen, um den Keller sauber zu bekommen und den Schutt zu beseitigen, erzählt der Dominik Fischer.

Ohne die Mithilfe von Freunden und Bekannten wäre das nicht möglich gewesen. Sogar die rivalisierende Fußballmannschaft hat mit angepackt. In Dominik Fischers Stimme schwingt immer noch Rührung mit, wenn er darüber spricht. Im Garten sieht man wieder das Grün der Wiese, wo vor drei Monaten noch zwei Meter hoch das Geröll lag.

Das Haus der Fischers wenige Tage nach der Katastrophe. Der Garten ist voller Geröll.
Das Haus der Fischers wenige Tage nach der Katastrophe. Der Garten ist voller Geröll. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Er selbst hat sich in bei den Aufräumarbeiten übernommen. Es ist nicht nur der Regen, der ihn immer wieder an den 14. Juli erinnert. Es ist auch der Schmerz, der bei einer falschen Bewegung in den Rücken schießt. „Den Schutt und den Schlamm im Haus, konnten wir nur von Hand beseitigen“, erzählt Dominik Fischer. Zwei Wochen lang, arbeitete er jeden Tag im Haus. „Das war offenbar zu viel.“ Bandscheibenvorfall – mit 30 Jahren.

Das Haus der Fischers drei Monate nach der Katastrophe.
Das Haus der Fischers drei Monate nach der Katastrophe. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Eigentlich arbeitet er für die Städte Bochum und Gelsenkirchen und ist für die Instandhaltung der Oberleitungen der Straßenbahn zuständig. Aktuell aber ist er krank geschrieben.

Der Wasserdruck schleuderte die Kellertür auf die Straße

Am 14. Juli klingelt in der Nacht um kurz vor 1 Uhr das Telefon, erinnert sich Dominik Fischer. Seine Freundin und er schlafen um diese Uhrzeit im Obergeschoss. Am Telefon sind die Nachbarn. Sie sind schon vom Wasser geweckt worden und rufen an, um sie zu warnen.

Kurz danach hört der 30-Jährige es im Erdgeschoss des Hauses knallen, danach wieder und wieder. „Das müssen die Fenster gewesen sein“, sagt Fischer heute. Auf der Rückseite des Erdgeschosses hält nur eines den Wassermassen stand.

200 Liter Regen fallen in der Nacht auf den Quadratmeter. Zu viel für die Böden. Der kleine Bachlauf hinter dem Haus, der sonst gemächlich vor sich hinplätschert, schwillt an und bahnt sich seinen Weg den steilen Hang hinab. Durch die Fenster drückt er Schutt und Schlamm bis zu den Wänden an der Vorderseite des Hauses.

Dominik Fischer will noch die Tür des Kellers öffnen, damit das Wasser hindurchfließen kann, vorher wird sie aber vom Druck des Wassers mehrere Meter auf die Straße geschleudert. Erst später, sagt er, habe er realisiert, wie gefährlich die Situation war.

Der kleine Bachlauf hinter dem Haus von Dominik Fischer wurde zum reißenden Fluss, der sich seinen Weg den Hang herunter bahnte. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Mehrere Hundert Millionen Euro Schaden

Fährt man drei Monate nach der Katastrophe durch Hagen, sieht die Stadt wieder einigermaßen aufgeräumt aus. Doch auf dem Weg die Straße zum Obernahmertal hinauf stehen immer wieder Autos ohne Kennzeichen, die nach der Flut wohl nicht mehr fahrtüchtig sind. An wenigen Stellen liegt noch Unrat auf den Bürgersteigen. An einer Stelle nahe der Lenne arbeiten Bauarbeiter am Bett des Nahmerbaches.

Weiter die Straße entlang sieht es aus, als habe der Bach eine eigene Straße in die bewaldeten Hänge getrieben, so viel Geröll hat er mit sich gerissen. Mit einem Bagger tragen Bauarbeiter die Steine vor einer beschädigten Brücke ab. „Bis Weihnachten sind wir mit dem Ganzen bestimmt noch beschäftigt“, sagt ein Bauarbeiter und ergänzt: „Im nächsten Jahr.“ Er lacht. Man ist sich trotzdem nicht sicher, ob er es als Witz gemeint hat.

Eimerweise schleppten die Fischers mit vielen Helfern den Schlamm aus dem Keller des Hauses. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

In einer vorläufigen Meldung Mitte August übermittelt die Stadt Hagen einen Schaden von 200 Millionen Euro an das NRW-Heimatministerium, der der Kommune entstanden ist. Der Schaden bei Industrie und Handel wird auf etwa 550 Millionen Euro geschätzt. Für private Eigentümer liegt noch keine Aufstellung vor.

„Das gab es hier noch nie“

In das Geländer der Treppe, die zur Eingangstür vom Haus der Fischers führt, ist in geschwungenen Metallziffern das Erbauungsjahr eingearbeitet: 1874. „Das Haus hat schon meinen Großeltern gehört, und wahrscheinlich auch schon meinen Ur-Großeltern“, erzählt Dominik Fischer, „aber das gab es hier noch nie.“ Er ist froh, dass das Haus gegen Elementarschäden versichert ist.

Als er die Tür öffnet, dröhnen ihm die Lüftungs- und Trocknungsanlagen entgegen. Die Lüfter stehen auf Planken, die zwischen den den blanken Balken ausgelegt sind, damit man sich im Haus bewegen kann. Einen Boden gibt es im Erdgeschoss nicht.

Auch drei Monate nach der Katastrophe steckt die Feuchtigkeit noch in den Wänden. Der Putz ist deshalb abgeschlagen. Manche Balken sind abgestützt, weil sie unter der Last des Schutts eingeknickt sind. Kabel hängen aus den Wänden. Sie müssen neu verlegt werden. Es steht nur noch das Gerippe dessen, was mal ein Zuhause war, bevor das Wasser kam und den Schlamm und den Schutt mit sich brachte.

Die drei Brüder Dominik, Jan und Sven (v.l.) arbeiten seit dem schweren Unwetter täglich im Haus an der Oberahnerstraße. Dabei bekommen sie auch Hilfe von Menschen, mit denen sie vorher nur eine Rivalität verband.
Die drei Brüder Dominik, Jan und Sven (v.l.) arbeiten seit dem schweren Unwetter täglich im Haus an der Oberahnerstraße. Dabei bekommen sie auch Hilfe von Menschen, mit denen sie vorher nur eine Rivalität verband. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Dieses Haus, das war für die Fischers nicht bloß ein Wohnort, vielmehr war es ein Treffpunkt. Dominik Fischers jüngster Bruder Sven hat auch dort gewohnt, der Vater an Wochenenden. Der dritte der Brüder, Jan, kam häufig vorbei. „Wir sind sehr familiär“, sagt Dominik Fischer. „Das gemeinsam Essen und Feiern fehlt. Man lebt sich schnell auseinander, wenn die Entfernung untereinander größer wird.“

In einem Jahr werden die Fischers vielleicht wieder einziehen können

Dominik, Sven und ihr Vater sind bei ihren Freundinnen untergekommen. Die Versicherung hätte ihnen 200 Tage eine Unterkunft bezahlt. Danach hätten sie schauen müssen. Das Haus werden sie wahrscheinlich erst Mitte des nächsten Jahres wieder beziehen können. Eher Ende des nächsten Jahres, schätzt der Gutachter. Die Arbeiten gehen schleppend voran. Handwerker sind aktuell schwierig zu bekommen.

Manche Balken sind unter der Last des Gerölls gebrochen und müssen abgestützt werden.
Manche Balken sind unter der Last des Gerölls gebrochen und müssen abgestützt werden. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Dabei geht es den Fischers noch verhältnismäßig gut. Sie haben Kontakte zu einigen Firmen. Die ziehen sie anderen Aufträgen vor. „Wir sind damit vergleichsweise weit.“ Bei den Nachbarn sehe es anders aus, erzählt Dominik Fischer. Weil sich die Gutachter nicht einig über die Schadensumme sind, passiert dort aktuell nichts – aus Angst, dass die Versicherung nicht zahlt, wenn sie selbst Handwerker rufen. Sie kämen regelmäßig vorbei, um im Haus zu lüften, aber die nassen Wände schimmeln schon.

„Ihnen ist ins Gesicht geschrieben, dass sie kaum Hilfe haben“, sagt Dominik Fischer. Wie er seien sie froh, dass immerhin der Staub verschwunden ist. Noch eineinhalb Monate nach den Überschwemmungen staubt der Dreck am Boden, wenn die Lkw und Bagger über die Obernahmerstraße fahren.

„So ganz verarbeitet hat man es noch immer nicht“

Lüften konnten sie deshalb anfangs nicht, erzählt Dominik Fischer. Fahren Sie abends nach dem Aufräumen nach Hause, müssen sie vorher die Scheiben ihres Autos freiwischen. „Dieser Staub war kaum zu ertragen“, sagt der 30-Jährige. Dass sie ihn ständig eingeatmet haben, könne nicht gut sein, glaubt er. Aber was sollten sie tun? Es ist nichts, worüber es jetzt nachzudenken lohnt.

Dominik Fischer steht wieder draußen im Nieselregen. „So ganz verarbeitet hat man es noch immer nicht“, sagt er. „Ich weiß auch nicht, ob das überhaupt geht.“ Es wird die nächste Zeit nicht leichter für ihn werden. „Die nasse Jahreszeit kommt jetzt erst“, sagt Fischer. Bei Regen muss er an das Elternhaus denken. „Ich habe Angst, dass es wieder vollläuft. Am liebsten will ich dann da sein.“ Er macht eine Pause und zieht die Luft lange ein. Dann sagt er: „Es ist eine schwierige Zeit.“

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland