Polizei und Ordnungsamt zeigen im Oktober verstärkt Präsenz rund um den Drogenkonsumraum nahe der Thier-Galerie. © Felix Guth
Oberer Westenhellweg

Drogenszene der City: „Platzverweise und Strafanzeigen lösen Suchtprobleme nicht“

Die zuletzt offen geführte Diskussion über die Situation am oberen Westenhellweg führt zu ersten Ergebnissen. Welche das sind - und wie Polizei und Ordnungsamt die Lage in der City sehen.

Die angekündigte Conrad-Schließung war der Zündfunke für eine grundlegende Debatte in Dortmund. Die Situation am oberen Westenhellweg, insbesondere rund um den Drogenkonsumraum Café Kick, ist in den vergangenen Wochen in den Fokus geraten.

Sie wird kontrovers geführt – und führt nun zu ersten Ergebnissen, mit denen sich die Lage verbessern soll.

Mobile Wache steht in der Mitte des Kreisverkehrs

Bei einem Termin an der Martinstraße mit Vertretern von Polizei und Ordnungsamt Mitte Oktober ist zu beobachten, was sich geändert hat. An diesem Tag steht die mobile Wache, also ein Bulli von Polizei oder Ordnungsamt, in der Mitte des Kreisverkehrs, mit Blick auf den Eingang des Café Kick.

Ein Team der „Kommunalen Ordnungspartner“ von Polizei und Ordnungsamt beobachtet das Umfeld. Entsprechend gesittet und ruhig läuft es hier an diesem Tag ab.

Die Ordnungskräfte sind präsenter als noch vor wenigen Wochen. Die mobile Wache ist Teil eines „Schwerpunkteinsatzes“, den das Ordnungsamt für den gesamten Oktober an dieser Stelle ausgerufen hat.

Mehr Streifen, Kontrolle in den Morgenstunden

Zwischen 10 und 18 Uhr gibt es eine verstärkte Streifentätigkeit, auch in den Morgenstunden finden zusätzliche Kontrollen statt.

In keinem Bereich der Dortmunder Innenstadt, das bestätigen die Einsatzleiter vor Ort, ist derzeit so viel uniformiertes und ziviles Personal unterwegs wie in den kleinen Seitenstraßen am oberen Westenhellweg.

Ralf Kießling (l.), Leiter der Polizeilichen Sonderdienste in der Polizeiinspektion 1 und Jürgen Walther, Abteilungsleiter Allgemeine Sicherheit und Ordnung beim Ordnungsamt der Stadt Dortmund. © Felix Guth © Felix Guth

Wie lange das noch notwendig ist, vermag Jürgen Walther, Abteilungsleiter Allgemeine Sicherheit und Ordnung beim Dortmunder Ordnungsamt, aktuell nicht zu sagen: „Wir würden gerne irgendwann zum normalen Alltag zurück kehren. Aber man muss solche Sachen zwischenzeitlich auch hochfahren.“

Im Drogenkonsumraum stehen jetzt wieder alle Plätze zur Verfügung

Zur Entspannung der Situation könnte entscheidend beitragen, dass seit dem 18. Oktober im Drogenkonsumraum wieder alle 23 Plätze zur Verfügung stehen. Die Rückkehr zur vollen Kapazität hatten Vertreter von Dortmunder Drogenhilfe-Einrichtungen zuletzt im Gespräch mit dieser Redaktion als einen der dringendsten Wünsche geäußert.

Corona-bedingt war seit März 2020 nur maximal die Hälfte der Kapazität verfügbar. Das führte dazu, dass der Konsum von Drogen vermehrt auf offener Straße oder in Hauseingängen und Ecken stattfand.

„Corona hat den Menschen eine Begegnungsstätte genommen. Das hat an der Stelle gar nichts mit Drogenhandel oder Ähnlichem zu tun, sondern damit, dass die Menschen Kommunikation mit ihresgleichen suchen“, erklärt Polizeihauptkommissar Ralf Kießling.

Kießling ist Leiter der Abteilung Polizeiliche Sonderdienste in der Inspektion 1, in die unter anderem die Innenstadt-Streifen und die Fahrradstaffeln fallen.

So viele Straftaten sind in dem Gebiet registriert

Die Polizei Dortmund listet auf Anfrage dieser Redaktion die Zahl der Straftaten im Bereich Martinstraße/Grafenhof auf und stellt sie ins Verhältnis zur Zeit vor dem Corona-Lockdown.

Es zeigt sich: Mit insgesamt 32 lag die Zahl der geahndeten Delikte aus den Bereichen Körperverletzung/Schlägerei (10), Randalierer (8), Streit (7), Raub (0) und Betäubungsmittel (7) zwischen Juni und September 2021 höher als zwischen Januar und März 2020 mit 19.

Im Umfeld des Drogenkonsumraums könnten demnach szenetypische Straftaten wie Körperverletzungsdelikte, Randale, Streitigkeiten oder Eigentumsdelikte festgestellt werden. „Herausragende Einsatzzahlen liegen hier nicht vor“, lautet die Einschätzung der Polizei-Pressestelle.

Gegen organisierte Dealer vorgehen

Ralf Kießling sagt: „Wir haben auch hier organisierten Handel und Leute, bei denen wir 90 Bubbles finden“, sagt er. Als Bubbles (englisch für Blasen) bezeichnet man eine Verpackungsart von pulverförmigen Drogen wie Heroin oder Crack in Plastikfolie.

Es sei eine zentrale Aufgabe, gegen solche Leute vorzugehen, „die ihr Geld an der Krankheit der Menschen verdienen und geschundene Körper weiter ausbeuten“, formuliert es Kießling.

Insgesamt gehe es an der Martinstraße um ein anderes Klientel als an Schwerpunkten der Drogenkriminalität wie Teilen der Dortmunder Nordstadt.

Er begleitet ebenso wie Jürgen Walther die Entwicklung der Drogenszene in der Dortmunder Innenstadt schon seit vielen Jahren. „Es ist überhaupt nicht mit der Situation in den 90er-Jahren am Platz von Leeds vergleichbar. Dort standen damals 100 Menschen zusammen, hier sind es deutlich weniger“, sagt Kießling.

Laut Jürgen Walther sei das Ordnungsamt nach dem Umzug des Café Kick an den Grafenhof darauf eingestellt gewesen, „dass wir hier verstärkt hinsehen und einschreiten müssen.“

Handel und Konsum von Drogen im rechtlichen Spannungsverhältnis

Walther weist am Beispiel des Drogenkonsumraums auf ein rechtliches Spannungsverhältnis hin, „Handel und Besitz von Drogen sind strafbar, der kontrollierte Konsum aber nicht. Das ist an dieser Stelle zumindest unlogisch.“

Es könne deshalb nicht das Ziel sein, jeden Drogenabhängigen zu kontrollieren und zu sanktionieren. „Wir müssen angemessen, aber konsequent handeln.“

Polizeihauptkommissar Ralf Kießling ergänzt: „Wir brauchen die repressive Seite, aber wir brauchen auch eine sehr starke Hilfeseite.“

Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange äußert eine klare Haltung zum Thema. „Für mich steht außer Frage: Ein leistungsfähiger Drogenkonsumraum ist elementar wichtig für die Suchthilfe in Dortmund, weil er Probleme von der Straße holt.“ Dabei müsse allen Beteiligten klar sein: „Platzverweise und Strafanzeigen lösen Suchtprobleme nicht.“

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth