Drogentest: Ex-Kiffer will nicht, dass Frauen ihn beim Urinieren kontrollieren

rnProbleme bei MPU

Ein 27-Jähriger hat gekifft. Nun muss er nachweisen, dass er clean ist. Bei der Urinprobe kontrollieren ihn Frauen. Das gefällt ihm nicht. Muss es auch nicht, sagt das zuständige Labor.

Dortmund

, 18.01.2019, 17:02 Uhr / Lesedauer: 5 min

An einem Vormittag im März 2017 stieg Frederik, der nicht Frederik heißt, aber seinen richtigen Namen auch nicht veröffentlicht haben will, in den Wagen seiner Freundin. Vielleicht würde diese Geschichte jetzt hier nicht stehen, wenn der Wagen damals keine Sommerreifen gehabt hätte. Hatte er aber, als der junge Mann von einem Parkplatz in der Innenstadt losfuhr und sich in den Verkehr einfädelte. Ihm Rückspiegel sah er einen Streifenwagen.

13 Stunden, bevor das geschah, hatte er einen Joint geraucht. „Keine dicke Tüte oder so“, sagt er. Es sei mehr eine selbstgedrehte Zigarette gewesen, darin etwas Marihuana. Das habe er manchmal abends gemacht, sagt er heute. Zur Entspannung. So wie halt andere ein Glas Rotwein trinken. Entspannt war er am Abend - als er dann am nächsten Tag den Streifenwagen sah, da war das alles eher angespannt. Frederik schaute auf den Tacho und fuhr Strich 50.

Der Konsum in Dortmund steigt an

Es gibt viele Kiffer in Dortmund. Menschen, die Gras oder Haschisch rauchen. Man riecht das auf der Südtribüne bei jedem Heimspiel, im Sommer in den größeren Parks und auch in Wohngebieten zieht der süßliche Geruch ab und an aus einem gekippten Fenster. Die weiche Droge ist ziemlich weit verbreitet, für einige ist sie ziemlich normal. Für einige andere, zum Beispiel die Drogenberatung, ist sie ein ziemliches Problem, weil der Wirkstoffgehalt über die Jahre stärker geworden ist.

Aber der Stoff ist verfügbar und wird genutzt: Die Betäubungsmittel-Kriminalität in Dortmund steigt seit Jahren an, 2016 auf 2017 zum Beispiel um 22 Prozent. Von 3258 auf 3978 Drogendelikte. Eins davon sollte an diesem Märzmorgen 2017 Frederik begehen.

Urin- oder Blutprobe?

Die Polizeistreife fuhr erst hinter ihm her, dann neben ihm, dann wieder hinter und schließlich vor ihm. Er wurde angehalten und die Streifenbeamten machten ein paar Tests mit ihm. Er sollte auf den Boden spucken. Den Kopf in den Nacken legen und bis 30 zählen. Auf einer Linie laufen. Die Hände ausstrecken und ruhig halten.

Die Beamten hatten einen Verdacht und forderten ihn zu einer freiwilligen Urinprobe auf. Das wollte Frederik nicht. Er wurde ins Polizeipräsidium gebracht. Dort nahm ihm eine Ärztin Blut ab.

Regelmäßiger Konsument

Wer unter Drogeneinfluss Auto fährt und dabei erwischt wird, hat ein Problem. Auch wenn, und hier unterscheidet sich Alkohol, was ja auch eine Droge ist, von den anderen Drogen, der Konsum schon eine geraume Zeit her ist. Bei Alkohol wird gemessen, wie viel Alkohol im Atem bzw. im Blut ist. Bei anderen Drogen wird gemessen, wie viel Wirkstoff oder dessen Abbauprodukte im Blut oder Urin sind. Und darüber hinaus, wie regelmäßig ein Mensch konsumiert.

Kann ein regelmäßiger Konsum nachgewiesen werden, ist nicht nur der Führerschein weg. Dann steht eine MPU an, um ihn wieder zu bekommen. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung. Um die überhaupt machen zu können, muss ein Mensch nachweisen, dass er über einen Zeitraum von sechs Monaten sauber ist. Doch, sagt Frederik heute, er habe damals schon regelmäßig gekifft. Nicht viel. Aber immer mal wieder.

90 Prozent sind Nenner?

Er versuchte, sich juristisch gegen die drohende MPU zu wehren, das blieb erfolglos. Letztlich stimmte er zu und brauchte einen Abstinenznachweis. Frederik wandte sich an das Medizinisch-Psychologische Institut im Westfalenforum, angesiedelt ist das beim TÜV Nord.

Der dort zuständige Gebietsleiter ist Klaus Peter Kalendruschat. Der sagt, im Jahr kommen rund 5000 Menschen in das Institut, um dort belegen zu lassen, dass sie keine Drogen konsumieren. 90 Prozent dieser Menschen seien Männer.

Kontrollen beim Test

Der gebräuchlichste Weg, mit dem man nachweisen kann, keine Drogen mehr zu konsumieren, ist der Urintest. Das Problem dabei ist: Es muss sichergestellt sein, dass der Urin auch von dem Testkandidaten stammt. Wie bei allen Tests wird auch hier manchmal versucht, zu betrügen. Das kann ein am Körper getragener Plastik-Beutel sein, in ihm sauberer Urin einer anderen Person und an ihm ein dünner Schlauch. Damit kann man versuchen, trotz regelmäßigen Drogenkonsums einen negativen Urintest zu bekommen.

Wer „Kunstpenis“ und „Drogenscreening“ googelt, landet aber auch sehr schnell beim Online-Versandhändler Amazon. In der Rubrik „erotische Scherzartikel“ kann man dort für 139,90 Euro den „Screeny Weeny 5.0“ kaufen. Das ist der laut Herstellerangabe „weltbeste Kunstpenis“. Die dazugehörige Packung synthetischer Urin (Screen Urin) im „praktischen Infusionsbeutel“ kostet 38,90 Euro. Auch damit kann man versuchen, einen sauberen Test zu bekommen. Was natürlich nicht legitim ist und also bedeutet: Die Probanden werden bei der Urinabgabe kontrolliert.

Vier unangekündigte Tests in sechs Monaten, immer mit unangenehmem Gefühl

Wer seinen Urin über sechs Monate kontrollieren lassen will, lässt sich auf das folgende Procedere ein: In diesen sechs Monaten bekommt er insgesamt vier SMS. Wann die kommen, ist bewusst unklar. Klar ist, dass der Proband am nächsten Tag zwischen 8 und 12 Uhr an der Hansastraße vorbeikommen muss, um Urin unter Aufsicht abzugeben. Und diese Aufsicht ist weiblich.

Frederik ist inzwischen bei drei Terminen gewesen. Unangenehm gefühlt hat er sich bei jedem Termin, sagt er. Beim letzten Termin hatte ihn, so stellt er es dar, die Frau, die ihn auf die Toilette begleitete, aufgefordert, die Hose weiter herunterzulassen, obwohl sein Hinterteil schon annähern blank war. Wie wäre es, fragt sich Frederik jetzt, wenn das andersherum wäre. Eine Frau würde da stehen und ein Mann ihr beim Pinkeln zuschauen. Das würde es vermutlich nicht geben. Und gilt nicht gleiches Recht für alle? Im Stadion wird man ja als Mann auch nicht von einer Frau abgetastet.

Zwischen „Hab dich nicht so“ und „Recht hat er“

Wenn Frederik das so erzählt, kann man im Hinterkopf den ersten Gedanken haben: Jetzt hab dich nicht so. Geh halt hin und bring es hinter dich. Aber der zweite Gedanke ist dann: Hat er nicht recht? Gilt nicht gleiches Recht für alle? Und muss man sich von einer fremden Frau auf den Penis gucken lassen, auch wenn man das nicht will?

Wenn man das Klaus Peter Kalendruschat fragt, sagt der: „Wir würden niemals einen Mann mit einer Frau reinschicken, damit er sie kontrolliert.“ Insgesamt 10 Frauen würden dort arbeiten, noch nie habe sich in den vergangenen zehn Jahren ein Kunde beschwert und das seien ja schon rund 45.000 Männer gewesen. Einer ist halt immer der erste, denkt man sich, da sagt Kalendruschat noch etwas.

Natürlich müsse kontrolliert werden, es gebe die merkwürdigsten Konstruktionen und Tricks, da es immer Menschen gebe, die Drogen konsumieren, aber trotzdem ihren Führerschein zurückhaben wollten. Ungefähr jeder 1000. Probant würde erwischt, manchmal sei aber auch das Institut machtlos. Etwa, wenn sich ein Proband Fremd-Urin in die Harnblase spritzen ließe - da könnten sie dann auch nichts mehr machen.

Man kann auch seine Haare testen lassen

Aber es gibt, so sagt Gebietsleiter Kalendruschat, natürlich einen Weg, wie man vermeiden kann, dass fremde Frauen auf den eigenen Penis schauen: die Haarprobe. Auch im Haar ist Drogenkonsum nachweisbar. Praktisch an dieser Methode sei: Der Proband müsse zweimal erscheinen. Und zwar jeweils dann, wenn das Haar um drei Zentimeter gewachsen sei. Dann werde ein Haar entnommen und getestet. Man könne das prinzipiell zwar mit jedem Haar machen - aber Klaus Peter Kalendruschat empfiehlt aus verschiedenen Gründen das Kopfhaar. Und wenn man sicher gehen wolle, sei es auch gut, sich die Haare vorher komplett abzuschneiden.

Für Frederik zählt das Argument aber nicht: „Letztlich“, sagt er, „geht es doch um Wahlfreiheit.“ Eine Frau könne sich aussuchen, ob sie ihren Urin oder ihre Haare testen lassen wolle. Er als Mann könne das aber nicht - zumindest nicht, wenn er sich nicht von fremden Frauen auf den Penis gucken lassen wolle.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt