„Du wirst angeguckt wie Freiwild“ - Ex-Dortmunderin sieht Nordstadt als „echte No-Go-Area“

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Hört man in Dortmund das Wort „Angstraum“, denken viele an die Nordstadt. Menschen, die dort leben, werben für ein besseres Image ihres Viertels. Ängste treffen auf objektive Fakten.

Dortmund

, 12.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fragt man die Dortmunder, welche Bereiche der Stadt sie als „Angstraum“ bezeichnen würden, nennen sie am häufigsten die Nordstadt inklusive des Hauptbahnhofs. Die Polizei betont immer wieder, dass es dort weniger Kriminalität gibt als noch vor einigen Jahren. Doch woher kommt die Angst?

Zweifelslos gibt es viel Kriminalität in der Nordstadt. 16 Prozent aller Straftaten der Stadt passieren dort, während 10 Prozent aller Einwohner dort leben. Vergleicht man aber die erste Jahreshälfte 2019 mit der des Jahres 2016, ist die Zahl der Straftaten in der Nordstadt laut Polizei um 25 Prozent gesunken. Bei den Raubüberfällen steht sogar ein Rückgang von 39 Prozent.

„Als Frau wirst du angeguckt wie Freiwild“

Die Gesamtzahl spielt in der Wahrnehmung vieler Dortmunder aber keine Rolle, wenn sie von spektakulären Einzelfällen hören. Auch wenn das wenige sind. „Es ist duster, dreckig und als Frau wirst du angeguckt wie Freiwild“, antwortet Karen Sarrazin, die bis vor vier Jahren jeden Tag auf der Bornstraße unterwegs war, auf einen Aufruf unserer Redaktion bei Facebook. Sie wohnte in Hostedde und pendelte beruflich vom Hauptbahnhof aus nach Köln, bis sie in ihre Heimatstadt zurückzog.

„Den Nordmarkt mit Mallinckrodtstraße und Schleswiger Straße habe ich versucht zu meiden“, sagt Sarrazin. Dabei spielen einzelne Schlagzeilen eine große Rolle. Sarrazin spricht von einer Prostituierten, die im Jahr 2012 aus einem Fenster gestoßen wurde oder Häusern, die mal wegen Infektionsgefahr geräumt wurden.

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Die ehrenamtliche Rot-Kreuz-Mitarbeiterin meint, Ordnungsamt und Polizei müssten mehr Präsenz auf der Straße zeigen: „Ich weiß, beide haben ihre Kräfte aufgestockt, das kommt beim Bürger aber nicht an.“ Die Nordstadt sei für sie heute eine echte No-Go-Area.

Auf den Straßen sei Sarrazins Meinung nach eine „Integration mit der Vermittlung unserer Werte“ nötig. Dazu gehöre für sie neben dem Respekt vor Frauen, „dass man nicht auf der Straße rumlungert und Müll in die dafür vorgesehenen Behälter wirft“.

Verstöße gegen „Das-tut-man-nicht-Regeln“

Im aktuellen Masterplan Kommunale Sicherheit, den die Stadtverwaltung zusammen mit vielen anderen Akteuren erstellt hat, ist die Rede von „Das-tut-man-nicht-Regeln“, zum Beispiel, dass man halt keinen Müll auf die Straße wirft. Wenn sich manche Bürger an diese nicht halten, verunsichere das andere zutiefst - auch wenn das Verhalten nicht kriminell ist.

Simone Hälbig fühlt sich unwohl, weil sie in der Nordstadt „kaum noch Einheimische“ sehe. Allein als Frau unterwegs sei sie schon mehrfach „komisch angemacht“ worden: „Ich bin froh, nicht oft dort zu sein“, sagt sie.

„Wo fängt die böse Nordstadt an und wo hört sie auf?“

Auch Marc Vajnberger findet es zum Beispiel verstörend, wenn große Männergruppen Frauen ansprechen. Er wohnt in Unna, sei aber regelmäßig beruflich wie privat in Dortmund.

Generell drängt sich der Eindruck auf: Je seltener die Menschen selbst in der Nordstadt unterwegs sind, desto kritischer sehen sie das Viertel. Jessica Niegel fragt zum Beispiel: „Wo fängt die böse Nordstadt an und wo hört sie auf?“ Sie wohne seit fünf Jahren in dem Stadtbezirk – und habe bislang keine negativen Erfahrungen gemacht.

„Du wirst angeguckt wie Freiwild“ - Ex-Dortmunderin sieht Nordstadt als „echte No-Go-Area“

Im Keuning-Park sind abends viele Drogendealer zu sehen. Vor unserem Fotografen flüchteten sie schnell. © Kevin Kindel

„Ursprünglich komme ich aus Huckarde und war auch voreingenommen“, sagt Niegel: „So nach dem Motto ‚Was der Bauer nicht kennt...‘“ Sie ist der Meinung: „Man sollte die Nordstadt nicht komplett in den Kakao ziehen - wenn dann bitte genaue Orte nennen.“

Ece Ugur ist in der Nordstadt aufgewachsen und lebt seit 23 Jahren in der Nähe des Nordmarktes. „Dunkle Schleichwege meide ich, habe aber grundsätzlich nirgendwo Angst, unterwegs zu sein“, sagt sie.

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In den vergangenen zehn Jahren habe sich durchaus etwas an der Münster- oder der Mallinckrodtstraße verändert. Mehr Leute seien ohne Beschäftigung auf den Straßen, offenbar weil sie keine Arbeit haben. Das irritiere viele Passanten.

Ugur muss aber lachen, wenn sie über viele Nicht-Nordstädter redet. „Die sind total auffällig, weil sie ihre Taschen besonders festhalten oder sich häufig umsehen.“ Sie möchte aber Werbung für ihren Stadtteil machen: „Die Menschen in der Nordstadt sind sehr hilfsbereit.“

Die Dortmunder Polizei hat der Nordstadt eine eigene Ermittlungskommission gewidmet, es gibt auch Staatsanwälte, die speziell für die Nordstadt zuständig sind. Beim Hauptbahnhof und der Münsterstraße handele es sich durchaus um bekannte Kriminalitätsschwerpunkte, bestätigt die Polizei. Für die Münsterstraße wird aktuell eine Videoüberwachung geplant, um die Kriminalität zu bekämpfen.

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Darüber hinaus nennt die Behörde den Keuningpark, Nebenstraßen des Nordmarktes und die Oestermärsch am Borsigplatz als Schwerpunkte. Insbesondere stünden Drogen- und Raubdelikte sowie Diebstähle im Vordergrund, doch auch die Clankriminalität ist ein wichtiger Schwerpunkt für die Polizei. Je nach Kontrollintensität stellt die Polizei auch eine Verlagerung der Brennpunkte fest.

Grundsätzlich ist der Polizei wichtig: „Dortmund ist in den letzten Jahren spürbar sicherer geworden.“ Die Gefahr, Opfer einer Straftat zu werden, sei deutlich gesunken. Doch die Polizei weiß auch: „Zahlen sind nur einer von mehreren Faktoren, die das Sicherheitsgefühl der Menschen beeinflussen.“

Unsere Redaktion hat über ihre Facebook-Seite knapp 50.000 Abonnenten gefragt, welche Orte in Dortmund sie als „Angstraum“ bezeichnen. In einer Serie widmen wir uns den vier am häufigsten genannten Orten, machen Ängste transparent, prüfen das Empfinden und spüren dem nach, was dort für die Sicherheit getan wird. Neben der Nordstadt sind das der Bahnhof Hörde, der Wilhelmplatz in Dorstfeld und das Brückstraßenviertel.
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