Hareshchandra Shah, ein Arzt, der vor einigen Jahren in Dortmund-Wambel und Schwerte praktizierte, gilt jetzt auch in der Schweiz als Skandalarzt. Der tiefe Fall von Dr. Shah.

von Philipp Zimmermann

Wambel, Schwerte

, 25.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Vom tiefen Fall des Arztes Hareshchandra Shah, der ab 1973 auch viele Jahre in Wambel und Schwerte praktiziert hat, berichtet der Journalist Philipp Zimmermann in der Aargauer Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Schweizer Zeitung dürfen wir den Text ebenfalls veröffentlichen:

Der deutsche Hausarzt Hareshchandra Shah (84) gilt im Schweizer Kanton Aargau, wo er seit August 2008 praktiziert, als Skandalarzt. Als einer der wenigen Mediziner wurde ihm im April höchstinstanzlich die Bewilligung entzogen, seinen Beruf auszuüben. Grund sind verschiedene Vergehen und insgesamt eine „fehlende Vertrauenswürdigkeit“. Auslöser war seine Verurteilung wegen qualifizierter Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Er hatte nachweislich mehreren schwerstdrogenabhängigen Patienten illegal Dormicum- und Rohypnol-Tabletten verkauft, zu überrissenen Preisen. Beiden Medikamenten wird ein hohes Suchtpotenzial nachgesagt.

Ähnliches widerfuhr ihm schon in Deutschland. Dabei gehörten er und seine Ehefrau einst zum oberen Teil der Dortmunder Gesellschaft. Doch in den 90er-Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Im Jahr 1999 wurde er wegen Steuerhinterziehung und Betrugs zu 3 Jahren und 9 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Ehefrau wurde wegen Mittäterschaft gesondert verfolgt.

„Sie waren angesehene Leute“

Dabei gab es eine Zeit, als der Mediziner wohlhabend war. In der Oper in Dortmund gingen Shah und seine Ehefrau ein und aus. „Sie waren angesehene Leute“, erzählt ein damaliger Nachbar. Shah sammelte Bilder und Kunstgegenstände, die Besucher bei ihm zu Hause bewunderten - auch wenn manche gefälscht gewesen sein sollen. Der ehemalige Nachbar erzählt, dass Shahs sehr großzügig waren. „Es gab immer große Geschenke an Kindergeburtstagen und große Feiern im Garten.“ Seit 1973 war Shah als Hausarzt im Dortmunder Vorort Wambel und später auch in Schwerte mit eigener Praxis tätig. Seine Praxis habe aber nicht „gebrummt“. Als Mediziner genoss er keinen besonders guten Ruf, wie mehrere Personen aus seinem damaligen Umfeld sagen. „Das war für ihn mehr Zeitvertreib“, sagt einer.

Aufwendigen Lebensstil gepflegt

Shah pflegte mit seiner Familie seit den 80er-Jahren einen ausgesprochen aufwendigen Lebensstil. Allein aus den Einnahmen aus seiner Arztpraxis war dieser nicht zu finanzieren. Das sagte er selber, wie es in jenem Urteil von 1999 heißt. Der Arzt suchte deshalb zusätzliche Einnahmequellen. Ein Massagebad, das seine Ehefrau 1988 in Wambel eröffnete, brachte ebenso wenig den erhofften Erfolg wie ein Sport- und Kosmetikgeschäft, das er von 1986 bis 1989 in Dortmund-Körne führte.

Ehemaliger Hausarzt aus Wambel und Schwerte darf in der Schweiz nicht mehr praktizieren

Auch hier, am Wambeler Hellweg 97, befand sich eine Praxis von Hareshchandra Shah. © Andreas Schröter

Es habe ihm nur hohe finanzielle Verluste eingebracht. Millioneneinnahmen brachte dagegen der Pharma-Handel, in den er Ende der 80er-Jahre einstieg. Laut dem ehemaligen Nachbarn erzählte Shah freimütig von diesem blühenden Geschäft. „Er kaufte in Münster abgelaufene Medikamente und verschiffte diese per Container nach Indien.“ Vor Shahs Garage parkte mehrmals pro Jahr ein Lastwagen, der mit Medikamenten beladen wurde, welche der Mediziner bei sich zu Hause zwischenlagerte.

Jetzt lesen

Haus zwangsversteigert

Doch Shah hielt sich nicht an die Gesetze: In den 90er-Jahren führte das Finanzamt Dortmund immer wieder Betriebsprüfungen durch. Es kam zu vielen Beanstandungen und Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt. Der Nachbar erinnert sich, wie eines Tages die Steuerfahndung vor Shahs Tür stand und die Ehefrau des Arztes Pelzmäntel auf das Nachbargrundstück warf. Der Einsatz der Steuerfahndung sprach sich schnell herum. „Es gab nun keine Feiern mehr im Garten“, so der Nachbar. Das Haus wurde zwangsversteigert. Damals stand noch der Name der Betroffenen in der Zeitung. Der Ruf des Ehepaars war damit ruiniert.

Steuernachforderungen über 1,5 Millionen Deutsche Mark

Bereits Ende der 80er-Jahre betrugen die Steuernachforderungen über 1,5 Millionen Deutsche Mark. Shah geriet „in erhebliche finanzielle Bedrängnis“, wie die Richter im Urteil festhielten. Der Arzt gründete deshalb eine GmbH zwecks Pharma-Handel in den neuen Bundesländern, um sich den lästigen Steuerforderungen zu entziehen. Er ging davon aus, dass die Finanzbehörden in den neuen Bundesländern nach der Wende noch nicht über die für eine effiziente Arbeit erforderlichen personellen Ressourcen verfügten, da sie noch im Aufbau begriffen waren. Er hoffte, das Finanzamt über das Ausmaß seiner Geschäfte täuschen zu können.

Ehemaliger Hausarzt aus Wambel und Schwerte darf in der Schweiz nicht mehr praktizieren

In diesem Haus am Achenbergweg 5 in Klingnau in der Schweiz hat Hareshchandra Shah zuletzt praktiziert. © Philipp Zimmermann

Seine Ehefrau wurde formell zur Geschäftsführerin der Pharma Med Gesellschaft. Die Geschäfte führten sie gemeinsam. Mit Provisionsrechnungen schöpfte er nun Gewinne der Gesellschaft ab. Von 1992 bis 1996 erzielte die Pharma Med Nettoverkaufsumsätze von insgesamt 12,7 Millionen Deutsche Mark (10,6 Mio. Franken). Seine Handelsvertreter-Provisionen beliefen sich auf 1,87 Millionen DM. Darüber hinaus nahm er von 1992 bis 1996 zahlreiche Privatentnahmen aus dem Vermögen der Pharma Med vor und verschleierte diese mit falschen Verbuchungen. Hier summierte sich der Betrag in den fünf Jahren auf rund 6,8 Millionen DM.

Gefälschtes Medikament verkauft

Die Spitze erreichte die Firma 1995 mit dem Medikament Corinfar, das bei Herzerkrankungen und Bluthochdruck verschrieben wird. Dieses kaufte er von einer holländischen Firma und veräußerte es mit großem Gewinn weiter. „Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei den von der Firma IHA van Dalen vertriebenen Corinfar um eine Fälschung des von einem Hersteller in Dresden produzierten Medikaments“, heißt es im Urteil. Über den Handel mit gefälschten Corinfar-Tabletten berichtete damals auch schon die TV-Sendung „Kennzeichen D“ des ZDF. Die Reporter nannten damals auch den Namen von Shah. Damit wurde er deutschlandweit bekannt.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt