Ein Besuch auf der Linienstraße

Reportage

Hier gibt es Sex gegen Geld, Dienstleistung gegen Bezahlung. Wie überall in der Wirtschaft. Nur in diesem Job bleibt bei den meisten Frauen irgendwann die Seele auf der Strecke. Wir waren auf der Linienstraße unterwegs.

DORTMUND

von Von Alexandra Neuhaus

, 25.11.2011, 19:23 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein Besuch auf der Linienstraße

Eine Prostituierte in der Dortmunder Linienstraße.

Auf der Straße kreisen die Geier. Einige beobachten alleine, andere rotten sich in Gruppen zusammen, taxieren ihre Beute. Die sitzt in Schaufenstern. Frauen in Lackstiefeln, in String und Netzstrümpfen. In ihren Augen – Leere. Die Laternen an den Häusern leuchten rot.  In der Etage unter den Fenstern sitzt Sonja in der Küche. Gelbe Wände, blaue abwaschbare Plastik-Decke auf dem Tisch, Obst und Süßigkeiten auf der Anrichte. Die Männer sehen sie nicht. Nicht mehr. „Ich stand selber zwanzig Jahre am Fenster.“ Seit zehn Jahren ist Sonja die Wirtschafterin in einem der Bordelle auf der Linienstraße. Kochen, zuhören, im Streitfall die Mädchen schützen. „Angst darfst du niemals zeigen.“

Das Gefühl gehört zum Alltag. Der Elektroschocker liegt griffbereit in der Schublade. „Streithansel gibt‘s immer“, sagt Sonja. Das Feuerzeug klickt, die Zigarette glüht. Sonja nimmt einen tiefen Zug. „Ist manchmal nicht witzig hier.“ Kommt der Mann zu früh zum Orgasmus, ist die Frau Schuld. Kommt der Mann gar nicht, ist die Frau Schuld. Und dann wird‘s laut und oft auch handgreiflich. „Ich hab‘ schon Frauen aus den Zimmern gezogen, die der Typ richtig verprügelt hat.“ Sonja schiebt die Unterlippe vor. Protestvögel nennen die Huren die Männer, die immer ums Geld streiten. Die, die gewalttätig werden, heißen schlicht Arschlöcher.

 Auf der Straße löst sich einer aus der Geier-Gruppe, stolpert zu einem der vielen mit blauem oder rotem Neonlicht beleuchteten Fenster. Hallo, hübsche Frau. Was machst du? Wie teuer? Immer die gleichen Sprüche, die gleichen Fragen, der gleiche Blick. Dreißig Euro – das ist der Einstiegspreis in der ganzen Bordellstraße. Darüber hinaus können die Frauen ihren eigenen Preis bestimmen. Extras kosten eben auch im Puff extra. Wer es härter mag, geht zu Domina Natasha*. Ab 100 Euro nimmt sie Männer mit auf ihr Zimmer.  

 Jetzt sitzt sie im gelben Bademantel neben Sonja am Tisch. Löffelt Eintopf mit Klößen. „Lecker“, sagt sie. Unter gelben Frottee reflektiert schwarzer Lack den Schein der Küchenlampe aus Omas Zeiten. „Ich wollte mal aussteigen.“ Noch ein Löffel Eintopf. „Hab‘ angefangen in der Gastronomie zu arbeiten.“ Nett sei das gewesen, habe aber nicht viel Geld eingebracht. „Einen Sonntag hab‘ ich dann wieder hier gearbeitet. An dem Tag hab‘ ich soviel Geld verdient, wie als Kellnerin den ganzen Monat.“Seit diesem Sonntag sitzt die Frau mit den feinen Gesichtszügen wieder täglich bei Sonja am Küchentisch. „Aussteigen ist schwer.“ In ihrem Zimmer, eine Etage über der Küche, stehen schwarze Plastikpenisse. „Natasha“, ruft eine Mädchenstimme von oben. „Kundschaft.“ Noch ein Löffel Eintopf. Natasha schluckt. „Ich komme.“ Natasha ist Ende vierzig.  Finanzielle Notlagen sind ein Grund, warum Frauen sich prostituieren. Ein Kind, das ernährt werden muss. Ein Mann, der das gesamte Ersparte verzockt hat. Schulden. „Lernt sie dann Leute aus dem Milieu kennen, dann ist so eine Frau schnell hier“, sagt Sonja. Sex gegen Geld. Dienstleistung gegen Bezahlung. So funktioniert es überall in der Wirtschaft. Und doch arbeiten diese Frauen in einem Job, in dem die Seele leidet.  

 „Vielen ging es schon vorher scheiße“, sagt Sonja. Sexueller Missbrauch – es ist eine Vorgeschichte, die viele Prostituierte verbindet. In der Kindheit, in der Partnerschaft. Es gibt Studien, die herausgefunden haben wollen, dass rund 70 Prozent der Prostituierten missbraucht wurden, und zwar bevor sie anschaffen gingen.  „Könnte hinkommen“, sagt Sonja. Sie glaubt, die Gründe zu kennen. „Selbstwertgefühl weg, Selbstachtung weg, Selbstbewusstsein weg. Dann ist eh schon alles egal.“ Egal ist dann auch, dass sich viele der Mädchen aufgrund des Missbrauchs vor Männern ekeln. Einem Ekel, dem sie sich jeden Tag aufs neue aussetzen – mit einem Lächeln im hübschen Gesicht. Solange, bis die Seele streikt. „Dann ist die Mitternachtsmission da“, sagt Sonja.

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