Ein Besuch in Dortmunds ältester Eisdiele

Lindemannstraße

Mariateresa Majer führt Dortmunds älteste Eisdiele. Sie liegt an der Lindemannstraße, wurde vor 83 Jahren an der Rheinischen Straße eröffnet. Wir haben die Eisverkäuferin im umgezogenen Eiscafé Majer besucht. Sie führt es in dritter Generation - und kann sich ein Leben ohne Eis nicht vorstellen.

DORTMUND

, 18.06.2016, 00:43 Uhr / Lesedauer: 3 min
Seit 1933 gibt es das Eiscafé Majer in Dortmund. Sohn Christian unterstützt Mariateresa Majer und soll die Eisdiele später weiterführen. Dann schon in der vierten Generation.

Seit 1933 gibt es das Eiscafé Majer in Dortmund. Sohn Christian unterstützt Mariateresa Majer und soll die Eisdiele später weiterführen. Dann schon in der vierten Generation.

In einem kleinen Regal, links hinter dem Schaufenster, zwischen den schicken Barock-Sesseln und der Eisküche bewahrt Mariateresa Majer die Geschichte ihrer Familie auf. Die alten, glänzenden Eisbecher. Ihre erste, winzig kleine Schürze, genäht von ihrer Mutter aus einer weißen Gardine. Die Fotos ihrer stolzen Großeltern hinter der Theke. Das sind die Schätze jenes Eiscafés an der Lindemannstraße 6. Seit etwas mehr als einem Jahr liegt es dort. Eröffnet aber hat Dortmunds älteste Eisdiele vor 83 Jahren an der Rheinischen Straße.

Mariateresa Majer ist mit dem kalten, cremigen Genuss groß geworden. Ein Leben ohne Eis, das kennt sie nicht. Das will sie nicht. Seit fast 30 Jahren ist die 59-Jährige die Chefin im Eiscafé Majer. Sie führt es in dritter Generation. Tag für Tag springt sie zwischen Küche und Theke hin und her, bereitet die süße Erfrischung erst zu und portioniert dann Kugel für Kugel in Bechern und Waffelhörnchen. Für die Kinder aus der Nachbarschaft ist Mariateresa Majer ganz einfach die Eisfrau.

Neun Quadratmeter, um Eis zu produzieren

Acht, vielleicht neun Quadratmeter hat sie Platz, um ihr Eis zu produzieren. Die Küche ist nicht groß, aber groß genug. Sie braucht sich nur im Kreis drehen, um an alles zu gelangen. Zucker, Eier, Milch und frische Zutaten – mehr benötige ein gutes Eis nicht, sagt Mariateresa Majer.

Sie sei da sehr resolut. Immer mal wieder wollten ihr Vertreter Neues anbieten. Aber sie schneide die Erdbeeren lieber selbst, kratze die Vanilleschoten und presse die Zitronen aus. Rezepte, die brauche sie schon lange nicht mehr. „Ich mache das nach Augenmaß“, sagt sie. „Deswegen schmeckt mein Eis auch nie gleich.“

Die Rezepte des Großvaters

In einem kleinen Notizbüchlein, es muss irgendwo bei ihr zu Hause, nur ein paar Meter weit weg vom Eiscafé, herumliegen, stehen sie aber drin, die Rezepte ihres Großvaters, nach denen sie noch immer produziert. Apollonio Majer war es, der 1933 mit seinem Cousin hierher kam, um das Eis nach Deutschland zu bringen. Zu Hause, in Italien, habe er Nudeln gemacht, erzählt Mariateresa Majer. Teresa, ihre Großmutter, aber habe schon vor der Heirat Eis produziert.

Die Familie kommt aus dem Val di Zoldo südlich der Dolomiten, dem Tal der Gelatieri. So ziemlich jeder italienische Eismacher in Deutschland hat hier seine Wurzeln. Nach der Heirat jedenfalls eröffneten Apollonio und Teresia Majer in Venedig eine Eisdiele. Warum sie nach Deutschland gingen, weiß Mariateresa Majer nicht mehr. „Ich glaube“, sagt sie, „sie wollten weg vom Wasser.“

Bilder von Hitler

Der Cousin blieb in Wuppertal, der Großvater kam nach Dortmund. An der Rheinischen Straße 4 eröffnete er 1933 seinen Eissalon. Es sei, sagt die Familie, die erste Eisdiele in der Stadt gewesen. Im Krieg mussten die Majers Bilder von Hitler und Göring über die Theke hängen, Mariateresa Majer hat auch davon noch Bilder. Als der Salon zerstört wurde, ging die Familie zurück nach Italien.

1947 kamen sie wieder, mit einer Sondergenehmigung. Noch einmal eröffneten sie einen Eissalon, an der Rheinischen Straße 51 ½, in der „Bretterbude“, direkt dahinter eine Ruine. Heute steht dort das Westcenter. Zwischen 1952 und 1972 gab’s Majers Eis an der Kleinen Beurhausstraße, danach für 42 Jahre an der Lindemannstraße 15.

Stolz auf den Familienbetrieb

Mariateresa Majer hat die Geschäfte 1987 von ihrem Vater Leonardo übernommen. 2015 zog sie nochmal um, schräg gegenüber, in den Neubau an der Möllerbrücke. Sie ist stolz auf ihren Familienbetrieb. Sohn Christian soll ihn übernehmen, wenn sie einmal in Rente geht. „Ich hab ihn aber schon gefragt, ob ich dann trotzdem noch ab und zu Eis machen darf“, sagt sie. Lacht.

24 Grad, blauer Himmel, klare Luft – das sei das perfekte Eiswetter. Und die Klassiker – Schoko, Vanille, Stracciatella – seien nach wie vor am Beliebtesten bei ihren Dortmunder Kunden. Wer etwas ausprobieren mag, nimmt Zitrone-Basilikum, Griechischer Joghurt mit Honig oder Erdbeer mit Minze von Majers Balkon.

"Die Gäste lieben es"

Sie biete nur Eis an, sagt sie, das sie selbst esse. Außer Pfefferminz. Das möge sie auch nach vielen Jahren einfach nicht. „Aber die Gäste lieben es“, sagt sie. „Und sie bestellen es in den komischsten Zusammenstellungen“. Pfefferminz und Mokka. Oder Pfefferminz und Amarena. Das sei schon extravagant.

Im Sommer lieben die Dortmunder Fruchtsorten, im Herbst soll‘s lieber Milcheis sein, sagt sie. „Das fühlt sich für viele wärmer an, obwohl es genauso kalt ist.“ Es wird bei etwa minus zehn Grad gelagert. Sieben Tage die Woche macht Mariateresa Majer Eis, verkauft Eis, isst Eis. Nur im Winter schließt sie ihr Café für einige Tage. Dann reist sie nach Italien. Zu ihren Verwandten. Dorthin, wo die lange Geschichte von Majers Eis angefangen hat.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt