Ein "Ex-Alkoholiker als Elite für Deutschland"

Vorwurf gegen SPD-Kanzlerkandidaten

Auf der Facebookseite eines Dortmunder Bundestagsabgeordneten diskreditiert ein Kommentator den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz als "Ex-Alkoholiker ohne Schulabschluss", der nun als Kanzlerkandidat die "Elite für Deutschland" bilde. Der Leiter einer Selbsthilfegruppe hat für den Verfasser einen Tipp.

DORTMUND / BERLIN

, 27.01.2017, 09:48 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein früheres Mitglied der CDU und aktives Mitglied der katholischen Kirche beschimpft auf der Internetseite eines Dortmunder Bundestagsabgeordneten den neuen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Tenor: Der „Ex-Alkoholiker ohne Schulabschluss“ sei als Kanzlerkandidat nicht geeignet – und bilde „die Elite für Deutschland“.

Wolfgang Ullrich von der Alkoholiker-Selbsthilfegruppe „Return“ bezeichnet diese Aussagen als diskriminierend. Auf seinen Kommentar bei „Facebook“ angesprochen, erklärte der Verfasser, dass der Satz „im Zusammenhang“ zu sehen sei. Er verurteile Schulz‘ Europapolitik und bezweifle dessen Qualifikation, da der Kandidat eben kein Abitur nachzuweisen habe. Diese Zusammenhänge erwähnt er im Internet aber nicht. Seinen Namen möchte der Kommentator hier nicht lesen. Bei Facebook ist der Name öffentlich.

Ist dem SPD-Politiker Martin Schulz, der gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel antritt, also die Fähigkeit zum Kanzleramt abzusprechen? Wir haben mit Wolfgang Ullrich von der Selbsthilfegruppe „Return“ über Alkoholsucht und Leistungsfähigkeit gesprochen.

Herr Ullrich, dieser Kommentar bei Facebook ist respektlos und bösartig gemeint – was geht Ihnen da durch den Kopf?

Dass dieser Mensch, der das geschrieben hat, keine Ahnung von der Alkoholsucht hat. Denn es gibt keine Ex-Alkoholiker. Alkoholismus ist eine lebenslange Krankheit, von der wir uns nicht mehr lösen können. Aber es gibt Alkoholiker, die ihre Krankheit in den Griff bekommen haben und nicht mehr trinken – also trocken sind. Die Alkoholiker, die weiter trinken, bezeichnet man landläufig als nass. Da hat also einer bei Facebook etwas geblubbert, ohne das Problem genau zu kennen.

Wie wirkt das auf Sie?

Es ist diskriminierend, einen Menschen über seine Krankheit zu definieren.

Welche Folgen kann die Sucht für Arbeit und Alltag haben?

Wer zu viel trinkt, ist durch Alkohol beeinflusst und nicht voll leistungsfähig. Ich war im Altern von 33 Jahren Leiter der Hypothekenabteilung der Dresdner Bank und hatte morgens einen Kater und Restalkohol im Blut. Die Leistung, die ich ohne Alkohol hätte bringen können, konnte ich nicht zeigen.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe die Kurve gekriegt und arbeite jetzt seit 20 Jahren in der Selbsthilfe. Zuerst habe ich zugehört, später war ich Moderator und habe dann auch die Suchthilfe „Return“ gegründet. Im Laufe der Jahre haben sich in meinem Leben viele Dinge zum Guten verändert, allein durch den Umgang mit anderen Süchtigen. Ein Alkoholiker, der seine Krankheit akzeptiert hat, geht mit vielen Dingen toleranter um. Ich bin um ein Vielfaches leistungsfähiger, arbeite selbstständig als Finanzberater, begleite Patienten in Entzugskliniken und berate Unternehmen für den richtigen Umgang mit Alkoholkranken.

Jetzt ein Kanzlerkandidat, über den öffentlich bekannt ist, dass er als junger Mann ein Alkohol-Problem hatte – müssen wir skeptisch sein?

Nein, eben nicht. Ich betrachte Martin Schulz‘ Lebenslauf eher als Qualifikation für den Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt. Er hat gerade wegen seiner Lebensgeschichte eine hohe Qualifikation, um so ein verantwortungsvolles Amt menschlich auszufüllen. Egal, ob er diese Wahl gewinnt oder verliert – er sollte das Ergebnis nicht zu einer Lebensentscheidung machen.

Wir haben jetzt über die Reaktionen auf die Alkoholkrankheit gesprochen. Allgemein gefragt: Gibt es einen guten Rat, den wir beherzigen sollten, um eine Sucht zu vermeiden?

Wir sollten unsere Kinder so nehmen, wie sie sind, sie als wertvolle Menschen betrachten, ihnen das auch zeigen und vermitteln, dass Erfolg in der Schule nicht über jeden Weg erzwungen werden kann. Wir können einen gesunden Ehrgeiz fördern, sollten die Kinder aber nicht für eine steile Karriere überfordern. Es muss im Leben nicht nur um Erfolg, sondern auch um persönliche Zufriedenheit gehen.

Zurück zu dem verletzenden Facebook-Kommentar. Was raten Sie dem Verfasser?

Dass er erst einmal nachdenkt, was Alkoholismus bedeutet – und dann darüber nachdenkt, ob er selbst unfehlbar ist.

2014 war Wolfgang Ullrich nominiert für die Wahl zum „Dortmunder des Jahres“ von Ruhr Nachrichten und Radio 91.2.
Die Selbsthilfe „Return“ gibt es seit 2009. Die Zahl der Mitglieder ist von 21 (2009) auf 142 (2016) gestiegen, die Zahl der Teilnehmer von 100 auf aktuell über 6000.
In NRW gibt es die Gruppen Dortmund (Aplerbeck), Lünen, Unna und Duisburg. Die Gruppen beziehen Angehörige mit ein. Kontakt: Mobil unter Tel. 0157 36 58 33 54.
Pro Jahr sterben etwa 15 000 Menschen an den Folgen des suchtbedingten Alkoholkonsums.

 

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