Wie bei „Bares für Rares“: Experten bewerten Dortmunder Dachboden-Funde

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Experten des Museums für Kunst und Kulturgeschichte bewerten Dortmunder Dachbodenfunde. Darunter kann sich auch schon mal ein Picasso befinden.

Dortmund

, 06.12.2019, 18:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dr. Christian Walda übernimmt im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) heute ein bisschen die Rolle, die ansonsten Albert Maier in der Fernsehsendung „Bares für Rares“ innehat. Er schaut sich ein Gemälde an, geht dessen Rätseln mit einer Lupe auf den Grund und erklärt anschließend, von wann das Bild ist und welcher Künstler dahintersteckt.

Generell gibt es an diesem Freitag eine Menge Ähnlichkeiten zwischen dem Museum an der Hansastraße und den Räumlichkeiten, in denen der ZDF-Dauerbrenner abgedreht wird: Experten inspizieren Kunstwerke, geben eine Expertise ab und beraten die Besitzer, wie sie nun weiter vorgehen sollen. Nur die Händler fehlen. Ach ja, Horst Lichter ist auch nicht zugegen.

Hauptsache verkaufen - Preis egal

Silvia Gier hat ein kleinformatiges Kunstwerk mitgebracht, das eine Szene an einem See darstellt. „Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke - das Bild war eigentlich immer da“, sagt die Dortmunderin. „Aber jetzt wandert es von Ecke zu Ecke.“

Und deshalb möchte sie das Bild möglichst verkaufen, wobei der Preis eine gänzlich untergeordnete Rolle spielt: „Und wenn es nur 50 Euro bringt; schön wäre, wenn sich jemand finden würde, der es auch aufhängt.“

Der Künstler bleibt ein Mysterium

„Ganz reizvoll“, murmelt Walda, seines Zeichens Kunsthistoriker und Leiter der Gemäldesammlung im MKK, beim Betrachten der Studie aus dem Jahr 1946. Einiges findet er dabei heraus, nur der Künstler selbst, laut Signatur ein R. Fries, bleibt ein Mysterium.

Nicht mal im „Saur Allgemeines Künstlerlexikon“, das mit seinen 65 Bänden immerhin ein ganzes Regal einnimmt, ist er zu finden. „Vielleicht ein Gelegenheitsmaler“, mutmaßt Koryphäe Walda. Es bleibt dabei: R. Fries hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Wie bei „Bares für Rares“: Experten bewerten Dortmunder Dachboden-Funde

Dieter Gelhard in seinem Element: Der Sachverständige für historische Möbel schaut sich Bilder eines alten Schranks an. Glücklicherweise hat die Besitzerin das Möbelstück nicht in natura mitgebracht. © Michael Schuh

Dieter Gelhard sitzt ebenfalls auf der Expertenseite des langen Tisches, nur zeichnet der Sachverständige nicht für die Einschätzung von Gemälden, sondern für historische Möbel verantwortlich.

Eine Dame möchte etwas über einen geerbten Schrank wissen, der sich letztlich als flämisches Exemplar aus dem späten 19. Jahrhundert entpuppt. Schlauerweise hat sie das sperrige Möbel aber nicht in natura, sondern nur in Form eines Handy-Fotos mit ins Museum gebracht hat.

Ein Foto und eine Schublade - das reicht

Alles andere wäre auch überflüssig gewesen, erläutert Gelhard: „Ein Foto und eventuell eine kleine Schublade - das reicht normalerweise.“

Der Möbelrestaurator bringt in Sachen Begutachtung privater Kunstgegenstände eine gehörige Portion Erfahrung mit, denn das MKK bot den monatlichen Service „Dortmunder Schätzchen“ schon an, als Horst Lichter noch längst nicht über die Mattscheibe flimmerte.

Kommode brachte 40.000 D-Mark

Eine Picasso-Zeichnung, ein Miró und eine echte Boulle-Kommode - das seien die tollsten Exponate gewesen, die ahnungslose Laien in all den Jahren mitgebracht hätten.

„Die Kommode ist anschließend bei einer Auktion in Frankfurt für 40.000 D-Mark verkauft worden“, erinnert sich Gelhard. Da lohnt es sich doch, mal eben an der Hansastraße vorbeizuschauen.

Beim nächsten Gemälde ist dessen Geschichte - der unbekannte Künstler möge verzeihen - fast interessanter als das gute Stück selbst. Im Keller des Hauses, in dem Tanja und Michel Reuter wohnen, hatte es gebrannt; und bei den Aufräumarbeiten entdeckte das Paar hinter einer bis dato unbekannten Wand jenes versteckte Mohnblumen-Bild.

Wie bei „Bares für Rares“: Experten bewerten Dortmunder Dachboden-Funde

Geheimnisumwoben: Das Mohnblumen-Bild entdeckten Tanja und Michel Reuter nach einem Brand in ihrem Keller. © Michael Schuh

„Das war alles schon ein bisschen gruselig“, sagt Tanja Reuter, deren Lachen verrät, dass sie den ersten Schock überwunden hat. „Eine Freundin von mir meinte gleich: Das Bild ist bestimmt verhext.“

Das kann Dr. Walda trotz eingehender Untersuchung zwar nicht bestätigen, doch eines erkennt er sofort: „Der Rauch hat dem Bild nicht gutgetan, es müsste unbedingt gereinigt werden.“

Dass das vermutlich kurz nach dem 2. Weltkrieg entstandene Werk finanziell nicht gerade einem Lotto-Sechser gleichkommt, stört die Reuters nicht. Wert besitzt es für sie dennoch. „Wir werden es wohl aufarbeiten lassen und aufhängen“, sagt die Besitzerin. „Es war jetzt so lange in unserem Haus, da soll es auch bleiben.“

Dem Bild sein Geheimnis entrissen

Und dann liegt es schließlich auf dem Tisch: das Werk, dem es nicht gelingt, mit Dr. Walda Versteck zu spielen. Ein kleinformatiges Ölgemälde, das einen recht streng dreinblickenden Mann mit Brille zeigt.

Mitgebracht hat es der Castrop-Rauxeler Jura-Student Marvin Täschner, der - man höre und staune - ein Faible für Exponate aus der Biedermeierzeit besitzt und deshalb regelmäßig auf Trödelmärkten unterwegs ist.

Den bebrillten Herrn hat er allerdings in einem kleinen Wiener Laden für 160 Euro erstanden. „Das ist nicht teuer“, erkennt Walda auf den ersten Blick, um sich dem Bild gemeinsam mit Kunsthistorikerin Isabel Ebert anschließend eingehender zu widmen.

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Geheimnis gelüftet: Student Marvin Täschner besitzt vermutlich ein Gemälde des Österreichers Anton Alois Stern. Dem Experten-Team des MKK sei Dank. © Michael Schuh

Und dabei kommen sie auch dem Maler auf die Schliche: Es dürfte sich um Anton Alois Stern gehandelt haben, der 1827 im österreichischen Steyr das Licht der Welt erblickte und ebenda 1924 im gesegneten Alter von 96 Jahren die Augen für immer schloss.

Einen exakten Wert geben die Experten auch in diesem Fall nicht an. Doch das stört Student Täschner nicht, er will sich das Bild ohnehin zu Hause aufhängen.

Stolz zückt er das Handy und zeigt Bilder aus seiner Wohnung: An allen Wänden hängen Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Da schimpfe noch einer über die Jugend von heute.

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