Ein ruhiges Jahr für die Innenstadt-West geht zu Ende

Interview mit Friedrich Fuß

Der Jahreswechsel ist Anlass Bilanz zu ziehen – auch in der örtlichen Politik. Oliver Volmerich hat dazu mit den Bezirksbürgermeistern der drei Innenstadt-Bezirke gesprochen. Den Auftakt macht der Grünen-Politiker Friedrich Fuß, Bezirksbürgermeister in der Innenstadt-West.

INNENSTADT-WEST

, 28.12.2016, 16:56 Uhr / Lesedauer: 4 min
Friedrich Fuß (Grüne) ist Bezirksbürgermeister in der Innenstadt-West. Im Interview blicht er auf das Jahr 2016 zurück.

Friedrich Fuß (Grüne) ist Bezirksbürgermeister in der Innenstadt-West. Im Interview blicht er auf das Jahr 2016 zurück.

Die City ist das Zentrum der Stadt, das Kreuzviertel das „In“-Viertel der Stadt und bürgerlich-akademisch geprägt, im Union-Viertel gibt es soziale Problem-Ecken, Dorstfeld ist ein klassischer Bergarbeiter-Vorort mit teils dörflicher Struktur – macht diese Vielfalt die Arbeit eher spannend oder schwierig?

Ich habe schon öfter gesagt: Der Stadtbezirk Innenstadt-West ist der heterogenste Stadtbezirk in Dortmund. Er ist ja auch der einzige richtige Großstadtbezirk mit Einrichtungen wie Bahnhof, Theater, Konzerthaus, Stadion. Wir haben das großstädtische Wohnen und das eher dörfliche Wohnen wie in Dorstfeld. Diese Vielfalt macht die politische Arbeit sehr interessant. Ich habe eben nicht nur ein Problem, sondern eine große Vielfalt an Aufgaben. Gleichzeitig haben wir das Problem der Abgrenzung bei den politischen Entscheidungen, weil der Rat in der City natürlich mitregiert.

Gehen wir mal der Reihe nach. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der City?

Es wird sehr deutlich, dass der Strukturwandel das Bild verändert. Bestes Beispiel ist der Boulevard Kampstraße. Das war ja früher eher der Hinterhof des Westenhellwegs. Das ist noch nicht ganz weg. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich die Kampstraße mit dem Umbau neu belebt und mit Leben füllt.

Als Grüner müsste Ihnen ja besonders die Erreichbarkeit der City mit dem Fahrrad am Herzen liegen, zumal Sie selbst meist damit unterwegs sind. Sehen Sie da noch Verbesserungsbedarf?

Es ist besser geworden. Aber besser heißt ja noch nicht gut. In Sachen Ausbau muss sicherlich am Wall einiges getan werden. Aber es ist vor allem das Bewusstsein, das noch fehlt. An der Hohen Straße haben wir zwar jetzt einen guten Radweg. Aber der ist fast nie durchgängig befahrbar, weil er von Autofahrern oft gedankenlos zugestellt wird. Beim Ausbau setze ich auf Verbesserungen nach und nach. Da kann man nicht die grüne Brechstange nehmen. Ich bin kein Brechstangen-Grüner.

Immerhin: Die Bezirksvertretung hat beschlossen, die Große Heimstraße zur Fahrradstraße umzuwandeln und dies für die Sonnenstraße zu prüfen – im Vorgriff auf den Radschnellweg Ruhr quer durchs Kreuzviertel. Gibt es mehr Proteste oder Beifall?

Das ist schwierig zu beantworten. Es gab zwei Bürgerveranstaltungen zu dem Thema. Es haben einige Leute dagegen gesprochen, aber bei der Abstimmung gab es zuletzt eine Mehrheit dafür. Ich verstehe die Bedenken natürlich. Ich wohne selbst im Kreuzviertel und kenne die Parkplatzsituation da. In der Großen Heimstraße müssten beim Radschnellweg wohl die 20 Parkplätze entfallen, die in zweiter Reihe an den Baumscheiben genutzt werden. Bei der Fahrradstraße allein wohl noch nicht, da passiert nur wenig. Da wird erst einmal nur ein Schild hinkommen, das die Straße als Fahrradstraße ausweist. Das heißt, dass Fahrradfahrer Vorfahrt haben und Autofahrer im Zweifelsfalle etwas langsamer fahren müssten. Damit werden die Menschen erst einmal auf den Radschnellweg vorbereitet – in der Hoffnung, dass das Sein das Bewusstsein verändert.

Ein Grundsatz-Problem im Kreuzviertel ist ja das Parken. Wann kommt denn die Parklizenzierung?

Ich fürchte, das Problem ist nicht in den Griff zu kriegen. Was die Parklizenzierung angeht – da war es für uns früher in der Zusammenarbeit mit der CDU einfacher, weil wir beide dagegen waren.

Bei den Grünen wundert mich das etwas. In der Innenstadt-Ost waren die Grünen mit die treibende Kraft für die Parklizenzierung.

Ich weiß. Wir sind als Innenstadt-West-Grüne nicht immer einig mit den anderen. Das Problem ist, dass man das Parkplatz-Problem auch mit der Parklizenzierung etwa im Kreuzviertel nicht in den Griff kriegt. Da müsste bei Spielen im Stadion ja eigentlich ohne Ende abgeschleppt werden. Wir würden den Anwohnern Geld abnehmen für die Lizenzierung ohne ihnen garantieren zu können, dass sie einen Parkplatz finden. Abgesehen davon: Wir wollen den Leuten das Parken einfach nicht so leicht machen.

Also gibt es noch keine grundsätzliche Verständigung zwischen Grünen und SPD in der Innenstadt-West auf eine Parklizenzierung…

Nein. Die gibt es nicht.

Das Union-Viertel soll zum Kreativquartier werden. Ist das gelungen?

Der Weg geht dahin. Für mich wird das ein Kreuzviertel 2.0. Das Wohnen ist viel schöner geworden, weil viele Eigentümer gut mitgezogen haben. Das Besondere ist, dass wir Fördermittel etwa für die Gestaltung von Hauswänden über das Quartiersbüro über eine Jury vergeben, in denen die Anwohner gegenüber Politik und Verwaltung die Mehrheit haben. Das fördert die kreativen Ideen. Die Bevölkerung hat das Bewusstsein, sie selbst hat mitentschieden, was dort geschieht.

Das Quartiersmanagement wurde vor wenigen Wochen beendet, weil die Förderung ausgelaufen ist. Wie soll oder kann es aus Ihrer Sicht weiter gehen im Union-Viertel?

Wir haben als Bezirksvertretung beschlossen, dass die Arbeit des Quartiersbüros weiterlaufen soll.

Wie soll das denn finanziert werden?

Das Finanzierungsmodell ist noch in Arbeit. Wir selbst geben als Bezirksvertretung 25.000 Euro. Klar ist, dass es über einen Verein laufen muss.

Was sind Ihre Wünsche für die Entwicklung des HSP-Geländes?

Zum Einen will sich der Union-Gewerbehof erweitern. Das ist ja dann denkbar. Es gibt auch viele kreative Ideen aus dem Nordwärts-Projekt für die Gestaltung eines neues Wohnquartiers – etwa mit einer Weiterführung des Hafens über die Mallinckrodtstraße hinaus mit Wohnen auf Pontons. Ich möchte keine Kopie des Phoenix-Sees, sondern bezahlbares Wohnen am Wasser. Da gibt es Beispiele aus Hamburg.

Über das HSP-Gelände sind wir schon fast in Dorstfeld angekommen. Überstrahlt hier das Nazi-Problem alles?

Das betrifft ja vor allem das Unterdorf rund um den Wilhelmplatz herum. Es ist schwierig. Das Problem ist, dass das Verbot der Autonomen Nationalisten zur Gründung der Partei Die Rechte geführt hat. Damit hat sich die rechtliche Situation verschärft. Die Rechten sind immer auf Provokation aus, aber sie sind eine extreme Minderheit in Dorstfeld.

Sie stehen vor Ihrem letzten Jahr als Bezirksbürgermeister, denn für 2018 ist ein Wechsel an der Spitze des Stadtbezirks mit der SPD vereinbart. Wie klappt es eigentlich mit Rot-Grün im Westen?

Die Zusammenarbeit läuft hervorragend. Reibungsflächen hatten wir früher mit der CDU, auch wenn wir uns immer geeinigt haben. Mit der SPD haben wir diese Reibungsflächen gar nicht – außer vielleicht bei der Parklizenzierung. Wir sprechen die gleiche Sprache. Wie der Wechsel zu vollziehen ist, wissen wir noch nicht genau. Aber auch da wird es sicherlich keine Probleme geben. Vereinbart ist, dass Ralf Stoltze von der SPD Bezirksbürgermeister wird und ich sein Stellvertreter.

Wie fällt Ihre Jahresbilanz aus?

Es war das erste Jahr, das sehr ruhig war. 2015 hatten wir etwa noch die Proteste gegen eine mögliche Westbad-Schließung. Jetzt ist Normalität eingetreten. Ein Höhepunkt war für mich die Einweihung des jüdischen Denkmals am Westpark am 23. Dezember, das von drei Schülerinnen gestaltet wurde.

Friedrich Fuß wurde 2009 zum ersten grünen Bezirksbürgermeister in Dortmund gewählt – erst in Koalition mit der CDU, seit 2014 mit der SPD. Der 63-Jährige war beruflich auch am Theater aktiv, absolviert zur Zeit ein Masterstudium in Erziehungswissenschaften an der TU Dortmund.

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