Eine Ausstellung zeigt und erklärt die riesige rechte Szene im Internet

rnRechtspopulismus im HMKV

Wie groß und vielgestaltig die rechte Szene im Internet in Europa und Amerika ist, zeigt die Ausstellung „Der Alt-Right-Komplex“ im HMKV. Und sie veranschaulicht, wie mächtig sie ist.

Dortmund

, 29.03.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Steve Bannon wurde bekannt als Donald Trumps Kampagnenmanager, aber Bannon war auch Filmemacher: Zwischen 2004 und 2018 produzierte er zehn „dokumentarische Filmpamphlete“, wie es in der Ausstellungsinfo heißt. Bannon sage, seine Filme sollen „das Publikum überwältigen“.

Wie Steve Bannons Propagandafilme funktionieren

Die Videoinstallation von Jonas Staal macht deutlich, dass Bannons Filme ebenso plump und gleichzeitig raffiniert funktionieren wie Werbung: Zehn Bildschirme zeigen typische, wiederkehrende Bilder aus Bannons Filmen: Zum Beispiel Unwetter, Raubtiere, Gewalttäter, Vernichtung von Eigentum. Bilder, die Urängste triggern und beim Zuschauer die Überzeugung wecken und zementieren sollen, dass das herrschende System dem Untergang geweiht ist.

Eine Ausstellung zeigt und erklärt die riesige rechte Szene im Internet

Eine der wiederkehrenden "visuellen Metaphern" in den Filmen von Steve Bannon: Raubtiere. © Tilman Abegg

Bannon vertritt nur eine von vielen Bewegungen des rechtspopulistischen Kosmos im Internet. „Der Begriff des Komplexes im Titel der Ausstellung verweist auch darauf, dass man nicht genau weiß, wo es anfängt und wo es aufhört“, sagt HMKV-Leiterin Inke Arns, Kuratorin der Ausstellung „Der Alt-Right-Komplex“.

Die Ausstellung entwirrt das rechtspopulistische Chaos

Mit ihrer Ausstellung gelingt es ihr jedoch, einen Überblick zu schaffen. Vom Eingang führt eine spitz zulaufende Passage in den Raum, deren Wände ein Glossar tragen.

Eine Ausstellung zeigt und erklärt die riesige rechte Szene im Internet

Inke Arns im Eingang der Schau: "Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit dem Internet", sagt die HMKV-Chefin. "In den 90ern war das für uns ein Ort der Freiheit. Was sich daraus entwickelt hat, ist erschreckend." © Tilman Abegg

32 zentrale Begriffe des rechten Internets sind dort erklärt und mit Querverweisen verknüpft (alle Wörter in Anführungszeichen sind einzelne Glossar-Einträge):

  • Das hassverseuchte Portal „4chan“ führt zum ikonischen Internetsymbol „Pepe der Frosch“.
  • Die philosophisch-politische, antikapitalistische Denkweise des „Akzelerationismus“ verlinkt auf das „Dark Enlightenment“, die „Dunkle Aufklärung“, die die liberale Demokratie abschaffen soll, um Freiheit zu ermöglichen, was auch der Silikon-Valley-Milliardär „Peter Thiel“ anstrebt.
  • Der „Ethnopluralismus“ wird als Wunsch der „identitären Bewegung“ definiert, dass alle Ethnien für sich bleiben und leben sollen.
  • „Memes“ werden erklärt als Bilder, Texte oder Videos, die im Internet von vielen Menschen verbreitet werden. Oft mit dem Ziel, einfach zu unterhalten, aber oft auch um Propaganda zu verbreiten, zum Beispiel von „Trollen“ zum Erreichen politischer Ziele. Die Erklärung erwähnt, dass Memes von der NATO als zeitgenössische Kriegswaffen eingestuft werden.

Eine Ausstellung zeigt und erklärt die riesige rechte Szene im Internet

Wie auf einer Landkarte ordnet die Künstlergruppe Disnovation.org die Internet-Memes innerhalb des rechtspopulistischen Kosmos ein: von links bis rechts und von freiheitlich bis autoritär. © Tilman Abegg

Das Internet ist Teil unserer Welt

Inke Arns sagt, sie habe diese Ausstellung gemacht, um zu zeigen, wie stark das, was im Internet passiert, die physische Welt und den Alltag in Europa und Amerika beeinflusst. „Das Attentat in Christchurch wurde nicht von Geisteskranken begangen, sondern von Überzeugungstätern.“

Der Brexit sei von den gleichen Methoden und Techniken begünstigt – oder sogar ermöglicht – worden wie Donald Trumps Wahlsieg.

Die zwölf ausgestellten Werke von 16 Künstlerinnen und Künstlern umfassen Videos, Texte, Flaggen und andere Gegenstände. Drei Beispiele:

  • Simon Denny zeigt Spielanleitungen für drei fiktive Brettspiele, deren Spielprinzip rechtspopulistischen Überzeugungen folgt.
  • Dominic Gagnon zeigt zwei jeweils 61 Minuten lange Videocollagen mit zensierten Amateuraufnahmen von Menschen, die ihre unterschiedlichen Weltsichten erläutern. Allen gemeinsam ist, dass sie dem System, in dem sie leben, misstrauen.
  • Die „Hate Library“ (Hassbibliothek) von Nick Thurston ist eine ästhetisch ansprechende Installation mit zwölf kreisförmig aufgestellten Notenständern. Auf jedem liegt ein faustdickes Buch aus Texten, die Menschen in rechten Blogs und Foren gepostet haben. Jedes Buch aus einem anderen EU-Land. An den Wänden rundherum hängen unzählige Thread-Titel aus einschlägigen Foren – die trotzdem nur ein mikroskopisch kleiner Bruchteil des gesamten Hasses im Internet sind.
Die Ausstellung „Der Alt-Right-Komplex“ eröffnet am Freitag, 29. März, um 19 Uhr. Bei der Eröffnung wird HMKV-Leiterin Dr. Inke Arns der Justus-Bier-Preis verliehen für die Ausstellung „Sturm auf den Winterpalast“, die 2018 im U zu sehen war. Der HMKV liegt auf der 3. Etage im U-Turm, Leonie-Reygers-Terrasse. Zu sehen bis 22.9.2019. Geöffnet Di, Mi, Sa, So 11 bis 18 Uhr, Do, Fr 11 bis 20 Uhr. Auf der HMKV-Seite gibt es weitere Infos.
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