Mit Kleinkindern Wunschzettel zu schreiben hat laut Zwillingsmama Julia genau einen Sinn: Einmal sind andere für die Wünsche und Forderungen der Kinder zuständig. Etwa das Christkind.

Dortmund

, 09.12.2018, 04:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Meine Zwillingssöhne sind drei Jahre alt. Sie nehmen alles, was die Feiertrickkiste zu bieten hat, in vollem Bewusstsein mit: Geburtstag, Ostern, Laternenfest und natürlich Weihnachten. Deswegen haben wir jetzt Wunschzettel produziert. Es war ein Akt großer Schaffenskraft mit hohem Materialaufkommen.

Es kamen Unmengen an Glitzerkleber zum Einsatz, wobei mich dieses Geständnis vermutlich als Mikroplastik-Sünderin der obersten Garde qualifiziert. Aber Weihnachten ist zum Glück nur einmal im Jahr und was im Advent passiert, bleibt im Advent.

Einmal total maßlos sein

Wunschzettel schreiben – welch‘ schönes Ritual! Wer erinnert sich nicht voller Herzenswärme an diesen Moment, in dem man mal so richtig über die Stränge schlagen durfte? Einmal im Jahr alles raushauen, was man haben möchte: Puppen, Ponys und Paläste – da hat niemand gemeckert, dass man vermessen in seinen Forderungen sei. Zumindest bei uns Zuhause galt das Gesetz: Wünschen dürft ihr euch alles!

Seitdem ich selbst Mutter bin, weiß ich, dass Eltern diesen Satz anders auslegen als der Nachwuchs. Die Kinder hören „alles“, die Eltern meinen „wünschen“. Eine wunderbare Grauzone, die jahrelang als Deeskalationsmaßnahme dienen kann.

Purer Selbstschutz

Seitdem meine Kinder mehr als drei zusammenhängende Wörter sprechen und gezielt Wünsche äußern können, weiß ich außerdem, dass des Wunschzettels Kern in Wirklichkeit kein Weihnachtsritual ist. Kinder ihr Begehr zu Papier bringen und an Dritte adressieren zu lassen ist purer Selbstschutz!

Man hat einmal im Jahr die Möglichkeit, die Verantwortung jemand anderem zuzuschieben und sourct das Genörgel einfach aus – an Weihnachtsmann, Christkind und von mir aus auch an den Nikolaus. Ganz windige Eltern holen sich noch den Osterhasen ins Boot.

Freude am Zusehen

Ganz ehrlich? Es hat schon Spaß gemacht, die Kinder beim Verfassen der Weihnachtspost zu beobachten. Sie wälzten Spielzeugprospekte, kritzelten Kleinkind-Hieroglyphen auf Zettel, klebten und schnippelten. Die Jungs gehören zur Kategorie „hohe Produktionsmenge“ – und das nicht nur in Bezug auf ihre eigene Zeugungsgeschichte.

Drei Striche auf ein Blatt, eine halbe Tube Glitzerkleister – Brief fertig, nächster. Deswegen gab es ein recht großes Wunschzettelaufkommen auf unserer Küchenfensterbank, auf der die Bittschriften platziert wurden. Dann hieß es warten. Aber auf wen eigentlich? Im vergangenen Jahr habe ich mir noch die Mühe gemacht, gemäß unserer abendländischen Tradition stets auf das Christkind zu verweisen.

Christkind oder Weihnachtsmann?

Jetzt gehen die Kinder in die Kita und es herrscht offenbar Dissens darüber, in welchen Zuständigkeitsbereich die Bescherung fällt: Christkind oder Weihnachtsmann. Kann das Christkind überhaupt fliegen und so viele Geschenke schleppen? Berechtigte Fragen, ich weiß es nicht. Von mir aus können jetzt Christkind und Weihnachtsmann ziemlich beste Freunde sein, die das Ding mit den Geschenken gemeinsam durchziehen – Coexist, quasi.

Da aber wohl klar ist, dass die Chief Executive Officer von Weihnachten keine Kapazitäten haben, alle Wunschzettel persönlich einzusammeln, warteten wir auf Engel und Wichtel. Ebenfalls klar ist, dass das Advents-Sondereinsatzkommando nur ausrückt, wenn alles schläft. Drei Nächte mussten die Zwillinge warten. So lange dauerte es nämlich, bis das Internet-Versandhaus die Glitzersternchen lieferte, die ich als geheimnisvolle Spuren des Wunschzettel-Transfers zu streuen gedachte.

Der Morgen der Abholung? Ein Sohn fürchtete sich vor den Wichteln, die sich augenscheinlich in unsere Wohnung geschlichen hatten, der andere motzte, weil er noch einen weiteren Brief hatte schreiben wollen. Als Mutter weiß ich: Es hätte schlechter laufen können!

Über die Kolumne

Schicksalsjahre einer Zwillingsmutter

In unserer Kolumne „Doppelkinder“ erzählt unsere Autorin regelmäßig von den kleinen Desastern, den großen Wäschebergen und den Herzensmomenten, die das Leben mit Kindern so mit sich bringt. Julia ist Journalistin, Bloggerin und Coach und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Zwillingssöhnen in Dortmund.
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