Elfjähriger protestiert gegen Unterrichtsausfall

347 Unterschriften gesammelt

Noch bevor die Ruhr Nachrichten und das Recherchebüro Correctiv den "Unterrichtsausfall-Check“ ins Leben gerufen haben, hatte Anjo schon seine eigene Aktion gegen den Stundenausfall gestartet. Mit seinem Freund Justin (12) sammelte der Elfjährige an seiner Schule 347 Unterschriften und schrieb einen Protestbrief an das Düsseldorfer Schulministerium.

ASSELN

, 09.03.2017, 04:12 Uhr / Lesedauer: 2 min
Elfjähriger protestiert gegen Unterrichtsausfall

347 Unterschriften haben Anjo (l., 11) und Justin (r., 12) gegen den Unterrichtsausfall an ihrer Schule gesammelt und im Schulministerium abgegeben.

Anjo Horstmann geht in die 6. Klasse der Max-Born-Realschule in Asseln. Unterrichtsausfall ist für den Jungen schon lange kein Vergnügen mehr. „Es ärgert mich“, sagt der Elfjährige. „Mit der sechsten Klasse ging es richtig los.“ In Mathe wechselte sich nach den Schilderungen der Jungs wochenlanger Ausfall mit ständig neuen Lehrerinnen und Lehrern ab, gleiches gilt für Deutsch. Auch bei anderen Fächern gab es lange Ausfallzeiten.

Am 7. Februar setzte sich Anjo hin und schrieb einen Brief an die Schulministerin. Er kennt ihn auswendig: „Sehr geehrte Frau Löhrmann, wir ärgern uns darüber, dass Ihre Regierung an unserer Bildung spart. Es gibt einen schlimmen Mangel an Lehrern. (...)“ Anjos Brief endet mit einer Bitte: „Geld ist genug da, bitte geben Sie es für die Schulen aus!“

Schulleiterin begrüßt die Aktion

347 Mitschüler der mit 435 Schülern vergleichsweise kleinen Schule haben den Brief unterschrieben. Dafür sind Anjo und Justin sogar morgens eine Stunde früher gekommen, um nach Absprache mit der Schulleiterin durch die Klassen zu gehen. Dr. Johanna Kahlert begrüßt die Aktion: „Wir hatten einen starken Unterrichtsausfall“, bestätigt sie. Inzwischen seien aber acht Vertretungslehrer eingestellt worden.

Die beiden Freunde und ihre Eltern haben die Hoffnung auf Besserung aufgegeben: „Wir müssen alles nacharbeiten und viel schneller lernen“, sagt Justin. Oft müssten die Schüler den Stoff zuhause erarbeiten. „Google ist Mamas bester Freund“, scherzt Justins Mutter Karin Drost.

„Helfen ist ja kein Thema, aber das Grundlegende muss doch in der Schule passieren.“ Anjos Vater Dave Varghese ärgert es, dass die Kinder den Stoff oft sehr verdichtet lernen müssen und nach kürzester Zeit Arbeiten darüber schreiben, „manchmal schon nach ein, zwei Tagen“.

Akrobatische Vertretungsversuche

Die Schulleiterin unternehme geradezu „akrobatische Versuche“, Vertretungslösungen hinzubekommen. Nach Beschreibung von Karin Drost wird aber eher ein Loch mit dem anderen gestopft: „Wenn Lehrer Vertretung geben, fällt dafür dann am nächsten Tag die Stunde des Vertretungslehrers aus.“ So würden Freistunden überbrückt, Eckstunden aber ersatzlos gestrichen, weil Lehrer ihr Stundenpensum erfüllt hätten.

Auf ein bis drei Stunden täglich schätzen die Eltern den Stundenausfall. Im ersten Moment sei das ganz schön, geben die Jungs zu. „Aber wir müssen das dann ja alles nachholen.“ Deshalb ist Anjo in der vergangenen Woche mit seiner Mutter nach Düsseldorf gefahren und hat seinen Beschwerdebrief mit 16 Seiten Unterschriften im Büro von Frau Löhrmann abgegeben.

Jetzt wartet Anjo auf eine Antwort der Ministerin. „Ist in Bearbeitung“, hieß es dort am Mittwoch auf Nachfrage.

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