Eltern müssen manchmal um Hilfe bitten – und Unterstützung aushalten

rnEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Das Leben mit Kindern kann unbequem sein. Insbesondere, wenn die Umstände uns aus der Komfortzone herausschmeißen und wir Dinge tun müssen, die wir nicht gerne tun: um Hilfe bitten, etwa.

Dortmund

, 20.01.2019, 04:09 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, heißt es. Aber dieser Tage ist das besagte Dorf oft über das ganze Land, zuweilen sogar über die ganze Welt versprengt. Wenn du als junger Mensch nicht in irgendeine angesagte Metropole ziehst, um dort deine Ausbildung oder dein Studium in einem überteuerten briefmarkengroßen WG-Zimmer zu verbringen, hast du definitiv ein Image-Problem.

Wenn du auf den süßen Duft der Heimat pfeifst und hinaus in die weite Welt ziehst, hast du allerdings möglicherweise irgendwann ein Betreuungsproblem. Ich glaube, keine Mutter und kein Vater muss mehr als den Bruchteil einer Sekunde überlegen, welches Problem schwerer wiegt. Dein Image ist ohnehin spätestens dann im Eimer, wenn dein Kind mit seiner Körpervorderseite die Fliesen vor der Supermarktkasse gewischt hat, weil du Schokoladenkonsum in Großmarktmengen untersagt hast.

UNSERE KOLUMNE „DOPPELKINDER“

Aus dem Leben einer Zwillingsmama

Eltern müssen manchmal um Hilfe bitten – und Unterstützung aushalten

© Julia Scharnowski

In unserer Eltern-Kolumne berichtet Julia Scharnowski jeden zweiten Sonntag aus ihrem Alltag, den sie mit Ehemann und Zwillingssöhnen in Dortmund erlebt. Sie schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog „Doppelkinder“ und bei Instagram.

Im Clinch mit der Schwiegermutter

Doch wo ist die Schmerzgrenze erreicht, wenn Familien Dutzende oder gar Hunderte Kilometer von betreuungswilligen Großeltern, Tanten und Onkeln entfernt leben? Oder was ist, wenn man mit der eigenen Schwiegermutter so sehr im Clinch liegt, dass man vielleicht die Zimmerpalme, nicht aber den Nachwuchs unter ihre Aufsicht stellen würde? Leider schreiben mir immer wieder Leser, wie angespannt Beziehungen innerhalb ihres dörflichen Stammes sind.

Was, wenn es einem furchtbar unangenehm ist, die Zeit anderer Menschen zu beanspruchen? Den Kinobesuch mit dem Partner streichen die meisten Eltern zuallererst von der Bedürfnisliste. Genauso wie die Yogastunde, den Zumba-Kurs oder das Essen mit den Arbeitskollegen. Ist alles nicht so wichtig. Dann eben später, wenn die Kinder älter sind. Was vielen Müttern und Vätern nicht bewusst ist: Das ist Raubbau am lebenden Modell.

Eltern reißen sich zusammen

Denn wer täglich alles gibt, um Kindern einen Boden zubereiten, in dem sie Wurzeln schlagen, und die Welt so vertrauenswert zu gestalten, dass der Nachwuchs eines Tages die Flügel ausbreitet und sich mutig in das eigene Leben aufschwingt, muss regelmäßig auftanken und den eigenen Motor warten. Ich gebe zu: Hier gibt der Blinde dem Einäugigen gute Ratschläge, denn weder mein Mann noch ich sind bislang in die Königsklasse derjenigen aufgestiegen, die sich Unterstützung suchen.

Meistens geht es ja irgendwie. Notfalls auch noch, wenn man bereits den Kopf unterm Arm trägt. Bildlich gesprochen. Doch nun standen wir kürzlich vor einer Situation, in der wir wirklich dringend jemanden brauchten, der die Kinder einen Tag lang übernimmt. Wir fragten diverse Großeltern, doch waren die schon ausgebucht. Wir grübelten und überlegten.

Niemandem zur Last fallen

Dann fragten wir weiter, zähneknirschend. Und siehe da – eine ambitionierte Tante nahm die Herausforderung an, ihr Kinderunterhaltungsprogramm an diesem Tag von drei auf fünf Teilnehmer aufzustocken. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, nach den Absagen den Radius meines Hilfegesuchs zu erweitern. Man will ja niemandem zur Last fallen.

Doch dann erinnerte ich mich daran, wie schön es für alle Beteiligten war, als meine kleine Nichte zur Weihnachtszeit öfter den Nachmittag bei uns verbracht hat. Unsere Söhne waren begeistert von der Verstärkung und der Mann und ich freuten uns, meiner Schwester helfen zu können. Könnte es eventuell möglich sein, dass auch die Menschen, die wir um Hilfe gebeten haben, etwas Gutes daraus ziehen? Ich sehe da durchaus Chancen.

Wir halten es jetzt einfach mal aus, nach Unterstützung gefragt und sie sogar gefunden zu haben. Wenn wir das überstehen, machen wir das vielleicht sogar ein zweites Mal. Und gehen dann ins Kino, wie echte erwachsene Menschen!

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