Eltern-Taxis stehen im Stau – Streik hängt Menschen vom Alltag ab

rnStreik von Bus und Bahn

Hunderte Schüler nehmen an normalen Tagen den Bus zum Schulzentrum. Nicht an diesem Dienstag: Der Streik im öffentlichen Nahverkehr verursacht Eltern Stress. Und nicht nur ihnen.

Nette

, 29.09.2020, 13:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dienstagmorgen (29.9.). Es dämmert über der Dörwerstraße. Im Süden zeichnen die Betonklötze der Großwohnsiedlung schwarze Konturen am dunkelgrauen Herbsthimmel. Im Norden stehen Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer-Realschule (ASR) und des Heinrich-Heine-Gymnasiums (HHG) auf den Schulhöfen.

Mittendrin: Eine scheinbar endlose Kette roter und weißer Lichter. Zwischen Haberlandstraße und Mengeder Straße rollt in beiden Richtungen eine Blechlawine über die nicht sonderlich breite Fahrbahn. Schon an „normalen“ Tagen ist zu dieser Stunde hier mehr Verkehr.

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Dieser Dienstag ist kein „normaler“ Tag. Busse und Bahnen fahren nicht: Streik im öffentlichen Nahverkehr. Drei Buslinien fahren die Haltestelle Hördermannshof sonst im Zehn-Minuten-Takt an – gestern noch und morgen wieder. Der Streik kommt nicht überraschend. Er war über mehrere Tage von der Gewerkschaft Verdi angekündigt.

Hupen ertönen in der Blechlawine

Eine Verkehrsempfehlung für diesen Tag haben die weiterführenden Schulen in Nette nicht ausgesprochen. „Das regeln die Familien auf eigene Initiative“, sagt Susanne Köhnen. Sie ist Leiterin des Heinrich-Heine-Gymnasiums.

Um 7.30 Uhr beginnt hier wie nebenan in der ASR der Unterricht. Aufgrund der Corona-Schutzbestimmungen fängt die erste Stunde in drei gestaffelten Zeitslots an: um 7.30, 7.45 und um 8 Uhr. Der Verkehr sollte sich verteilen. Eigentlich.

Autofahrer, die wenden, provozieren ein Hupkonzert.

Autofahrer, die wenden, provozieren ein Hupkonzert. © Uwe von Schirp

Es ist 7.20 Uhr. Immer wieder stockt kurz die Blechlawine. Mal sind es ein, mal zwei, mal auch drei Schüler, die flugs aus dem Auto steigen. Die Fahrer halten da, wo es sich gerade anbietet. Eine Hupe ertönt. Ein schwarzer VW-Kombi versperrt die Einfahrt zum Lehrerparkplatz der Realschule.

Die meisten Mütter, Väter, Großeltern oder Nachbarn fahren nach dem kurzen Aussteige-Stopp einfach geradeaus weiter. Eine Fahrerin hat dazu offenbar keine Lust. Vor der Dreifachsporthalle wendet sie in fünf Zügen – vergessen die Fahrstunden, wo sie es in drei Zügen gelernt haben sollte. Das Hupen wird lauter.

Kinder fahren mit dem Taxi zur Schule

Die Bürgersteige leeren sich derweil. Unterrichtsbeginn. 7.35 Uhr: Langsam lässt der Verkehr etwas nach. Ein Taxi hält gegenüber der Sporthalle. Mitten auf der Fahrspur. Kinder steigen ein. Tanja Gast winkt den Zehnjährigen noch einmal zu. „Heute Mittag stehen wir vor der Schule“, ruft sie und drückt dem Taxifahrer einen Geldschein in die Hand.

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„Das Taxi habe ich schon gestern Mittag bestellt“, sagt Tanja Gast. „Ich habe in Mengede, Nette, einfach überall angerufen. Viele Taxi-Unternehmen waren schon ausgebucht, weil sie von 7 bis 9 Uhr Krankenfahrten haben.“ Ihr Sohn und der ihrer Freundin besuchen die Reinoldi-Sekundarschule in Westerfilde – gut drei Kilometer entfernt.

Mittags werden sich Tanja Gast und ihre Freundin auf den Weg machen, um die Kinder abzuholen: 40 Minuten Fußmarsch hin, noch einmal so lang wieder zurück. „Oder wir nehmen in Westerfilde auch ein Taxi“, sagt sie. „Wenn wir eins bekommen.“

Ob Anwohner auf dem Weg zum Bahnhof oder Kinder zur Schule: Taxis halten mehrfach an der Dörwerstraße.

Ob Anwohner auf dem Weg zum Bahnhof oder Kinder zur Schule: Taxis halten mehrfach an der Dörwerstraße. © Uwe von Schirp

7.45 Uhr: Der Verkehr nimmt nur leicht wieder zu. Wenige Autos halten vor den beiden Schulen. Die versetzten Corona-Zeitslots zu Unterrichtsbeginn scheinen an diesem Streikmorgen ihre Gültigkeit verloren zu haben. Viele Gruppen von Schülern stehen auf den Schulhöfen und warten darauf, dass ihre Lehrer sie in die Klassen und Kurse holen.

Mann sagt Termin im Jobcenter ab

Es ist 7.55 Uhr. Zwei Füße ragen ausgestreckt aus dem Wartehäuschen der Bushaltestelle hervor. Ein Mann schaut immer wieder nach links die Straße herunter. Ein Blick auf die Uhr. Stirnrunzeln. Kein Bus kommt. „Ich hab einen Termin beim Amt“, sagt er. Um 8.45 Uhr soll der 55-Jährige im Jobcenter sein.

Er blickt erstaunt. Dass an diesem Dienstag Bus und Stadtbahn nicht fahren, weiß er nicht. Er erzählt von seinen Krankheiten. „Beine, Rücken kaputt, im Kopf habe ich eine Platte. Weit laufen darf ich deswegen nicht.“ Die Alternative, nach einem Fußweg mit der S-Bahn in die Innenstadt zu fahren, komme daher nicht infrage.

Langsam steht er auf, geht zur Straße. „Dann geh ich mal dort anrufen“, sagt der Netter zum Abschied. „Bei Streik werden sie ja wohl nichts sagen.“ In seiner Stimme schwingt Sorge mit. Ganz sicher scheint er sich nicht zu sein, dass der geplatzte Termin keine Konsequenzen hat.

Ein Geschwisterpaar radelt den Bürgersteig entlang und biegt in die Einfahrt zur Realschule ab. In wenigen Minuten beginnt die zweite Stunde. Eine Gruppe Oberstufenschüler kreuzt ihren Fußweg zum Gymnasium.

Migrantin verpasst Deutschkurs

Zwei Frauen stehen an der Bushaltestelle und unterhalten sich. „Ich warte auf meinen Mann“, sagt eine Frau mit osteuropäischem Akzent. „Er ist auf der Arbeit und fährt gleich meinen Sohn zum Kindergarten nach Westerfilde.“

Eine Migrantin aus Eritrea schaut etwas ratlos. „Ich muss zum Deutschkurs in der Nähe vom Stadthaus“, erklärt sie. Auch sie hat gerade erst vom Streik erfahren. Die übliche Verbindung und ihr Zeitplan fallen nun flach. „Dann muss ich heute wohl zuhause bleiben“, sagt die 30-Jährige. Sie nimmt ihre Tasche unter den Arm und überquert die Straße.

Gegen 8.30 Uhr ist die Blechlawine vor dem Schulzentrum verschwunden: Abgesehen von den fehlenden Bussen, ist es ein "normaler" Tag auf der Dörwerstraße.

Gegen 8.30 Uhr ist die Blechlawine vor dem Schulzentrum verschwunden: Abgesehen von den fehlenden Bussen, ist es ein "normaler" Tag auf der Dörwerstraße. © Uwe von Schirp

8.30 Uhr. Es ist nun taghell. Die vor 75 Minuten noch schwarzen Konturen der Betonklötze der Großwohnsiedlung bilden nun ein Einheitsgrau mit dem Herbsthimmel. Die roten und weißen Lichter sind erloschen, die Blechlawine verschwunden. Die Schulhöfe sind leer. Es ist ruhig geworden.

Die Dörwerstraße wirkt fast so wie an „normalen“ Tagen um diese Zeit. Allein die Busse fahren nicht.

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