Abläufe und Inhalte im Kindergarten selbst bestimmen – mit diesem Ziel engagieren sich viele Dortmunder in Elterninitiativen. Es gibt Erfolgsgeschichten. Manchmal geht es aber auch schief.

Dortmund

, 03.09.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie tragen Namen wie Klabauterkinder, Möhrenbande, Rumpelwichte oder Ali Baba und sie sind ein wichtiger Teil der Kita-Landschaft in Dortmund. Die Stadt hat NRW-weit eine der am stärksten ausgeprägten und vielfältigsten Landschaften von Kindergärten, die auf Elternarbeit fußen.

Es gibt über 50 Elterninitiativen in Dortmund

53 Einrichtungen sind nach dem Modell der Elterninitiative organisiert, insgesamt gibt es rund 60 „freie“ Kindergärten. Diese Zahl ist höher als in vergleichbaren Großstädten.

Als Elterninitiativen werden im Allgemeinen kleine, von Eltern selbst verwaltete Kindertageseinrichtungen in der Rechtsform eines gemeinnützigen eingetragenen Vereins verstanden, die zwischen 10 und 40 Kinder aufnehmen. In den mehr als 50 Einrichtungen werden bis zu 2000 Kinder betreut. Rund 18.000 Kinder zwischen 0 und 6 Jahren gibt es in Dortmund insgesamt.

Die Elterninitiativen haben ihre Wurzeln in der 68er-Bewegung. Eltern entwickelten ein Bewusstsein für Pädagogik, die von staatlichen Stellen unabhängig ist und sich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Und so begannen Eltern sich unter dem Begriff „Kinderladen“ in deutschen Städten zu organisieren.

In Dortmund gründete sich 1970 als eine der ersten Initiativen der „Aktionskreis Kritischer Kindergarten“ (AKK), der bis heute an der Beurhausstraße im Klinikviertel existiert. An vielen Orten sind Erfolgsgeschichten geschrieben worden. Etliche Einrichtungen gibt es schon länger als 20 Jahre.

In nahezu allen Teilen der Stadt engagieren sich Eltern in Kitas

In den Folgejahrzehnten entstanden in nahezu allen Dortmunder Stadtteilen vergleichbare Kindergärten. Sie entstanden als Ausdruck von Demokratisierung und bürgerschaftlichem Engagement. Und zunehmend auch als eine Reaktion auf den Mangel an Plätzen in öffentlichen Kitas und Unzufriedenheit über das System der frühkindlichen Bildung.

Ein weiterer Faktor für Gründungen in der jüngeren Vergangenheit: Die Ansprüche von Eltern an die Betreuung ihrer Kinder sind gestiegen. Sie nehmen deshalb das Ruder selbst in die Hand. Der Rechtsanspruch auf einen U3-Platz hat den Bedarf seit 2013 weiter erhöht.

Das ist die rechtliche Lage bei Elterninitiativen

Die Träger von Kindertageseinrichtungen sind eigenständige Rechtspersonen. Die Eltern stellen den Vorstand der Einrichtungen, stellen Personal ein, legen Jahresbeiträge und die inhaltliche Ausrichtung des Kindergartens fest.

Das Jugendamt ist für die Beratung und Förderung aller Träger von Kindertageseinrichtungen zuständig. Die Elterninitiativen sind dem Dachverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes angeschlossen. Dieser berät in finanzieller wie in pädagogischer Hinsicht.

Gunther Niermann ist Kreisgruppengeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Er sagt: „Es gibt mehrere Vorteile gegenüber herkömmlichen Kindergärten. Die Eltern arbeiten aktiv am pädagogischen Konzept mit und bringen sich praktisch ein, graben den Garten um oder stellen eine Schaukel auf. Es wird relativ machtfrei miteinander gesprochen, vieles lässt sich auf kurzen Wegen lösen. Es gibt insgesamt ein sehr großes Engagement.“

Doch in ihrer täglichen Arbeit begegnen den Beratern mehrere „besondere Herausforderungen“, wie Gunther Niermann es nennt. Denn: So segensreich die Kooperation zwischen Eltern sein kann, so sehr sich das auch ins Gegenteil verkehren. Wenn der Ausgleich der Interessen als Eltern, Vereinsmitglieder und rechtlich Verantwortliche nicht funktioniert, haben die freien Initiativen ein Problem.

Was, wenn es schiefgeht - ein aktueller Fall aus dem Dortmunder Süden

Beispielhaft zeigt sich in einer Einrichtung im Dortmunder Süden. Hier befindet sich die Elterngemeinschaft in kontroversem Austausch miteinander. Wie aus Unterlagen hervorgeht, die dieser Redaktion vorliegen, erhielten zunächst Mitarbeiter wegen finanzieller Schwierigkeiten Änderungskündigungen. Was im Klartext heißt: Sie sollten auf Gehalt verzichten. Seitdem hat offenbar viel Vertrauen untereinander gelitten.

Die Kita-Leitung soll abgelöst werden, bedauert aber die fehlende Kommunikation mit dem Elternvorstand darüber. Unter den Eltern gibt es Uneinigkeit und zugleich die Sorge, dass die Kinder „aufmüpfiger“ Familien Nachteile erfahren könnten. Zudem sorgten pädagogische Fragen, unter anderem nach dem richtigen Umgang mit dem Thema frühkindliche Sexualität, für Diskussionen mit offenem Ausgang. Und einer Hoffnung auf Einigung.

Das sind die größten Risiken für Elterninititativen

Diskussionen über Geld, Pädagogik und Misstrauen: Was hier mutmaßlich passiert ist, kann auch in anderen Elterninitiativen passieren.

  • Das Geld: Im Kinderbildungsgesetz für NRW (Kibiz) ist die jährliche Erhöhung der Pauschalen, mit denen die Kitas Sachkosten und Personal bezahlen, bei 1,5 Prozent gedeckelt. Darin sind Dinge wie Tariferhöhungen für Erzieherinnen nicht eingerechnet. In den jüngsten Verhandlungen gab es ein Plus für die Arbeitnehmer von über 3 Prozent.

    „Viele Elterninitiativen sind in die Situation geraten, dass ihre Rücklagen nicht mehr zur Refinanzierung reichten“, sagt Gunther Niermann vom Paritätischen.

    Das rot-grüne Kita-Rettungspaket von 2015, das die neue Landesregierung zuletzt bestätigte, hilft an vielen Stellen, ist aber aus Sicht der Berater keine Dauerlösung.

    Das Dortmunder Jugendamt bestätigt, dass sich die häufigsten Anfragen der Elterninitiativen mit dem Wunsch nach finanzieller Förderung befassen. Ein spektakulärer Fall der jüngeren Vergangenheit war die Insolvenz des Vereins „Hukita“ aus Huckarde Anfang 2017.

  • Das Miteinander: Die Doppelrolle von Eltern als beteiligte Erziehungsberechtigte und als formaljuristisch verantwortliche Personen birgt Konfliktpotenzial. „Der Vorstand muss so agieren, dass dem Verein kein Schaden entsteht. Gleichzeitig hat er als Elternteil Interesse an guter Pädagogik“, sagt Gunther Niermann.

    Die Studie „Auf Augenhöhe - Leitung von Elterninitiativen in gemeinsamer Verantwortung von Eltern, Erzieherinnen und Erziehern“, im Juli 2017 von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht, sieht die zwischenmenschlichen Fragen als entscheidenden Faktor für den Erfolg einer Einrichtung an.

    „Aus den Ressourcen und Fähigkeiten von Eltern und Team erwächst ein großer Pool an Möglichkeiten, der für die bestmögliche Erledigung der Leitungsaufgaben genutzt werden kann“, heißt es in der Studie. Zugleich könne „die Einbeziehung aller im Verein engagierten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher aufgrund längerer Entscheidungswege und mitunter mühsamer Diskussionen auch eine Belastung sein“.

    Die Gefahr, dass einzelne Personen ihre „Machtposition“ aus eigener Selbstüberschätzung oder Überforderung missbrauchen oder aufgrund persönlicher Krisen und Krankheiten Aufgaben vernachlässigen werde in den kleinen Elterninitiativen augenfällig.

    Zugleich zeige sich in solchen Krisensituationen „welchen Schutzfaktor die demokratischen Strukturen und die Verteilung von Aufgaben auf mehrere Schultern bilden“, so die Autoren der Studie, die in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen entstanden ist.

Für den Paritätischen ist deshalb die Weiterbildung von Kita-Leiterinnen und Vorständen ein wichtiger Baustein. „Wir bleiben regelmäßig dran“, sagt Gunther Niermann. Die allermeisten Einrichtungen seien sich der Risiken bewusst und wiesen von sich aus auf Probleme hin. Wenn es um das Wohl der eigenen Kinder gehe, herrsche eine „hohe Emotionalität.“

Wie sieht die Zukunft von Elterninititativen aus?

Elterninitiativen sind ein wesentlicher Teil der freien Trägerlandschaft im Kita-Bereich. „Die Trägervielfalt bildet die Vielfalt der Stadtgesellschaft ab. Schon allein deshalb sind sie wichtig“, sagt der Kreisgruppengeschäftsführer des Paritätischen.

Der Bedarf nach Kita-Plätzen bleibt hoch. In Dortmund eröffnen 2018 sechs neue Kitas, rund 30 Standorte werden neu gebaut oder erweitert. Elterninitiativen und andere private Träger spielen weiter eine wichtige Rolle. Es gibt aber dennoch öffentlich geäußert Sorgen über die Zukunft der elterngestützten Kita-Arbeit.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen hat schon 2016 in einem Positionspapier eine finanzielle Entlastung und eine einfachere Abrechnung gefordert. Hierin heißt es: „Durch das gegenwärtige Finanzierungssystem werden kleine Einrichtungen mit hohem Personalbedarf in Existenznöte gebracht. Die finanzielle Ausstattung der Träger und die finanzielle Belastung der Eltern darf nicht länger von der Finanzlage der einzelnen Kommune abhängig sein.“

Die meisten Elterninititativen gibt es in NRW
  • Nach der aktuellen Statistik des Bundesamtes für Statistik gibt es insgesamt 4.387 Elterninitiativen mit 148.107 Plätzen. Das entspricht acht Prozent aller Tagesstätten.
  • Die meisten davon (1215) liegen in Nordrhein-Westfalen.
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