Entartete Kunst - das Museum im Krieg

DORTMUND Mit 125 Jahren ist das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) das älteste im Ruhrgebiet. In einer Serie stellen wir Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Hauses vor. Diesmal: „Entartete Kunst“ – das Museum im Krieg.

von Von Katrin Pinetzki

, 01.07.2008, 17:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Entartete Kunst - das Museum im Krieg

Schon seit 1935 ahnte Museumsleiter Dr. Rolf Fritz, was wohl auch seinem Haus blühen würde: In diesem Jahr machte die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ in Dortmund Station. Im „Haus der Kunst“, einem Forum nationalsozialistischer Kulturpropaganda, waren jene Beispiele moderner Kunst ausgestellt, die von den Nationalsozialisten als „artfremd“ diffamiert wurden – expressionistische Werke ebenso wie Arbeiten von Juden oder Künstlern, die als „politisch“ galten. Rund 20 000 Dortmunder sahen die Schmäh-Ausstellung, die den verfemten Werken die „Höhen deutscher Kunst“ gegenüberstellte: Bilder etwa von Hans Holbein, Wilhelm Leibl und Hans Thoma.

300 Werke konfisziert

Rolf Fritz reagierte und lagerte 1936 fast alle Bilder von Christian Rohlfs, der sich auf der „Schwarzen Liste“ der Nazis befand, im Depot ein. Am 23. August 1937 wurde es dann ernst: Eine Nazi-Kommission kam ins Museumsgebäude am Ostwall, beschlagnahmte mehr als 300 Kunstwerke und brachte sie nach Berlin – darunter Bilder von Oskar Kokoschka, Christian Rohlfs, George Grosz oder Bernhard Hoetger. Viele dieser Künstler hatten mit dem jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim zusammen gearbeitet, der wiederum durch mehrere gestiftete Werke auch dem Dortmunder Museum verbunden war.

Unverfängliche Ausstellungen

Zum Glück für das Museum übersah die Nazi-Kommission auch einige Kunstwerke, die eigentlich hätten konfisziert werden müssen, etwa die Skulptur „Paula Becker-Modersohn“ von Bernhard Hoetger oder mehrere Gemälde von Christian Rohlfs. Welche Ausstellungen zeigte Fritz in Dortmund zu jener Zeit? Unverfänglich und genehm waren Schauen wie „Westfälische Bildwerke des Mittelalters“, die das Museum 1938 präsentierte, oder „Niederländisches Volksleben im 17. Jahrhundert“ (1939). Werke noch lebender Künstler durften nur noch mit ministerieller Genehmigung angeschafft werden. Das Gemälde „Wannseegarten“ des jüdischen Malers Max Liebermann, der zunächst noch nicht auf der Schwarzen Liste auftauchte, tauschte Fritz vorsichtshalber in einer Kölner Galerie gegen ein Ölgemälde von Philipp Hackert ein. Die beschlagnahmten Bilder sollten ins Ausland verkauft werden; eine Entschädigung erhielt das Museum erst fünf Jahre später für die Werke.

Asyl in Cappenberg

Da war Rolf Fritz längst von der Wehrmacht eingezogen worden. Seine Mitarbeitern Dr. Leonie Reygers berichtete ihm per Brief von der Zerstörung des Museums durch Brandbomben. Längst hatte sie große Teile des Bestandes mit Hilfe u.a. des Grafen Kanitz nach Schloss Cappenberg gerettet, darunter den Marien-Altar Conrad von Soests und den Berswordt-Altar. 

Einige kamen zurück

Das Museum kümmerte sich auch um den privaten Kunstbesitz von Dortmundern; vor allem die Mitglieder des Museumsvereins erhielten Hilfe bei der Sicherung ihrer Werke. 1944 wurde das Museum per Anordnung dazu verpflichtet, alles „national wertvolle Kunstgut“ zu sichern. Daraufhin meldeten sich so viele Sammler, dass der Ansturm kaum zu bewältigen war. Einige der konfiszierten Bilder gelangten auf abenteuerliche Weise zurück ins Dortmunder Museum – etwa Christian Rohlfs „Blaue Berge“, „Liebespaar“ und „Atelier in Weimar“, die 1954 bei einer Auktion in Stuttgart unter anderen Namen wieder auftauchten. Dr. Rolf Fritz steigerte mit und erhielt den Zuschlag. Nach der Gründung des Museums am Ostwall wanderten die Bilder in dessen Bestand.

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