Erinnerungen an den Dalai-Lama als Ehrengast beim Reinoldimahl

rnVor 25 Jahren

Von einem „Ereignis mit historischer Dimension“ war die Rede. Am 6. Mai 1995 war der Dalai-Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, in Dortmund zu Besuch. Wir blicken zurück.

Dortmund

, 05.05.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Er ist ein Mann mit ganz besonderer Ausstrahlung. Das hört man von fast allen, die den Dalai-Lama schon einmal getroffen haben. Das weltliche Oberhaupt der Tibeter war - sehr zum Ärger der chinesischen Staatsführung - über viele Jahre mit seiner Friedensbotschaft weltweit unterwegs. Auch in Dortmund hinterließ er großen Eindruck.

Vor genau 25 Jahren war der 14. Dalai-Lama, der 1989 für seinen gewaltlosen Einsatz für die Befreiung Tibets mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, hier zu Gast. Er besuchte zwei Dortmunder Unternehmen, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt: die Westfälische Hypothekenbank, kurz Westhyp, und den Energieversorger VEW. Und er war Festredner beim Reinoldimahl, der Traditionsveranstaltung der Reinoldigilde, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen.

Erste Begegnung in Indien

Den Kontakt zu „seiner Heiligkeit“ hatte Dr. Georg Kottmann geknüpft, der zu den Ehrenmeistern der Reinoldigilde gehört. Der Vorstandschef der Westhyp hatte den als „Gottkönig“ verehrten Dalai-Lama, der seit 1959 im indischen Exil lebte, bei einer Studienreise in Indien zum ersten Mal gesehen. „Da winkte er aus einem Auto heraus freundlich den Menschen zu“, erinnert sich Kottmann. Seine Frau habe damals spontan die Idee gehabt, den Dalai-Lama nach Dortmund einzuladen.

Der Faden wurde weiter gesponnen - über Roland Koch, den späteren Ministerpräsidenten von Hessen. Der hatte als Vorsitzender der Jungen Union den Dalai-Lama kennengelernt und begeisterte sich für den Mönch und sein Eintreten für den Frieden. Eine echte Freundschaft entstand, die nun auch half, eine Brücke nach Dortmund zu schlagen.

Eindrucksvolle Begegnungen: Schon mehrfach traf der frühere Westhyp-Vorstandschef Dr. Georg Kottmann (l.), hier mit Sohn Alexander, den Dalai-Lama.

Eindrucksvolle Begegnungen: Schon mehrfach traf der frühere Westhyp-Vorstandschef Dr. Georg Kottmann (l.), hier mit Sohn Alexander, den Dalai-Lama. © Privat

Bei einem Besuch in Brüssel traf Georg Kottmann gemeinsam mit Roland Koch den Dalai-Lama erstmals persönlich und lud ihn nach Dortmund ein. „Er hat spontan zugesagt“, freut sich Kottmann.

Am 6. Mai 1995 kam es dann zu der historischen Visite. „Der Dalai-Lama, Oberhaupt der Buddhisten Tibets, trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein und sprach beim Reinoldimahl im Rathaus (traditionell gab‘s Pfefferpotthast) über den ‚menschlichen Weg zum Frieden‘, der nur mit ‚innerer Abrüstung‘ jedes Einzelnen zu erreichen sei“, berichteten die Ruhr Nachrichten. „Seine in tibetischer Sprache (mit englischen Passagen) gehaltene Rede in der Bürgerhalle vor rund 250 Gästen wurde von einem aus Österreich stammenden Mönch ins Deutsche übersetzt.“

Besuch bei Westhyp und VEW

Berichtet wurde auch über den Besuch des Friedensnobelpreisträger am Vormittag bei der Westhyp und bei der VEW mit ihrem Sonnenenergieforum im Westfalenpark. „Er interessierte sich sehr für die Energieversorgung und die Technik“, blickt Kottmann zurück.

Vor allem erinnert sich der frühere Westhyp-Chef an einen besonderen Augenblick beim Besuch in der Westhyp-Zentrale an der Florianstraße. Der Dalai-Lama stand auf dem Balkon mit Blick auf das Phoenix-West-Gelände, auf dem die Hochöfen noch glühten, ein Ende aber schon absehbar war. „Er sagte: Hier wird etwas ganz Neues entstehen“, berichtet Kottmann von den offenbar „visionären Fähigkeiten“ des Mönchs. Jetzt, 50 Jahre später, ist „das Neue“ mit neuen Firmen auf Phoenix-West und dem Wilo-Campus greifbar.

Ein Bild, mit dem Gerog Kottmann, eine besondere Erinnerung verknüpft: Der Dalai Lama auf dem Balkon der Westhyp-Zentrale mit dem Blick auf das Hochofenwerk Phoenix-West.

Ein Bild, mit dem Gerog Kottmann, eine besondere Erinnerung verknüpft: Der Dalai Lama auf dem Balkon der Westhyp-Zentrale mit dem Blick auf das Hochofenwerk Phoenix-West. © Privat

Georg Kottmann hat den Dalai-Lama später noch einige Male wieder getroffen. „Er ist immer sehr nahbar und herzlich, ein Mensch von großer Freundlichkeit“, beschreibt er den Friedensnobelpreisträger. Auch heute noch gibt es losen Kontakt zu dem inzwischen 84-Jährigen, um den es in den letzten Jahren allerdings sehr ruhig geworden ist. Die Erinnerungen an den Dortmund-Besuch sind aber für Kottmann noch immer sehr nah und lebendig.

Die Reinoldigilde und das Reinoldimahl

  • Die Reinoldigilde war im mittelalterlichen Dortmund die bedeutendste und einflussreichste Gilde der Stadt.
  • 1988 wurde sie wiederbelebt und fördert seitdem tatkräftig das Stadtbild, Wissenschaft und Kultur in Dortmund.
  • Höhepunkt im Jahreskalender ist das alljährliche Reinoldimahl, das ebenfalls alten Traditionen folgt. Zu den Rednern bei dem Festakt im Rathaus gehörten u.a. Johannes Rau, Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier und der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Wölki.
  • In diesem Jahr fällt das für den 8. Mai im Rathaus geplant Reinoldimahl wegen der Corona-Krise aus.
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