Corona im Seniorenheim

„Es wäre ein ganzer Wohnbereich im Leichensack rausgetragen worden“

Corona-Fälle unter Geimpften in einem Dortmunder Seniorenheim wecken die Sorge um ältere Menschen. Ist sie berechtigt? So sieht der Chef der städtischen Seniorenheime die aktuelle Lage.

Die Nachrichten aus dem Seniorenzentrum Rosenheim im Dortmunder Stadtteil Sölde erinnern an den Winter 2020/21: Unter rund 220 Bewohnern und Mitarbeitern kursiert das Coronavirus, es gibt bisher 25 positive Tests.

Vor neun Monaten wäre das noch völlig zu Recht ein Grund zu größtmöglicher Aufregung gewesen. „Es hätte Tote gegeben, es wäre ein ganzer Wohnbereich im Leichensack rausgetragen worden“, sagt Martin Kaiser, Geschäftsführer der städtischen Seniorenheime, in klaren Worten.

Im Winter 20/21 gab es viele Todesfälle in Seniorenheimen

Zwischen Dezember und Februar waren 10 bis 15 Corona-Todesfälle pro Woche in Dortmund die Regel – und häufig starben Menschen in hohem Alter, die sich in Seniorenheimen ansteckten. Impfstoff ist seit Ende Dezember verfügbar und wurde über mobile Teams zuerst an Menschen in Wohneinrichtungen verteilt.

Im Spätsommer 2021 ist der Umgang mit dem Ausbruch weiterhin ernsthaft, aber deutlich gelassener. „Die Situation ist der Beweis dafür, dass das Impfen hilft und nötig ist“, sagt Martin Kaiser. „Wir impfen ja nicht das Virus weg, sondern schützen vor schweren Verläufen.“

Verstorbene befand sich in der „prä-finalen Phase“ ihres Lebens

Drei Personen aus Sölde sind im Krankenhaus, mehr als 20 weitere sind überwiegend symptomfrei. Eine Frau starb am Montag, sie war nach dem Ausbruch positiv getestet worden.

Sie befand sich laut Kaiser bereits in der „prä-finalen Phase“ ihres Lebens. Das Virus war demnach nicht ursächlich für ihren Tod.

Die Verstorbene war wie der überwiegende Teil der anderen Positiven vollständig geimpft. Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern gebe es nur „Einzelne“, die aus medizinischen Gründen oder auf Wunsch der Angehörigen ungeimpft sind, so Martin Kaiser.

Über die exakte Impfquote unter den Beschäftigten habe man keine Informationen, da der Status vom Arbeitgeber nicht erfasst werden dürfe.

Drittimpfungen sind angelaufen

Mittlerweile sind in Dortmunder Seniorenheimen die „Booster“-Impfungen mit einer dritten Dosis Biontech angelaufen. Die Organisation läuft über die niedergelassenen Ärzte.

Zuletzt hatte auch der Dortmunder Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken für die Auffrischung geworben. Es gebe Hinweise, dass der Impfschutz bei Personen nachlasse, die vor teilweise mehr als acht Monaten eine erste Dosis erhalten hatten, sagte Renken.

Nach bisherigem Stand ist davon auszugehen, dass das Virus von außen in die Sölder Einrichtung hineingetragen worden ist. „Dadurch haben sich innerhalb des Hauses Übertragungslinien gebildet“, sagt der Geschäftsführer der städtischen GmbH.

Ein Test am 2. September (Donnerstag) soll das Bild von den Auswirkungen komplettieren. Ergebnisse liegen voraussichtlich nach dem Wochenende vor.

Keine Isolationen von Stationen oder einzelnen Bewohnern

In der Einrichtung in Sölde sind die Hygieneregeln noch einmal ausgebaut worden. Davon abgesehen geht der Alltag in dem Seniorenzentrum halbwegs normal weiter.

Eine Isolation von Stationen oder einzelnen Bewohnern gibt es – anders als in der Winter-Welle – nicht. Diese Maßnahme ist sogar offiziell von Seiten des Landesgesundheitsministeriums untersagt.

„Wir sind ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Kaiser. Was er damit meint: Wenn Tausende im Fußballstadion sitzen dürfen und überall Normalität zurückkehrt, lasse sich dies älteren Menschen nicht verwehren.

Man müsse dann aber auch mit Corona-Ausbrüchen umgehen. „So wie es in Schulen, Kindergärten oder Fußballmannschaften auch ist.“

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth