Quasi das erste Softwarehaus Europas wurde bereits in den 50er-Jahren von Hoesch mitgegründet. 1988, als dieses Foto entstand, begeisterte sich auch der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau dafür. Hier mit dem damaligen Hoesch-Chef Detlev Rohwedder (l.) und Hoesch-Arbeitsdirektor Günter Sieber (vorne r.). © Archiv
150 Jahre Hoesch

Europas erste Software-Firma entstand in Dortmund: „Das war revolutionär“

Hoesch steht für Stahl aus Dortmund. Dass zu dem Industriekonzern auch das quasi erste Softwarehaus Europas gehörte, ist weitgehend unbekannt – und eine fast tragische Geschichte.

Wer mit Hoesch nur Hochöfen und harte Maloche verbindet, muss sein Bild etwas korrigieren. Zu dem Stahlunternehmen, das vor 150 Jahren in Dortmund gegründet wurde, gehörte jahrzehntelang auch eine Software-Firma – mit mehreren hundert Mitarbeitern.

Diese war als Mathematischer Beratungs- und Programmierungsdienst GmbH (mbp) 1957 von 14 Unternehmen ins Leben gerufen worden – darunter auch die Hoesch AG. Der Begriff „Software“ war damals noch nicht geläufig, erst später firmierte die Softwareschmiede als „mbp Software & Systems GmbH“.

Und dass mbp nicht so groß geworden ist wie die heutigen Software-Größen SAP oder Bechtle, schmerzt den ehemaligen Hoesch-Manager Prof. Dr. Michael Hoffmann noch heute.

Hoesch-Tochter mbp entwickelte früh eine Computersprache

„Wir waren auf vielen Gebieten einzigartig. mbp wurde vorrangig mit dem Ziel gegründet, um mittels der aufkommenden Computertechnik Berechnungen für Stahlkonstruktionen schneller und präziser vorzunehmen sowie Produktionsprozesse zu beschleunigen und zu automatisieren. mbp hatte dann eine weitere Dynamik bekommen, als man seit den 1980er-Jahren Komponenten für Computer-Betriebssysteme und Telekommunikationssysteme programmiert hat“, sagt Michael Hoffmann.

Der Dortmunder Unternehmer Prof. Michael Hoffmann war als Hoesch-Manager von 1984 bis 1991 für die Tochterfirma mbp zuständig. „Wir waren einzigartig“, sagt er.
Der Dortmunder Unternehmer Prof. Michael Hoffmann war als Hoesch-Manager von 1984 bis 1991 für die Tochterfirma mbp zuständig. „Wir waren einzigartig“, sagt er. © Peter Wulle © Peter Wulle

Die Firma mbp war auch bei der Entwicklung einer für kleinere Computer spezialisierten Computersprache, dem Cobol-Compiler „Visual“, seiner Zeit voraus. Er entstand in den 1960er-Jahren und wurde bis weit in die 1990er-Jahre international erfolgreich verkauft. „Das war revolutionär.“

Als stets innovatives Unternehmen lieferte mbp auch die Software für die Sendeleittechnik des damals neuen ZDF-Fernsehzentrums auf dem Mainzer Lerchenberg, war für die Luft- und Raumfahrt tätig, entwickelte CAD-Systeme für rationelles Konstruieren von Maschinen, Rohrleitungssystemen und elektrischen Schaltplänen.

Ganz vorn dabei war mbp auch in der Telekommunikation. Man brachte Software für den BTX-Zugang über analoge Modems auf den Markt. Mit der Entwicklung von Hardware für die ISDN-Technik war mbp Vorreiter bei der digitalen Kommunikation.

Die Information als „Produktivfaktor der 90er-Jahre“

Bereits 1971 hatte Hoesch die Geschäftsanteile aller Mitgründer, zu denen unter anderem auch VEW, Uhde oder Orenstein & Koppel gehörten, übernommen. Der Firmensitz befand sich bis 1978 an der Kleppingstraße 26.

Dort erinnert eine 2016 enthüllte Gedenktafel an das über viele Jahre führende Softwareunternehmen in Deutschland. 1978 erfolgte ein Umzug zur Semerteichstaße 47-49.

An der Kleppingstraße erinnert eine Gedenktafel an das über viele Jahre führende Softwareunternehmen in Deutschland.
An der Kleppingstraße erinnert eine Gedenktafel an das über viele Jahre führende Softwareunternehmen in Deutschland. © Peter Wulle © Peter Wulle

„Dass Hoesch Alleineigentümer von mbp wurde, zeigt, dass man durchaus an neuen Technologien interessiert war. Allerdings war der mentale Spagat vom Stahl zur Software in einem montanmitbestimmten Stahl-Konzern manchmal recht groß“, sagt der ehemalige Hoesch-Manager Michael Hoffmann, der von 1984 bis 1991 für mbp zuständig war.

Im Jahr 1990 erreichte mbp mit seinen Geschäftsbereichen Informationstechnologie, Unternehmensführungssysteme und Industrieautomation einen Umsatz von 124 Millionen D-Mark und damit ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Unternehmen war profitabel und beschäftigte über 750 Mitarbeiter. Es hatte Niederlassungen in England, Frankreich und den USA.

IT-Unternehmen mussten gegen viele Bedenken ankämpfen

Michael Hoffmann erinnert daran, dass man aber als IT-Unternehmen im Deutschland der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre vielfach gegen Bedenken ankämpfen musste: „Der zunehmende Einsatz von Computern und digitaler Kommunikation wurde als Bedrohung angesehen. Das ‚Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen‘ und die mit dem ‚gläsernen Menschen‘ aufkommende Diskussion um den Datenschutz waren die Schlagworte.“

Nach seiner Einschätzung hat damals die fehlende Offenheit für den technologischen Fortschritt Deutschland mehr als zehn Jahre gekostet: „Ob in der IT, der Bio- oder Gentechnik, viele innovative Leute, die in diesen Disziplinen vorankommen wollten, sind abgewandert.“

Im mbp-Geschäftsbericht von 1990 war von Information als dem „Produktivfaktor der 1990er-Jahre“ die Rede. „Bessere, schnellere Kommunikation bringt Wettbewerbsvorteile“, hieß es. Nicht alle erkannten wie der damalige Hoesch-Chef Detlev Rohwedder die wachsende Bedeutung der Informationstechnologie und dass mbp ein wertvoller Baustein für ein Wachstum außerhalb des Stahlbereichs werden könnte.

Ohne Detlev Rohwedder an der Hoesch-Spitze änderte sich alles

In seiner Funktion als Präsident der Treuhandanstalt wurde Detlev Rohwedder 1991 von einem Heckenschützen in seinem Haus ermordet. Die linksterroristische Rote Armee Fraktion (RAF) bekannte sich damals zu der Tat. Bis heute sind die Täter und das Motiv unbekannt.

1985 hatte es bereits einen Sprengstoffanschlag der Revolutionären Zellen auf mbp gegeben. Damals stand mbp in der Kritik, weil man unter anderem ein Fingerabdrucksystem entwickelt hatte, das angeblich nach Südafrika geliefert werden sollte.

Mit dem Wechsel von Detlev Rohwedder zur Treuhandanstalt fehlte dem Hoesch-Konzern die wichtige Führungsfigur. Das entstandene Vakuum führte letztendlich zur Übernahme von Hoesch durch Krupp.

„Dadurch kam auch mbp unter die Räder“, sagt Michael Hoffmann. „Wer mit Stahl, Schrott und Koks handelt und in Tonnen denkt, kann sich unter Bits und Bytes nichts vorstellen. Die Manager nach Detlev Rohwedder haben einfach das Potenzial von mbp nicht erkannt.“ So wurde mbp 1992 an EDS, einem IT-Konzern innerhalb von General Motors, in den USA verkauft.

Unter EDS-Regie zog mbp 1998 in ein neues Gebäude an der Semerteichstraße 50-52 um. Dort waren bis April 2008 noch einige ehemalige Mitarbeiter von mbp tätig. Dann gab EDS den Standort Dortmund auf. 2009 übernahm Hewlett-Packard die Firma EDS.

Dortmund ist dank mbp ein großer IT-Standort in Deutschland

„Dass Dortmund heute ein so großer IT-Standort mit mehreren tausend Beschäftigten ist, hat viel mit mbp zu tun. Nach dem Verkauf und der Zerschlagung von mbp haben sich etliche Mitarbeiter von mbp im Dortmunder Technologiezentrum selbstständig gemacht. Firmen wie Materna, ISD, Swyx haben von den vielen gut ausgebildeten mbp-Mitarbeitern profitiert“, sagt Michael Hoffmann und ergänzt: „Für Dortmund war es ein Segen, dass bereits in frühen Jahren durch mbp so viel IT-Know-how aufgebaut wurde.“

Nach seiner Zeit bei Hoesch hatte sich Michael Hoffmann 1991 mit Beteiligungen an mehreren Unternehmen selbstständig gemacht. Vor einem Jahr errichtete er zusammen mit seinen Söhnen auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände Phoenix West mit dem TMM Forum, einem modernen Bürokomplex, das Domizil für seine Familiengesellschaft.

Für den 76-jährigen, kulturbegeisterten Dortmunder Unternehmer ist das in gewisser Weise nach 30 Jahren eine Rückkehr an seine frühere Wirkungsstätte Hoesch.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle