Rund um Mitternacht sind an den vergangenen Wochenenden jede Menge Autos auf dem Dortmunder Wall unterwegs gewesen. © Kevin Kindel
Tuner, Raser und Poser

Experte entsetzt: „Was in Dortmund passiert, ist für mich unvorstellbar“

Der Ärger um Raser und Tuner ist nicht in Dortmund erfunden worden. Aus Köln, Herten oder Bochum gibt es bereits Erkenntnisse. Wie gehen andere Städte mit der Thematik um? Ein Überblick.

Die Diskussion um laute und rücksichtslose Autofahrer am Wall hat dazu geführt, dass dort nun abends Tempo 30 gilt. Im Frühjahr 2020 waren zwei Spuren des Ostwalls bereits testweise dauerhaft gesperrt, um die Strecke für Raser und Poser weniger attraktiv zu machen.

In Dortmund sei die Mischung aus Beschleunigungsrennen, Tuning, Dating und Eventcharakter mit verkleideten Personen durchaus besonders, sagte Innenminister Herbert Reul bei seinem Besuch am Wochenende vor Ort. Doch andere Städte haben auch ihre Erfahrungen mit der Thematik.

Reul nannte als Beispiel die Stadt Köln, wo es bereits Tote durch Raser gab. Am besten mit der dortigen Situation vertraut ist Jürgen Berg, Leiter des eigens ins Leben gerufenen Einsatztrupps „Rennen“ bei der Kölner Polizei. Die Kollegen dieser Einheit beschäftigen sich ausschließlich mit Rasern und Tunern, sie haben keinerlei andere Pflichten.

Und obwohl Berg in der Millionenstadt durchaus viel mit dem Problem zu tun hat, sagt er: „Was in Dortmund passiert, ist für mich unvorstellbar.“ In Köln spreche man in der Regel über Ansammlungen von 30 bis 40 Autos. In Dortmund zählte die Polizei in der Spitze 700 Wagen an einem einzigen Abend. Auch wenn am Rhein seit Beginn der Corona-Krise mehr Fahrer auffallen, könne man die Situationen kaum vergleichen.

Tempo 30 auf der „Protzermeile“ in Köln

Die Maßnahmen, um dem Problem zu begegnen, sind aber sehr ähnlich. Nachdem eine Radfahrerin bei einem Rennen angefahren und getötet wurde, ist die Höchstgeschwindigkeit am Tatort, dem Auenweg in der Nähe des Treffpunkts Tanzbrunnens am Rhein, auf 30 km/h reduziert worden. Auch auf den Kölner Ringen, Jürgen Berg nennt sie „Protzermeile“, gilt inzwischen Tempo 30.

Wie viele Kollegen im Sonder-Einsatztrupp beschäftigt sind, will Berg nicht verraten. Zehn von ihnen seien jedenfalls immer im Außeneinsatz, permanent seien sie auch in Zivilwagen in der Stadt unterwegs. Etwa 350 Autos würden dort pro Jahr beschlagnahmt. Allerdings sagt der Leiter auch, dass die Kontrollen zu einer Verdrängung des Problems hin zu anderen Treffpunkten führen.

Ein großer Teil seines „Klientels“ wohne noch bei den Eltern, so Berg: „Das einzige, was sie haben, ist das Auto. Und damit wollen sie raus.“ Mit manchen Orten, an denen keine Anwohner belästigt oder gefährdet werden, könne die Polizei aber eher leben als mit anderen, wird im Gespräch deutlich.

„Die Szene löst sich ja nicht auf“

Ein Zechengelände in Herten war bis 2017 ein bekannter Treffpunkt der Szene. Dann ist die Zufahrt versperrt worden, später hat man Rillen in den Asphalt gefräst, um der Strecke die Attraktivität zu nehmen. Es sei ruhiger geworden, aber Polizeisprecher Andreas Wilming-Weber sagt auch: „Das Problem ist noch existent, die Szene löst sich ja nicht auf.“ Treffen legaler Tuner, die sich dort ordnungsgemäß verhalten, seien natürlich nicht verboten.

Im Bochumer Bermuda-Dreieck ist seit November ein hydraulisch ausfahrbarer Poller in Betrieb.
Im Bochumer Bermuda-Dreieck ist seit November ein hydraulisch ausfahrbarer Poller in Betrieb. © Stadt Bochum © Stadt Bochum

Die Stadt Bochum hat im vergangenen Herbst mit einer anderen Maßnahme auf das sogenannte „Car-Posing“ reagiert. Am Partyviertel Bermuda-Dreieck ist seit Anfang November ein versenkbarer Poller in Betrieb: „Zuvor war die Straße in der Nacht mit Bauzäunen abgesperrt und verstärkt kontrolliert worden“, so Sprecher Peter van Dyk.

Mit hochdrehenden Motoren und röhrenden Abgasanlagen seien Anwohner dort zuvor um den Schlaf gebracht worden. Der neue Poller versperrt die schmale Brüderstraße täglich von 19 bis 5 Uhr und hat rund 60.000 Euro gekostet. Aktuell sehe man keine neuen Hotspots der Szene in der Stadt.

Von der Polizei Essen ist auf Nachfrage zu hören, dass die Stadt generell nicht im Fokus der Szene stehe – der regional bekannt gewordene Fall im Oktober, als rund 230 Autofahrer von der Zeche Zollverein vertrieben wurden, sei eine Ausnahme. Nur vereinzelt seien sonst Raser und Poser unterwegs, „die ihre dicken Karren präsentieren wollen“, so Sprecher Christoph Wickhorst.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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