In Dortmunder Grundschulen gibt es Kinder, die während des Ramadans fasten – obwohl der Islam das für Kinder eigentlich nicht vorsieht. Das ist für Schüler und Lehrer eine Herausforderung.

Dortmund

, 23.05.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie viele Grundschüler in Dortmund fasten, darüber gibt es keine konkreten Zahlen. Eins ist jedoch sicher: Es gibt fastende Kinder in Dortmund. Und Mediziner sind sich einig, dass Fasten im Kindesalter ungesund ist, weil sich der Körper noch im Wachstum befindet und daher regelmäßig seine Nährstoffe braucht.

Allgemeingültige Leitfäden, wie Lehrer mit fastenden Kindern an Dortmunder Schulen umgehen sollten, gibt es nicht. Lehrer entscheiden vor Ort nach eigenem Ermessen. An der Albrecht-Brinkmann-Grundschule in der Dortmunder Nordstadt sind etwa 450 von 580 Schülern Muslime. Martin Mölken-Bockhoff ist seit 18 Jahren der Schulleiter. Seit 18 Jahren haben er und seine Kollegen eine einheitliche Linie, wie sie mit fastenden Kindern umgehen.

„Schule ist Schule und Koran ist Koran“

„Wenn wir merken, dass Kinder nichts essen und trinken, rufen wir die Eltern an und bitten sie, ihre Kinder vom Fasten abzuhalten“, sagt der Schulleiter. In der Regel funktioniere das. Die meisten Eltern seien einsichtig und überzeugen ihre Kinder davon, etwas zu essen. „Wenn die Schüler trotzdem weiter fasten, rufen wir die Eltern so lange an, bis die Kinder ihr Fasten einstellen“, ergänzt der Schulleiter. Manchmal werden auch Gespräche im Beisein muslimischer Lehrer geführt, um die Eltern besser zu erreichen. Rücksicht auf fastende Kinder nehmen die Lehrer beim Unterricht nicht.

Prinzipiell finde Mölken-Bockhoff es in Ordnung, wenn Kinder fasten. „Aber Schule ist Schule und Koran ist Koran. Und in dem Fall ist es nicht einmal ein Widerspruch“, stellt der Schulleiter fest. Tatsächlich ist Kindern im Grundschulalter das Fasten nicht vorgesehen - das Fasten-Gebot im Islam gilt erst ab der Pubertät.

An der Harkort-Grundschule wird das Fasten geduldet

Fastende Kinder gibt es auch an der Harkort-Grundschule im Dortmunder Süden. Wie viele von ihnen genau fasten, kann Schulleiterin Maria Quel nicht sagen. 83 von 275 Kindern seien Muslime.

„Wenn Lehrer beobachten, dass Schüler müde sind oder sich nicht konzentrieren können, teilen die Lehrer ihnen mit, dass sie laut den islamischen Regeln eigentlich nicht fasten müssen“, so die Schulleiterin. Beobachtung: „Die Kinder brechen das Fasten meistens nicht ab.“ Das Phänomen trete vor allem bei Kindern in der vierten Klasse auf, die behaupten, mit dem Fasten kein Problem zu haben.

Vergangenes Jahr, als während des Fastenmonats große Hitze herrschte, war laut Quel jedoch offensichtlich, dass einige Schüler mit dem Fasten überfordert waren. Eine Zweitklässlerin habe begonnen zu zittern. In dem Fall folgte sie dem Rat der Lehrer und habe etwas getrunken und gegessen. Das Mädchen betonte, nicht von den Eltern gezwungen worden zu sein. Die Lehrer suchten daraufhin das Gespräch mit den Eltern. Auch sie behaupteten, dass ihr Kinder freiwillig faste.

Das Mädchen blieb kein Einzelfall: So wurden von der Harkort-Grundschule einige Eltern angerufen und gebeten, ihre fastenden Kinder abzuholen, weil die Lehrer die weitere Verantwortung nicht übernehmen wollten. Viel mehr könne die Schule auch nicht tun: „Verbieten können wir das Fasten aufgrund der Religionsfreiheit nicht“, so Maria Quel.

Kinder dürfen nicht zum Fastenbrechen gezwungen werden

Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg, sagte unserer Redaktion, dass in Dortmund derzeit keine Fälle bekannt seien, in denen Kinder oder Jugendliche zum Fasten gezwungen würden.

Zu Fasten-Verboten sagt Söbbeler: „Wertungen oder Einflussnahme auf die Religionsausübung sind hier nicht angezeigt“. Stattdessen sollten Lehrer Gespräche mit den Eltern führen, „um individuell nach einer Lösung zu suchen, damit für die Kinder auch während des Fastens ein Schulbesuch möglich ist“. Darüber hinaus sollte deutlich gemacht werden, „unter welchen Problemen fastende Kinder im Schulalltag leiden. Dabei sollte es um das Wohl der Kinder gehen“, so Söbbeler.

Rat der Muslimischen Gemeinden ist für Aufklärung

Ahmad Aweimer, Sprechers des Rats der Muslimischen Gemeinden in Dortmund (RMGD), lehnt ein Fasten-Verbot an Schulen ab, weil es „menschenwidrig und verfassungswidrig wäre. Das steht Lehrern nicht zu.“ Außerdem solle sich der Staat nicht „in die Religion der Menschen einmischen“. Aweimer spricht im Namen von 41 Moscheen in Dortmund.

Stattdessen rät er den Lehrern, ein Gespräch mit den Eltern und den Kindern zu führen, um eine Lösung zu suchen. Wenn es um Grundschulkinder geht, würde Aweimer sofort empfehlen, dass sie nicht fasten sollen. Das gleiche gelte auch für fastende Schüler, wenn sie Prüfungen schreiben.

Kinder testen ihr Grenzen aus

Dennoch halten mahnende Worte einige Kinder nicht davon ab, mit zu fasten. Das erklärt Aweimer damit, dass Kinder „ihre eigenen Eltern herausfordern, um ihre Grenzen auszutesten – oder früher erwachsen zu werden“. Aweimer bietet den RMGD als Ansprechpartner an, um zwischen Eltern und Schulen im Streitfall zu vermitteln.

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