Faule Profs im Streichelzoo

Münster Ihr Berufsstand ist hoch angesehen - doch jetzt trifft die Hochschulprofessoren harte Kritik.

02.07.2007, 20:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

In ihrem Buch «Professor Untat - was faul ist hinter den Hochschulkulissen» werfen Professor Uwe Kamenz und Martin Wehrle der Professorenschaft vor, sich zu wenig um Studierende und Forschung, dafür umso mehr um lukrative Nebenjobs zu kümmern. MZ-Mitarbeiterin Susanne Riese sprach mit Uwe Kamenz, der als Mitbegründer des Professoren-Netzwerkes «ProfNet» das ProfNet-Institut für Internet-Marketing in Münster leitet und Professor für Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Dortmunder Fachhochschule ist.

Wie schlimm sieht's hinter den Hochschulkulissen aus?

Kamenz : Etwa 50 Prozent der Professoren sind untätig. Von diesen sind fünf Prozent faul. Das heißt: Sie missbrauchen das System zum eigenen Vorteil.

Wie kommen Sie darauf?

Kamenz : Zum einen durch eine Stichprobenuntersuchung. Wir haben im Bereich BWL Lehrtätigkeiten und Veröffentlichungen untersucht und festgehalten, wie viele Profs unter 20 Stunden bleiben und wie viele gar nichts gemacht haben. Das haben wir hochgerechnet...

Und dann gaben Sie als Versuchsballon eine Anzeige auf. Sie begann mit der Zeile «Ihr Hochschulberuf allein lastet Sie nicht aus...».

Kamenz : Ich dachte, da fällt niemand drauf rein. Ja, wir boten Professoren einen 'erstklassig dotierten' Nebenjob an, für den sie eine 'zeitliche Flexibilität von zwei bis drei Tagen pro Woche' mitbringen sollten. Die Anzeige war ein Mal in der 'Zeit' geschaltet. Das Ergebnis: 44 Professoren waren bereit, gegen Dienstregeln zu verstoßen, darunter gar ein Hochschulpräsident. Viele kündigten sogar an, in den Semesterferien rund um die Uhr Zeit zu haben.

Hat Sie das überrascht?

Kamenz : Nein, das ist statistisch gesehen ein Anteil von fünf Prozent, das war zu erwarten. Überrascht hat mich nur der Präsident.

Ist ein solches Verhalten moralisch verwerflich?

Kamenz : Man muss im Einzelnen schauen. Von mir aus können sie so viele Nebentätigkeiten haben, wie sie wollen, wenn sie einen Hauptberuf haben. Wer also drei Tage nebenbei arbeitet, der muss von einer Sieben-Tage-Woche ausgehen. Offiziell ist ein Tag pro Woche für Nebentätigkeiten erlaubt. Es gibt aber viele Möglichkeiten, das zu umgehen. In den Unternehmensberatungen zum Beispiel arbeiten dann pro forma immer die Ehefrauen...

Müssen denn nicht alle Professoren lehren?

Kamenz : Es gibt viele, die selbst kaum noch lehren, vor allem an den Unis. Die haben dafür ihre Assistenten. An den FHs nutzen die Profs andere Tricks, um ihre Stundenzahl zu reduzieren.

Und die Forschung?

Kamenz : Mindestens die Hälfte der Professoren forscht nicht, obwohl sie den gesetzlichen Auftrag haben. Niemand geht dagegen vor. Der Staat kann es nicht, denn dann müsste er die finanzielle Unterstützung für die Forschungstätigkeit leisten.

Heißt das, wir müssen das mehr kontrollieren?

Kamenz : Nein. Einer unserer letzten Standortvorteile gegenüber anderen Ländern ist die Freiheit von Forschung und Lehre. Leistung lässt sich schwer messen, das geht nicht mit der Stechuhr.

Was schlagen Sie dann vor?

Kamenz : Es gibt 38 000 Profs in Deutschland. Wenn sich Menschen fänden, die diese im Internet beurteilen, würde das sofort wirken. 38 000 Paten, die schauen, was ein Professor so treibt. Dazu muss man nur im Internet nachschauen, was die Professoren publizieren. Alle unsere Vorschläge sind innerhalb von zwei bis drei Jahren umsetzbar, ohne großen finanziellen Aufwand. Eine weitere Maßnahme: Den Titel wegnehmen, das würde sofort wirken.

Und was ist mit dem Status, den Sie «Streichelzoo des Beamtentums» nennen?

Kamenz : Die Abschaffung des Berufsbeamtentums würde erst in 20 Jahren wirken. Wir müssen aber sofort etwas verbessern, sonst verspielen wir unsere Zukunft. Wir brauchen mehr Innovationen aus unabhängiger Forschung, allein um die Produktivität zu steigern und Pensionen zu sichern.

Uwe Kamenz, Martin Wehrle: «Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen», Econ-Verlag, 18 Euro.

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