Feuerwehr Dortmund fehlt der Nachwuchs

Mehr Einsätze im Rettungsdienst

Stetig steigende Einsatzzahlen im Rettungsdienst, weniger Unwetter, zu schlechte Bewerber für den Feuerwehr-Beruf und Geisterfahrer in der Rettungsgasse – hier ein Lagebericht über den Alltag der Feuerwehr.

DORTMUND

, 08.08.2017, 18:21 Uhr / Lesedauer: 2 min
Feuerwehr Dortmund fehlt der Nachwuchs

Bei spektakulären Anlässen – wie hier auf einem Stadtfeuerwehrtag 2016 in der Innenstadt – ist bei jungen Bürgern das Interesse an der Feuerwehr noch groß. Wenn es später um die Berufswahl geht, lässt es dann nach.

Seit Jahren steigen die Einsatzzahlen – hält der Trend an?

Beim Rettungsdienst: ja. Bei der Feuerwehr: nein. Hier Zahlen im Vergleich 2015 / 2016:

  • Rettungsdienst: Anstieg um 3555 Notfall-Einsätze auf 90 957. Das sind 93,4 Prozent aller Einsätze von Feuerwehr und Rettungsdienst. Feuerwehr-Chef Dirk Aschenbrenner: „Der Rettungsdienst ist der Zahlentreiber.“
  • Feuerwehr: Rückgang um 575 Einsätze auf 9769. Laut Dirk Aschenbrenner spiegeln die Zahlen den vorbeugenden Brandschutz in Dortmund.

Wie sieht das Revier der Dortmunder Feuerwehr in Zahlen aus?

Feuerwehr und Rettungsdienst sind auf 280 Quadratkilometern und fast 2000 Straßenkilometern zuständig für 608.693 Einwohner und Dortmund-Besucher.

Auch die Feuerwehr sucht qualifiziertes Personal. Hat sie – wie andere Behörden und Unternehmen – Sorgen um den Nachwuchs?

Ja, große Sorgen sogar. Die Zahl der Bewerber ist in den vergangenen fünf Jahren von bis zu 800 auf nur noch 200 abgesackt. Die Hälfte der Bewerber scheitert bereits im Theorie-Test, der Schreiben und Rechnen auf Hauptschulniveau prüft. Auch beim Sporttest sowie zum Schluss bei den 40 bis 50 Vorstellungsgesprächen fallen noch einmal sehr viele Bewerber durch.

Welche Folgen hat das?

„Wir werden es deshalb nicht schaffen, alle 24 Stellen zu besetzen“, sagt der Feuerwehr-Chef über die Folgen. Bereits ausgebildete Bewerber für freie Stellen sucht die Feuerwehr deshalb auch in anderen NRW-Städten. Sie wirbt mit modernen Wachen und Fahrzeugen sowie besseren Aufstiegsmöglichkeiten mit mehr Geld. Die Ausbildung bei der Feuerwehr dauert 18 Monate. Sie setzt eine abgeschlossene Ausbildung in einem Handwerker-Beruf voraus.

In Deutschland und Europa fordern Unwetter die Feuerwehr heraus. Wie ist die Lage in Dortmund?

Dortmund hatte Glück: Den Rückgang bei den Feuerwehr-Einsatzzahlen führt Dirk Aschenbrenner auch darauf zurück, dass die Stadt von Unwettern verschont geblieben ist: „Tendenziell gewinnt das Thema an Relevanz, wie man auch aktuell sehen kann, aber 2016 und in diesem Jahr haben wir Glück gehabt. Ein wirklich extremes Ereignis wie 2008 hatten wir noch nicht.“

Behörden und Industrie stellen längst auf elektronische Arbeitsprozesse um. Wie digital arbeitet die Feuerwehr?

Die „Feuerwehr 4.0“ ist die große Zukunftsbaustelle beim Retten, Bergen und Löschen. Dirk Aschenbrenner spitzt zu: „Wir können zwar von Flensburg bis zum Bodensee eine Schlauchleitung verlegen, aber auf viel kürzerer Strecke elektronisch keine Datenpakete übergeben. Wir arbeiten immer noch zu viel auf Papier.“

Wo liegen die Vorteile der elektronischen Kommunikation im Einsatz?

Ein Beispiel: Die Dortmunder Feuerwehr unterstützt Kollegen bei einem Großbrand in einer Nachbarstadt. Statt schon auf der Anfahrt wichtige – elektronisch übermittelte – Informationen lesen zu können, erhalten die Unterstützer die Fakten erst nach Ankunft auf der Straße. Da gehe zu viel Zeit ins Land. Dazu kommt der „Stille Post“-Effekt auf dem Meldeweg mit Informationsverlusten oder -verfälschungen. Die elektronische Kommunikation führe nicht zu mehr Personal, aber zu mehr Ressourcen bei der Einsatzsteuerung.

Seit Monaten läuft eine Kampagne für die Bildung von Rettungsgassen auf Autobahnen. Funktioniert die Kampagne?

„Zunehmend besser“, sagt der Feuerwehr-Chef. Allerdings beobachtet er ein neues Phänomen, das ihm bei einem Einsatz schon selbst begegnet ist: Autofahrer haben keine Lust auf Stau, wenden und nutzen die Rettungsgasse als Geisterfahrer bis zur nächsten Ausfahrt. Für solche Fälle fordert er spürbare Fahrverbote. Aktuell müssen erwischte Fahrer bis zu 200 Euro zahlen. Sie erhalten ein acht Wochen dauerndes Fahrverbot und zwei Punkte.

 

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