Finanzbeamtin wehrt sich gegen das Berufsklischee

Interview

Kann man in einem Beruf aufgehen, bei dessen bloßer Erwähnung sich den meisten Menschen die Fußnägel aufrollen? Sandra Oberhagemann (43) ist Finanzbeamtin im Finanzamt Hörde, als Sachgebietsleiterin ist sie für die Personalführung verantwortlich. Und sie hat ihr eigenes Poster.

HÖRDE

, 08.08.2017, 11:26 Uhr / Lesedauer: 2 min
Finanzbeamtin Sandra Oberhagemann hat sich für eine Kampagne des NRW-Finanzministeriums zur Verfügung gestellt.

Finanzbeamtin Sandra Oberhagemann hat sich für eine Kampagne des NRW-Finanzministeriums zur Verfügung gestellt.

Sie ist Teil einer Imagekampagne der NRW-Finanzverwaltung, die die Menschen hinter den Steuerbescheiden sichtbar machen möchte. Oberhagemann hat mit Reporter Felix Guth in ihrem Büro an der Alten Benninghofer Straße getroffen, um darüber zu sprechen, wie es sich anfühlt, als Finanzamt immer irgendwie der Böse zu sein.

Warum machen Sie bei dieser Kampagne mit?

Meine Kinder haben mir mal berichtet, dass sie immer, wenn sie erzählt haben, dass ihre Eltern Finanzbeamte sind, ein „Ach, ihr Armen“ gehört haben. Ich habe mich gefragt: Warum? Denn ich möchte nicht mit vielen anderen Jobs tauschen. Als ich vor 24 Jahren in der Verwaltung angefangen habe, hätte ich mir nie erträumt, dass dieser Beruf so vielfältig ist. Man hat die Möglichkeit, hier alle Abteilungen zu durchlaufen, von der Einzelfallbearbeitung bis zur Steuerfahndung, lernt so viele Menschen und Sichtweisen kennen. 45 Jahre an einem Platz zu bleiben, ist nicht mehr erwünscht. Für mich war außerdem die Familienfreundlichkeit der Finanzverwaltung sehr wichtig, das hat mir in vielen Lebenssituationen geholfen.

Das klingt geradezu euphorisch.

Ja, weil ich es so erlebt habe. Ich finde die Kampagne auch klasse, weil sie zeigt, dass hier ganz normale Leute arbeiten. Es ist ja wie bei vielen Sachen: Über die positiven Dinge und Dankbarkeit, die ich zum Beispiel in meiner Zeit in der Existenzgründerberatung erlebt habe, wird nicht gesprochen. Nur wenn es schlecht läuft, wird es zum Thema gemacht.

Viele machen negative Erfahrungen mit Finanzämtern, beklagen lange Wartezeiten und schlechte Kommunikation. Woran liegt das?

Die Gründe sind immer vielfältig. Wir wären natürlich gerne noch mehr für die Steuerpflichtigen da und versuchen, immer erreichbar zu sein. Aber manchmal kann es natürlich vorkommen – gerade in Ferienzeiten oder bei Krankheitsfällen – dass Not am Mann ist. Und es braucht natürlich auch Zeit, neue Leute einzuarbeiten.

Welchen Ermessensspielraum hat der einzelne Mitarbeiter?

Es gibt ein gesetzlich vorgeschriebenes Ermessen, auch wenn wir natürlich an die Vorgaben und Paragrafen gebunden sind. Das beginnt bei der Frage, ob man in einem Fall direkt mahnt oder lieber persönlich anruft. Wir sind bemüht, erreichbar zu sein. Rechtlich ist es aber auch so, dass wir nur Einzelfragen beantworten und keine Beratung machen oder Anträge ausfüllen dürfen. Dafür sind Steuerberater da, zu denen wir nicht in Konkurrenz treten dürfen.

Ist das Steuerrecht zu kompliziert?

Ja. Durch das Online-Programm Elster ist vieles bereits einfacher geworden. Aber es würde schon helfen, wenn nicht jedes Jahr vieles wieder geändert werden müsste. Man kann sich selten auf bleibendes Recht verlassen. Und wenn es für uns schon schwierig ist, dann ist es für den Steuerpflichtigen dreifach schwierig, wenn es jedes Jahr neue Regeln zum Beispiel für Arbeitszimmer oder PKW gibt.

Den Ärger bekommen die Mitarbeiter ab...

Das kann passieren. Natürlich sind wir auch nur Menschen, die auch Fehler machen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch in so manchen Fällen weniger Respekt der Menschen gegenüber den Mitarbeitern im Finanzamt. Die Imagekampagne setzt hier gute Signale: Wir sind normale Menschen, die den Klischees gegenüber Finanzbeamten mit Humor und guten Argumenten begegnen.

Ihr Lieblingsbeamtenwitz? Treffen sich zwei Beamte. Sagt der eine: „Ich habe gestern drei Überstunden gemacht.“ Sagt der andere: „Was habt ihr denn gefeiert?“

Haben Sie schon mal versucht, bei der Steuer zu tricksen?

Auf gar keinen Fall.

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