Flaues Gefühl vor dem Abriss

DORTMUND Lieselotte Hoeber wirkt nicht so, als ließe sie sich schnell bange machen. Doch der "Riese" hinter ihrer Wohnung flößt ihr schon Respekt ein. Denn am Sonntag soll er mit einem Riesenknall in sich zusammenfallen. Die Sprengung des Volkswohlbund-Hochhauses steht bevor.

von Von Oliver Volmerich

, 14.02.2008, 10:11 Uhr / Lesedauer: 2 min
Lieselotte Hoeber blickt von ihrem Balkon auf das Abbruch-Gelände des Volkswohlbundes.

Lieselotte Hoeber blickt von ihrem Balkon auf das Abbruch-Gelände des Volkswohlbundes.

„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mulmig mir ist. Ich hab jetzt schon schlaflose Nächte“, stellt die Rentnerin beim Blick durch die offene Balkontür fest. Da steht der Riese. Noch. Am Sonntag wird der 61 Meter hohe Büroturm der Volkswohl Bund-Versicherungen in der Dortmunder Innenstadt gesprengt, weil er einem Neubau weichen soll. Was Lieselotte Hoeber (Foto) schade findet. „Der Turm ist mir ans Herz gewachsen. Er ist für mich ein Orientierungspunkt, wie für andere Leute ein Kirchturm.“

Doch das Ende ist besiegelt. Die direkten Nebengebäude des Hochhauses am Rande des Dortmunder City-Rings sind schon in den vergangenen Wochen abgerissen worden, damit die Sprengexperten freies Feld haben. Das heißt: Ganz frei ist das Feld natürlich nicht. Denn das nächste Wohnhaus liegt nur einen Steinwurf von dem Büroturm entfernt. Das nächste Wohnhaus ist das von Lieselotte Hoeber.

Genau 35 Meter beträgt die Entfernung zum Sprengobjekt, haben die Experten ausgerechnet. Die Mieter der Häuser in unmittelbarer Umgebung müssen am Sonntag deshalb ihre Wohnungen räumen. Gut 500 sind davon betroffen. 215 Meter Durchmesser misst der Sicherheitsring, in dem sich niemand aufhalten darf. Spätestens um 10 Uhr muss auch Lieselotte Hoeber ihre Wohnung verlassen haben.

Papiere zur Tochter

„Meine Papiere, Medikamente und eine Garnitur Wäsche bring‘ ich zu meiner Tochter“, erzählt sie. Ihre handgefertigten Porzellanpuppen hat sie gut verpackt. Die Vitrine im Flur wird festgezurrt. Sicher ist sicher. „Ich hoffe natürlich, dass bei der Sprengung alles gut geht“, sagt die Dortmunderin zögernd. „Muss ich ja, sonst werde ich ja verrückt.“

Dass ihr Haus heute aus Sicherheitsgründen mit einem Kunststoff-Vlies zugedeckt wird, ist nur ein schwacher Trost. „Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, was hinter dem Vorhang passiert“, stellt Lieselotte Hueber fest. Denn vom Balkon hat sie sonst den besten Blick auf die Großbaustelle – und einen guten Draht zu den Bauleuten, deren Büro im selben Haus zwei Etagen tiefer liegt.

Am Sonntag wird sie es deshalb im Evakuierungsquartier, einem Dortmunder Gymnasium, wohl nicht lange aushalten. „Ich werde mir einen guten Aussichtspunkt suchen, um bei der Sprengung zuzugucken“, kündigt sie an. Und so bald es möglich ist, geht es zurück in die Wohnung. Schauen, ob alles heil geblieben ist. „Ich hab noch eine Flasche guten Winzersekt. Die wird geköpft, wenn alles geklappt hat“, lacht die Rentnerin. „Vielleicht trinken ja die Bauleute einen mit.“ K Oliver Volmerich

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