Die Flugzeuge kämen öfter, seien lauter, flögen tiefer und über andere Routen ein – Anwohner des Flughafens Dortmund berichten derzeit über zahlreiche Veränderungen im Flugbetrieb. Zeit für einen Faktencheck.

Unna

, 05.09.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Bora Bora Beach Bar ist ein legendärer Partyplatz. Zum Einschwingen auf die lange Nacht in den Clubs von Ibiza versammelt sich junges und jung gebliebenes Partyvolk am Strand von Playa d’en Bossa. Die Musik ist genial, die Stimmung fröhlich. Pflicht für alle Besucher: Auf den Tischen tanzen und den Flugzeugen zuwinken. Gut zwei Kilometer vorm Aufsetzpunkt des Flughafens donnern sie mit schon ausgefahrenem Fahrwerk über die Köpfe der Feiernden hinweg.

Eine vergleichbare Lage zum Flughafen hat in Unna das Evangelische Familienzentrum an der Emil-Bennemann-Straße in Massen. Auch dort finden junge Leute Fröhlichkeit, aber das Verhältnis zum Flughafen ist im Allgemeinen doch ein anderes. Ob man die Tiefflieger nun hasst, duldet oder feiert, das mag also auch von der momentanen Grundstimmung abhängen. Diese Erkenntnis gewinnt aktuell an Bedeutung. Denn viele Flughafenanlieger scheinen an dem Punkt zu sein, an dem sich sagen ließe: „Jetzt reicht‘s!“

Partystimmung in der Einflugschneise? Auf Ibiza ist das normal, doch in Massen sind die Menschen doch etwas weniger gestimmt. So werden ähnliche Fakten ganz unterschiedlich bewertet.

Partystimmung in der Einflugschneise? Auf Ibiza ist das normal, doch in Massen sind die Menschen weniger freudig gestimmt. So werden ähnliche Fakten ganz unterschiedlich bewertet. © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Seit einigen Wochen melden sich immer wieder Anwohner aus dem Umfeld des Flughafens zu Wort, um Dinge zu schildern, die sich in ihrer Wahrnehmung verändert haben. Einige legen den Anfang dieser Veränderung auf die Wiederaufnahme des Reiseflugverkehrs nach der Corona-Pause, andere sehen einen Zusammenhang mit der Angebotsoffensive von Wizz Air. Manche dieser Schilderungen sind nachvollziehbar, andere geben Rätsel auf. Was sich konkret verändert haben soll, zeigt und prüft unser Faktencheck.

Dass sich die Fortentwicklung der Antriebstechnik auch auf die Lärmemissionen im Umfeld auswirken, liegt auf der Hand. Ob aber Wizz für seine Angebotsoffensive wirklich älteres und lauteres Fluggerät zum Einsatz bringt oder die Menschen einfach empfindlicher werden durch die Anzahl der Flüge, ist offen.

Dass sich die Fortentwicklung der Antriebstechnik auch auf die Lärmemissionen im Umfeld auswirken, liegt auf der Hand. Ob aber Wizz für seine Angebotsoffensive wirklich älteres und lauteres Fluggerät zum Einsatz bringt oder die Menschen einfach empfindlicher werden durch die Anzahl der Flüge, ist offen. © HA Archiv

Wizz fliegt für seine Angebotsoffensive mit altem und lautem Gerät

Richtig ist, dass Wizz sein Angebot an Flugreisen ab Dortmund deutlich ausweiten will und Anfang August mit der Umsetzung begonnen hat. Nach und nach will die ungarische Gesellschaft 18 neue Verbindungen aufbauen, bis sie am Ende 48 Zielflughäfen in 24 Ländern ansteuert. In betriebswirtschaftlichen Kennzahlen will Wizz in Dortmund im kommenden Jahr um 36 Prozent wachsen. Dahinter stehen natürlich entsprechende Flugbewegungen. Mehr Flüge bei Wizz bedeuten eine sehr erhebliche Zunahme des Flugverkehrs in Dortmund, denn die Ungarn sind die klaren Hauptkunden der „Startbahn Ruhrgebiet“. Sie selbst geben ihren Marktanteil für Flugreisen ab Dortmund mit 73 Prozent an.

Ob Wizz aber für diese Modelloffensive auf besonders altes Gerät zurückgreift, ist nicht bekannt. Was vielleicht dafür spricht: Bei Neukäufen setzen die Ungarn auf das Airbus-Modell A321neo, das in Dortmund zurzeit nicht zugelassen ist. Andererseits gilt die Wizz-Flotte im Ganzen als eher jung. Der durchschnittliche Flieger ist fünf Jahre alt.

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Vor sechs Jahren gab es bei Airbus eine technische Innovation, die die Lärmbelastung für Anwohner deutlich senkt. Seit Februar 2014 liefert der Flugzeugbauer Maschinen dieses Typs mit einem „Wirbelgenerator“ aus. Ein bewusst erzeugter Luftwirbel verhindert dabei ein unangenehmes Pfeifen, das sich zuvor an den kreisrunden Öffnungen des Überdruckschutzes unter den Tragflächen gebildet hat. Für ältere Flugzeuge gab es Nachrüstsätze. Was ist nun dran an der These der alten und lauten Flugzeuge? Auszuschließen ist das nicht, aber eben auch nicht bewiesen.

Dieses Bild wurde einmal aus dem Garten von Ursula Wirtz aufgenommen. Tiefe Überflüge sind für die langjährige Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Fluglärm erkennbar nichts Neues. Noch weist wenig darauf hin, dass die Flugzeuge heute regelmäßig tiefer fliegen als einst. Mit einer Verlegung der Landeschwelle aber wird es dazu kommen.

Dieses Bild wurde einmal aus dem Garten von Ursula Wirtz aufgenommen. Tiefe Überflüge sind für die langjährige Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Fluglärm erkennbar nichts Neues. Noch weist wenig darauf hin, dass die Flugzeuge heute regelmäßig tiefer fliegen als einst. Mit einer Verlegung der Landeschwelle aber wird es dazu kommen. © Schaper

Die Flugzeuge fliegen tiefer ein

Dies erscheint zumindest jetzt noch nicht schlüssig. Erst bei einer Verlegung der Landeschwelle um 300 Meter nach Osten würde sich auch die komplette Gleitebene der landenden Flugzeuge verschieben, was einen um 14 bis 15 Meter tieferen Überflug bedeutet. Zumindest die großen Verkehrsflugzeuge passieren Unna auf den letzten Kilometern bis zur Landung in einem stabilen Anflugwinkel von drei Grad, was einem Gefälle von gut fünf Prozent entspricht. Natürlich ist Fliegen immer noch eine etwas wackelige Angelegenheit, sodass es in der Praxis leichte Abweichungen von der rechnerischen Überflughöhe gibt. Aber dass Verkehrsflieger jetzt schon regelmäßig deutlich tiefer über die Bebauung fliegen, ist eher auszuschließen.

Die großen Passagierflieger von Wizz und Co. erreichen Reisegeschwindigkeiten von 830 Stundenkilometern. Auch wenn sie bei der Landung deutlich langsamer einschweben, dürften Piloten darauf bedacht sein, im Sinkflug zur Landebahn nicht auch noch unnötige Kurswechsel vorzunehmen.

Die großen Passagierflieger von Wizz und Co. erreichen Reisegeschwindigkeiten von 830 Stundenkilometern. Auch wenn sie bei der Landung deutlich langsamer einschweben, dürften Piloten darauf bedacht sein, im Sinkflug zur Landebahn nicht auch noch unnötige Kurswechsel vorzunehmen. © Foto: Dieter Menne

Die Flugzeuge fliegen jetzt über andere Routen ein

Dass Flieger die Bebauung in Massen jetzt auf anderem Wege überqueren, wurde unserer Redaktion mehrfach geschildert. Und auch der Flughafen hat entsprechende Hinweise erhalten. „Da wir schon ähnliche Anfragen bekommen haben, haben wir dies zusammen mit der örtlichen Luftaufsicht zum Anlass genommen, selber Plots/Radarspuren für den August bei der Deutschen Flugsicherung anzufragen“, erklärt Flughafensprecherin Davina Ungruhe. Die Ergebnisse stünden aber noch aus.

Unklar ist, warum der Flugkapitän eines großen Verkehrsfliegers einen Landeanflug mit Kurskorrektur erst kurz vorm Aufsetzen einplanen sollte, denn der geradlinige Anflug ist natürlich der leichtere und auch für die Passagiere angenehmer.

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Üblicherweise schwenken die großen Passagierflugzeuge schon 15 Kilometer vor dem Flughafen auf eine Linie ein, die einer geraden Verlängerung der Start- und Landebahn entspricht. Für den Anflug über Unna liegt dieser Punkt etwa bei Bönen-Flierich. Windböen mögen danach noch einen leichten Versatz der Maschine verursachen, doch im Allgemeinen halten sich die Piloten nah an diesem Leitstrahl.

Im Start bleiben die Piloten zehn Kilometer in einer Linie mit der Startbahn, bevor sie Kurs auf den Zielflughafen nehmen. Bei Ostwind, wenn die Starts über Unna erfolgen, wären die Flugzeuge dann etwa 915 Meter über Nordlünern.

Eher denkbar sind Abweichungen von den gewohnten Flugrouten bei kleineren Sportmaschinen, die im Sichtanflug nach Dortmund finden. Auch für sie gibt es vorgegebene Flugwege, die vorwiegend über wenig oder unbebautes Gebiet führen. Ob sie auf dem richtigen Weg sind, kontrollieren die Piloten anhand von festgelegten Sichtmarken in der Landschaft. Dass dabei größere Abweichungen möglich sind als bei der Führung durch ein Instrumentenlandesystem, sollte auf der Hand liegen.

Vom morgens 6 bis nachts um 23.30 Uhr sind in Dortmund Flugbewegungen möglich. Entsprechend kurz ist die Nachtruhe in der Nachbarschaft.

Vom morgens 6 bis nachts um 23.30 Uhr sind in Dortmund Flugbewegungen möglich. Entsprechend kurz ist die Nachtruhe in der Nachbarschaft. © HA Archiv

Die Flugzeuge fliegen jetzt früher/später

Diese Wahrnehmung ist durchaus korrekt. Die Betriebszeiten des Flughafens sind zwar nicht ausgeweitet worden, werden aber insbesondere durch die Offensive von Wizz stärker ausgenutzt. Allein den Verbindungen der Ungarn rechnete der Flughafen zuletzt rund 270 Flugbewegungen in einer Woche zu, und diese wollen erst einmal abgefertigt sein. Ein wichtiger Faktor für die Wirtschaftlichkeit einer Fluggesellschaft ist auch die Zahl der sogenannten „Umläufe“. Geld verdient eine Maschine nicht im Stand, sondern im Flug. Wer morgens früher anfängt und abends länger arbeitet, kann einfach mehr Flüge abwickeln.

Die aktuellen Betriebszeiten für den Flughafen Dortmund lassen Starts von 6 bis 22 Uhr, Landungen von 6 bis 23 Uhr zu. Maschinen, die laut Flugplan eigentlich innerhalb dieser Zeiten verkehren sollten, wird darüber hinaus eine Verspätung von 30 Minuten zugestanden. Erst danach müssen Flugzeuge am Boden bleiben beziehungsweise zur Landung an einen anderen Flughafen umgeleitet werden.

Auf dem Flugplan stehen die geplanten Starts und Landungen der Linienflieger. Privatmaschinen, Frachtflüge und Krankentransporte stehen dort nicht.

Auf dem Flugplan stehen die geplanten Starts und Landungen der Linienflieger. Privatmaschinen, Frachtflüge und Krankentransporte stehen dort nicht. © Landes, Hans Juergen

Es gibt auch Flüge, die nicht auf dem Flugplan auftauchen

Das ist korrekt. Allerdings handelt es sich dabei durchweg um Privatflüge von Charter-, Sport- und Transportmaschinen oder um Krankentransporte. Dass Wizz seine Maschinen erst einmal mit einem Leerflug von anderswo nach Dortmund bringt, um dann die Arbeit aufzunehmen, dementiert der Flughafen.

„Es finden in der Regel morgens keine Leerflüge statt. Drei Wizz-Air- und ein Eurowings-Flugzeug sind am Airport stationiert. Das heißt: Diese Flieger starten morgens ab Dortmund direkt mit Passagieren“, erklärt Flughafensprecherin Davina Ungruhe. Wer etwas anderes vermutet, möchte sich bitte im konkreten Einzelfall melden – mit Datum, Uhrzeit und sofern ersichtlich auch Angabe der Fluglinie.

Wizz hat mit der Eröffnung einer „Base“ in Dortmund ehrgeizige Ziele ausgegeben. Sie bedeuten mehr Flüge und damit auch mehr Lärmereignisse.

Wizz hat mit der Eröffnung einer „Base“ in Dortmund ehrgeizige Ziele ausgegeben. Sie bedeuten mehr Flüge und damit auch mehr Lärmereignisse. © Schaper

Es herrscht jetzt mehr Verkehr am Himmel

Ja, und das gleich in doppelter Hinsicht. Reisebeschränkungen durch den Corona-Lockdown hatten den Flugverkehr ab Dortmund weitgehend zum Erliegen gebracht und den Anwohnern Wochen mit himmlicher Ruhe gegeben. Vor allem die großen Linienflieger blieben am Boden, während Ambulanz- und Privatflüge durchaus noch stattfanden. Allein im April war das Passagieraufkommen gegenüber dem Vorjahresmonat um 98,4 Prozent eingebrochen, die Zahl der Flugbewegungen insgesamt um 77,2 Prozent. Nach dieser Phase war allein die Rückkehr zur Normalität eine enorme Zunahme an Lärm. Seit Anfang August kommen aber auch noch die neuen Flugbewegungen durch die Angebotsoffensive von Wizz hinzu.

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Ob die derzeitige Verkehrsdichte den Flughafen lauter macht denn je, ist mit Blick auf die reinen Zahlen der jüngeren Vergangenheit nur schwer zu klären. Als das Jahr mit den meisten Starts und Landungen steht zurzeit noch 2015 in der Statistik, die der Flughafen öffentlich ausweist. Seinerzeit gab es 37.542 Flugbewegungen, im Jahr 2019 „nur“ noch 34.016. Andererseits wurden 2015 nur 1.983.815 Passagiere geflogen, während es 2019 einen Rekordwert von 2.719.563 Fluggästen gab. Mögliche Erklärungen beinhalten einen höheren Anteil von Linienfliegern, größere Flugzeuge oder eine bessere Auslastung. Andererseits macht ein Airbus nicht weniger Krach, wenn er nur teilweise besetzt ist. Und eine kleine Privatmaschine kann für den Ruhesuchenden ähnlich lästig klingen wie Ryanairs Boeing 737-800.

Dass von den Teilnehmern der Protestaktionen viele auch selbst unter dem Lärm des Flughafens leiden, ist naheliegend. Dass die Piloten noch einen „Schlenker“ über ihre Häuser fliegen, nur um sie zu bestrafen, ist aber wohl eher unwahrscheinlich.

Dass von den Teilnehmern der Protestaktionen viele auch selbst unter dem Lärm des Flughafens leiden, ist naheliegend. Dass die Piloten noch einen „Schlenker“ über ihre Häuser fliegen, nur um sie zu bestrafen, ist aber wohl eher unwahrscheinlich. © Udo Hennes

Wir sollen mürbe gemacht werden

Wie sagt man im Ruhrgebiet? Man guckt ja den Leuten nur vor den Kopf. Was jemand denkt und beabsichtigt, entzieht sich immer ein Stück weit der Beweisführung. Dass Piloten absichtlich über Wohngebiete fliegen, aus denen Protest gegen den Flughafen kommt, wird uns zwar von unseren Lesern immer wieder geschildert, aber wirklich glaubhaft ist es nicht. Eher nachvollziehbar erscheint, dass am Flughafen unterschiedliche Interessen auf einander treffen und das Ruhebedürfnis der Nachbarn halt keines ist, dem das Management des Flughafens die erste Priorität einräumen würde.

Wenn Anwohner es so formulieren, dass sie mürbe gemacht werden sollten, irren sie sich vermutlich in der Absicht. Zutreffend aber beschreiben sie die Folgen. Wenn es eine Grenze gibt zwischen duldbarer und unerträglicher Belastung, so scheint sie für manchen Menschen in Unna irgendwann in diesem Sommer überschritten worden zu sein. Sie haben genug vom Lärm. Denn Massen ist nicht Playa d‘en Bossa.

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