Förderschulen dürfen wieder öffnen - Mutter beklagt „Diskriminierung“

rnSchule und Coronavirus

Ab Ende Mai dürfen Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung wieder zur Schule. Das beendet eine lange Leidenszeit, die Betroffene als Diskriminierung empfunden haben.

Dortmund

, 24.05.2020, 13:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist viel diskutiert worden über die Schließung und Wiedereröffnung von Schulen in Dortmund. Eine Gruppe junger Menschen war bislang außen vor. Kinder an Förderschulen mit den Förderschwerpunkten Geistige Entwicklung sowie Körperliche und motorische Entwicklung waren aus dem Konzept des Schulministeriums ausgenommen.

Die Begründung des NRW-Schulministeriums: Die Schüler könnten sich nicht an die Schutzvorschriften halten und es sei eine längere Vorbereitung notwendig als an den Regelschulen. Betroffene und Elternverbände kritisieren diese Haltung der Landesregierung seit einigen Wochen.

Mutter eines autistischen Mädchens spricht über „Ungerechtigkeit“

Familien mit Kindern, die mit einer Behinderung leben, waren in den vergangenen Wochen in besonderer Weise gefordert. Ivonne Minich, Mutter der 8-jährigen Autistin Soey, spricht deutlich aus, wie sich das anfühlt.

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„Es ist diskriminierend und mit jedem Tag ungerechter“, sagt die Dortmunderin, deren Tochter die Max-Wittmann-Förderschule für Geistige Entwicklung besucht. „Es war bisher so, als würden Menschen mit einer Behinderung nicht existieren. Dabei sind sie durchaus in der Lage, liebevoll miteinander umzugehen und Abstände einzuhalten“, sagt sie.

Am 19. Mai hat das NRW-Schulministerium angekündigt, dass Unterricht an den Förderschulen für geistige, motorische und körperliche Entwicklung ab dem 25. Mai wieder möglich ist. An der Max-Wittmann-Schule registriert man das mit Erleichterung.

Erleichterung an der Max-Wittmann-Schule und anderen Dortmunder Förderschulen

Eine Nachricht an Eltern beginnt mit dem Wort „endlich“. Die Schule arbeite „mit Hochdruck an einem Plan für die Durchführung bis zu den Sommerferien“, schreiben Rektor Torsten Sundermann und Konrektorin Sabine Dorendorf.

Zunächst sollen die beiden Abschlussklassen ab dem 26. Mai mit dem Unterricht starten. Nach Pfingsten (2. Juni) sollen die anderen Klassen tageweise folgen - unter größtmöglicher Einhaltung der Infektions- und Hygienevorschriften.

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Aus Sicht von Ivonne Minnich ist das ein kleiner Schritt nach vorn. Aber er verbessere die Situation nicht wesentlich. „Wir planen weiterhin Woche für Woche“, sagt die 40-Jährige. Sie hat in ihrem Beruf als Gebäudereinigerin aktuell noch mehr zu tun als vor der Corona-Krise. Sie teilt sich die Arbeit zuhause mit ihrem Mann, der als Speditionskaufmann seit einigen Wochen im Homeoffice ist.

Die Zukunft ungewiss. Die Familie fragt sich wie viele andere, wie die Betreuung in den Sommerferien geregelt sein wird, wenn der Jahresurlaub aufgebraucht ist. Sie fragt sich, wann der Vater wieder ins Büro zurückmuss.

Kindern mit einer Behinderung fehlen wichtige Routinen im Alltag

Soeys Zwillingsbruder hat seit einigen Tagen wieder vereinzelt Unterricht in der Grundschule. Und die 8-Jährige - die nicht sprechen kann, aber vieles versteht, was um sie herum passiert - steht daneben und ist all der Routinen beraubt, die für Menschen mit ihrer Diagnose so wichtig sind.

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Homeschooling ist bei allem Bemühen von Lehrern und Eltern für Kinder mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen häufig nicht möglich. Es fehle die 1:1-Betreuung, es fehle das strukturierte Lernen mit Pädagogen, die dafür ausgebildet sind, es fehle das Therapieangebot in der Schule, so Ivonne Minich. „Soey braucht den sozialen Kontakt zum Lernen“, sagt ihre Mutter. Die Schule führe sie außerdem auf den Weg zu mehr Selbstständigkeit.

Bedarf nach Förderschulen ist zuletzt wieder gestiegen

Zwischen 2015 und 2017 sind vier Dortmunder Förderschulen geschlossen worden. Zuletzt war der Bedarf aber wieder gestiegen, nachdem sich durch den Regierungswechsel in NRW die Bedingungen für die Inklusion geändert hatten.

In Dortmund gibt es insgesamt rund 20 Schulen mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten und rund 1800 Schülern.

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