Ein Netzwitz, über den nicht jeder lachen kann, ist das neueste Video mit Szenen aus Dortmund auf dem Instagram-Account „dortmundermemes“. © Kolle
Auf Instagram

Frau fasst sich in die Hose: Dortmund-Video mit 20 gnadenlos peinlichen Szenen

Ein Video wie ein Albtraum für Dortmunds Stadttouristiker kursierte kürzlich auf Instagram. Manche fanden es lustig, andere krass, wie Dortmunder dort gezeigt wurde. Für das soziale Medium war es anscheinend „zu krass“.

Eine Frau, die am Einkaufszentrum in Scharnhorst ihre Notdurft in einem Abfallkorb verrichtet, ein Mann, der auf die U-Bahngleise strullt, und ein anderer, der hilflos auf dem Boden einer Stadtbahn liegt – „Wir präsentieren euch: Dortmund“ hieß das mittlerweile gelöschte einminütige Video, das auf Instagram die Westfalenmetropole von ihrer schäbigen Seite zeigte. Manche sagten auch von ihrer lustigen Seite und lachten sich schlapp.

„Hoffentlich genießt ihr dieses kurze Video, was einen Einblick in unsere geliebte Stadt gibt“, schrieben die Macher, zwei Studenten, die es anonym auf ihrem Internet-Account „dortmundermemes“ gepostet hatten, der in die Instagram-Kategorie „Kunst und Unterhaltung“ gehört.

Das Video war satirisch und sarkastisch gemeint. Ein Netzwitz. Memes, gesprochen mi:mes, sind eine Kombination aus kurzen Textbotschaften und Bildern oder Videos. Sie überspitzen, neigen dazu, respektlos zu sein, oft sogar gnadenlos und verbreiten sich schnell über die sozialen Medien, vor allem auf Instagram.

Ein Dankeschön-Special

Die kleinen Schnipsel, die manche als humorvolle Volkskunst bezeichnen und andere als Internetquatsch, gibt es mittlerweile für viele Städte, die so aufs Korn genommen werden. Den Dortmunder Account betreiben die beiden Dortmunder Studenten seit 2019. Mit Erfolg.

Das neue Dortmund-Video sei ein Dankeschön-Special, schrieben sie in ihrer Einleitung, weil sie die Marke von 30.000 Abonnenten für ihren Account geknackt haben, aktuell sind es 32.800 Abonnenten. Das Video ist ihr 300. Beitrag. Gesehen haben es zwischen dem 16. September und 2. Oktober allein mehr als 72.500 Menschen.

„Diese Stadt kann man nur lieben.“

In den insgesamt 20 hintereinander geschnittenen Szenen war zum Beispiel zu sehen, wie jemand in der U-Bahn festgenommen wird, ein Mann im Badeanzug Rad fährt, ein Mann, der versucht, eine Schaufensterscheibe einzutreten und dann schließlich ein Absperrgitter zur Hilfe nimmt, eine Frau, die sich von hinten in die Hose fasst.

Die meisten User im Netz fanden es lustig. „HAHAHA“ hieß es immer wieder in den Kommentaren. Die Stadt Dortmund selbst kommentierte unter dem Video: „Diese Stadt kann man nur lieben“ – verziert mit einem augenzwinkernden Smiley, das die Zunge herausstreckt.

Abonnent „stanvonsinnen“ empfahl das Meme als „Stadt-Werbevideo“ – „Hier lässt es sich ungeniert leben.“ Andere sahen ihre Vorurteile bestätigt und kommentierten: „kleiner Einblick, wieso ich mich nicht mehr in Dortmund aufhalte“. Oder „War noch nie in Dortmund. Habs nach diesem Video auch nicht mehr vor.“

Frau aus dem Video erkannt

Die Menschen, die da meist in peinlichen Situationen gezeigt worden sind, waren zwar zum großen Teil nicht zu identifizieren, aber manche offenbar schon zu erkennen wie die Frau auf dem Abfallkorb am Norma-Parkplatz, die laut einem user-Kommentar von „Gudzilla“ in Scharnhorst eine Legende sei.

Das wiederum wirft die Frage nach der Verletzung von Persönlichkeitsrechten auf. Dazu zitiert der Rechtsanwalt und Experte für Medienrecht, Sebastian Fricke aus der Dortmunder Kanzlei Schaefermeyer, das Bundesverfassungsgericht. Und das hat festgelegt, dass der Maßstab für die Erkennbarkeit und damit Identifizierbarkeit einer Person nicht ein Durchschnittsadressat ist, sondern schon die Erkennbarkeit im Bekanntenkreis ausreicht, um Persönlichkeitsrechte zu verletzen.

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht kann nicht nur betroffen sein, wenn eine persönlichkeitsverletzende Handlung von Dritten im großen Kreis verbreitet wird, sondern auch dann, wenn dadurch die Person von anderen etwa anhand von auffälliger Kleidung oder Tattoos erkannt wird.

Macher des Videos geben keine Auskunft

Auch wer unbefugt orientierungslose Betrunkene fotografiert oder diese Fotos an Dritte weiterreicht oder verbreitet, um ihre Hilflosigkeit zur Schau zu stellen, könne sich strafbar machen, wenn er dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich des Betroffenen verletzt, erläutert Fricke.

Es sei denn, die beiden Betreiber des „dortmundermemes“-Accounts, die auch ihre Abonnenten um Ideen und Einsendungen bitten, hätten die Personen in ihrem Video um Erlaubnis gefragt. Auf Anfrage dieser Redaktion zu dem Thema war dann bei den Urhebern plötzlich Schluss mit lustig. Sie erklärten dazu nur auf dem Schriftweg: „Dazu wollen wir momentan keine Auskunft geben. Wünschen ihnen noch einen schönen Tag.“

Wegen „Verstoß“: Instagram entfernt Beitrag

Am Sonntag (10.10.) dann eine neue Wendung: Der Beitrag ist mittlerweile von Instagram entfernt worden. Wie in einem Screenshot in der sogenannten Story des Accounts zu sehen ist, wurde er von Instagram darüber informiert, dass der Beitrag gegen „die Gemeinschaftsrichtlinien“ des sozialen Netzwerks verstoße.

Hinweis der Redaktion 10.10.2021: Nachdem das Video gelöscht worden ist, haben wir unseren Text entsprechend aktualisiert.

Jüngstes bekanntes Meme-Beispiel

Selfie von Grünen- und FDP-Spitze

Jüngstes Beispiel für ein Meme ist das Selfie von den Sondierungsgesprächen, die die Spitzen von Grünen und FDP in der Nacht zu Mittwoch (29.9.) auf Instagram gepostet haben und das dann binnen weniger Stunden gleich mehrere Male im Netz verfremdet wurde.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
Zur Autorenseite
Gaby Kolle