Unter 60 Lkw-Fahrern ist statistisch gerade mal eine Frau. Eine wie Heike Nowak (58) in Dortmund. Sie ist eine Exotin – genau wie Melina Dworaczek (22). Die Frauen brauchen ein dickes Fell.

Dortmund

, 17.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Gecremte Hände mit säuberlich lackierten Nägeln greifen das Lenkrad. Quietsch-grüne Clogs – die mit dem Riemen an der Ferse – treten das Gaspedal. Heike Nowak hopst auf dem luftgefederten Sitz hoch und runter, die violett-verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase hält.

Seit 28 Jahren fährt die Lünerin Lkw, 22 Jahre davon bei der Spedition Mimberg in Dortmund. Als sie auf das Firmengelände am Kohlenweg im Hafen zusteuert, winken die entgegenkommenden Kollegen, manche schneiden Grimassen. „Die machen immer ihre Späße mit mir“, sagt die 58-Jährige, die ihr schulterlanges, graues Haar zu einem Zopf gebunden trägt.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Fehlt nur das BVB-Käppi, das Heike Nowak beim Foto-Termin nicht dabei hatte. So ist sie in ihrem Lkw unterwegs. © Christin Mols

Als eine von sehr wenigen Lkw-Fahrerinnen – bei Mimberg ist Heike Nowak eine von acht unter etwa 400 Fahrern – musste sie lernen, sich in der Männerdomäne durchzusetzen. „Da kommt schon mal der ein oder andere dumme Spruch. Man muss als Fahrerin eine große Fresse haben“, sagt die zierliche Frau. Der Verdienst in ihrem Job sei gut, die Arbeitszeiten und das Betriebsklima auch. „Ich bleibe bis zur Rente“, sagt sie mit Überzeugung.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Heike Nowak ist eine richtige Frohnatur. Schlechte Laune habe sie selten, sagt die 58-Jährige von sich. © Christin Mols

Heike Nowak wollte keine Hausfrau sein

Mit ihren 1,63 Metern reicht ihr der Fußraum des Führerhauses bis zum Kinn. Die drei großen Stufen bis zum Fahrersitz nimmt sie trotz ihres Alters spielend. „Man muss nur wissen, mit welchem Fuß man anfängt, damit man sich beim Einstieg nicht die Beine verknotet“, sagt das Ruhrpott-Original und lacht dabei aus lauter Kehle.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Heike Nowak ist gerade mal 1,63 Meter groß. © Christin Mols

Heike Nowak war 30, als sie das erste Mal auf den Fahrersitz eines Lkw kletterte. Sie hatte zwei kleine Kinder, war alleinerziehend. Vor der ersten Schwangerschaft hatte sie in einer Schuhfabrik gearbeitet, nun suchte sie wieder einen Job. „Ich wollte kein Hausmütterchen sein.“

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Im Führerhaus von Heike Nowak herrschen Ordnung und Sauberkeit. Die dreckigen Turnschuhe dürfen daher nicht mit rein und werden gegen Clogs mit kleinen Smileys ausgetauscht. © Christin Mols

Ihre drei Brüder hatten beruflich alle mit Lkw zu tun und brachten sie auf die Idee, zu fahren. „Da wäre ich selbst nicht drauf gekommen. Ich habe sie für verrückt erklärt. Aber dann probierte ich es aus.“ Es folgte eine einjährige Umschulung, am Ende stand die Prüfung zur Berufskraftfahrerin.

Bundesweit fehlen Zehntausende Lastkraftfahrer

Mit dem Brummi durch die Republik fahren ist inzwischen für immer weniger Menschen attraktiv. Der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) schlagen Alarm: Es fehlen Zehntausende Lastkraftfahrer – Tendenz steigend. Auf der diesjährigen Messe „Transport Logistic“ Anfang Juni in München sei der Fahrer- und Fachkräftemangel das beherrschende Thema gewesen.

Schaut man sich die Altersverteilung der Lastkraftfahrer an, ist das Problem offensichtlich. Laut Bundesamt für Güterverkehr ist fast ein Drittel von ihnen 55 Jahre oder älter, nur etwa 2,6 Prozent der Fahrer sind jünger als 25. Und fast alle sind Männer. Der Frauenanteil beläuft sich auf gerade mal 1,7 Prozent.

Junge Dortmunderin macht Ausbildung zur Berufskraftfahrerin

Die 22-jährige Melina Dworaczek ist damit sozusagen ein Exot. Die junge Dortmunderin lässt sich beim Logistik-Unternehmen Steden in Unna zur Berufskraftfahrerin ausbilden – und das, obwohl sie bei ihrer Bewerbung noch nicht einmal den Pkw-Führerschein hatte. „Den habe ich im November gemacht und im Frühjahr dann die Führerscheinklassen C und CE.“ Damit kann die Auszubildende bereits im ersten Lehrjahr 40-Tonner fahren.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Melina Dworaczek vor dem Fahrschul-Lkw von Steden Logistik. Die Plane an den Seiten trägt ihr Foto. Die 22-jährige Dortmunderin ist im ersten Ausbildungsjahr. © Christin Mols

Anfangs habe sie großen Respekt vor den riesigen Maschinen gehabt, aber niemals Angst. Nachdem sie auf ihren Touren zunächst noch begleitet wurde, fährt sie inzwischen auch allein. Das ist es, was Melina Dworaczek an ihrem Job so gefällt: „Man hat seine Ruhe.“ Dazu komme, dass man viel rumkommt und ständig neue Leute kennenlernt.

Eigentlich wollte die Husenerin nach dem Hauptschulabschluss was mit Tieren machen, aber als das nicht klappte, nahm ein guter Bekannter sie mit zu Steden Logistik. „Mein Vater hat mich damals für bekloppt erklärt. Er dachte wohl, ich schaffe das nicht.“ Jetzt sei er sehr stolz auf sie und auch die Brüder geben vor Freunden gerne mit ihrer taffen Schwester an.

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Melina Dworaczek steht als Lkw-Fahrerin ihre Frau. © Steden Logistik

Melina träumt von Fernverkehr – Heike nicht

Helge Kell ist Melinas Ausbilder und würde sich noch mehr Fahrerinnen im Unternehmen wünschen – mit Melina sind es aktuell vier von 50 Fahrern. Er erzählt, die Arbeit sei körperlich nicht mehr so hart wie früher. Man (Frau) fährt Automatik und das Be- und Entladen läuft computerunterstützt. „Beim Reifenwechsel muss sie allerdings ran wie die Jungs“, sagt Kell. Und: „Man braucht ein dickes Fell.“ Melina könne aber ganz gut „zurückfeuern“. Und wenn es doch mal Probleme gibt, seien er und die Chefdisponentin als Ansprechpartner da.

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Bei ihrer Bewerbung hatte Melina Dworaczek noch keinen Führerschein. Inzwischen fährt sie 40-Tonner. © Christin Mols

Melina Dworaczek fährt im Nahverkehr und ist somit nicht über Nacht unterwegs. Der Fernverkehr würde sie allerdings reizen, berichtet sie. „Skandinavien fände ich spannend.“ Heike Nowak hingegen ist froh, dass diese Zeiten lange hinter ihr liegen. Nach ihrer Umschulung versuchte sie sich ein paar Jahre auf Europas Straßen und fuhr mit einem Kühler für Obst und Gemüse nach Spanien und Italien. Sonntagnachmittag los, Freitagabend zurück. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern hätte das mit zwei Kindern nicht funktioniert.

Heute seien die Raststätten auf Frauen eingestellt, aber damals habe es nur Männer-Duschen gegeben. „Da darf man nicht so empfindlich sein. Aber oftmals haben sich die Herren mehr erschrocken als ich, wenn ich durch ihre Kabine lief.“

Den Traummann bei der Arbeit kennengelernt

Doch das ist Vergangenheit. Vor 22 Jahren heuerte Heike Nowak beim Familienunternehmen Mimberg für Baustoffhandel und Transport an. Seither fährt sie mit dem Kipper Baumaterialien wie Schotter und Kies zu Beton- und Asphaltanlagen. Ihre Routen reichen vom tiefsten Sauerland bis kurz vor Venlo.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Heike Nowak und ihre fünf Begleiter hinter der Frontscheibe. © Christin Mols

Ihre 28 Jahre als Lkw-Fahrerin ist sie punkt- und unfallfrei unterwegs. Dafür braucht man 100 Prozent Konzentration: „Man darf sich am Steuer keine schwache Sekunde erlauben.“ Nicht körperlich, aber vom Kopf her sei sie abends oft erschöpft und ginge früh zu Bett.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Der Kipper misst mit Führerhaus 15 Meter. © Christin Mols

Von 4 bis etwa 16 Uhr ist Heike Nowak unterwegs – begleitet von vier Quietscheentchen, einem Teddy sowie dem kleinen, silbernen Engel-Anhänger, der ihr als Talisman dienen soll – „von meinem Schatz“. Den hat sie übrigens bei der Arbeit kennengelernt. „Er fährt auch Lkw und wir sind damals oft die gleichen Baustellen angefahren.“ Seit 2012 sind sie verheiratet, inzwischen arbeitet auch er bei Mimberg. Beide sind große BVB-Fans.

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Lkw-Fahrerin Heike über ihren Traumberuf

Schlafen auf Anhieb – hinterm Fahrersitz

Immer nach 4,5 Stunden Fahrt legt Heike Nowak eine mindestens 45-minütige Pause ein – so will es das Gesetz. Dann krabbelt sie hinter ihren Sitz, wo die 80 Zentimeter breite Bank mit Kisschen und Decken gemütlich hergerichtet ist. Schlafen kann sie auf Anhieb, „das kann man trainieren“.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

80 Zentimeter breit ist die Liegefläche im Führerhaus. Für ein Nickerchen reicht das, sagt Lkw-Fahrerin Heike Nowak. © Christin Mols

Nur eine Dreiviertelstunde später klingelt das Handy sie wieder wach. „Schatz, die Arbeit ruft ganz laut“, sagt ihr Gatte dann am anderen Ende der Leitung. Es folgt ein Käffchen aus dem von ihm mit kleinen Snacks liebevoll gepackten Frühstückskorb und eine Zigarette – „das alte Laster“. Und dann geht es wieder auf die Straße.

Frauen am Steuer: „Als Lkw-Fahrerin muss man eine große Fresse haben“

Heike Nowak ist großer BVB-Fan. Natürlich muss auch ein schwarz-gelbes Quietscheentchen mit auf Tour. © Christin Mols

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