Frauen mit Kopftuch bekommen weniger Hilfe - Experiment am Dortmunder Hauptbahnhof

rnMenschliches Verhalten

Frauen mit Kopftuch oder Hidschab wird weniger geholfen als anderen. Das haben US-Wissenschaftler herausgefunden – mit einem Experiment unter anderem in Dortmund. Der Versuch ist kurios.

Dortmund

, 16.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Mann wirft achtlos einen Kaffeebecher auf den Bahnsteig. Daraufhin bittet ihn eine junge Frau, die auf ihren Zug wartet, seinen Müll aufzuheben. Dann klingelt ihr Handy. Sie geht ran. Dabei rutscht ihr eine Tüte Orangen aus der Hand, und die Früchte rollen über den Boden. Diese Alltagssituation haben US-Wissenschaftler in Abwandlung an 29 deutschen Bahnhöfen 1614 Mal von Schauspielern nachstellen lassen, darunter auch am Dortmunder Hauptbahnhof.

Die Forscher der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften wollten mit dem aufwendigen Experiment beobachten, in welchen Fällen Umstehende der Frau helfen, das Obst aufzusammeln, und haben Folgendes herausgefunden: Wer andere dazu auffordert, Müll aufzusammeln, kann in Deutschland eher damit rechnen, Hilfe zu bekommen. Doch Frauen, die ein Kopftuch tragen oder deren Aussehen auf einen Migrationshintergrund schließen lässt, bekommen weniger Unterstützung als Personen ohne diese Merkmale.

Ziel des Experiments war zu ergründen, ob gemeinsame soziale Normen – etwa, dass Kaffeebecher in den Müll gehören – helfen können, Diskriminierung abzubauen. Deutschland wurde für das Experiment gezielt ausgewählt. Unter anderem, weil Menschen hierzulande als ordnungsliebend gelten. Mehr als 7100 Passanten in NRW, Sachsen und Brandenburg waren an der Untersuchung im Juli und August 2018 beteiligt, ohne es zu wissen. Ihr Verhalten spricht dagegen, dass gemeinsame soziale Normen Ausgrenzung verhindern: Eine Frau ohne Kopftuch bekam in 84 Prozent der Fälle Hilfe, eine Frau mit Kopftuch nur zu 73 Prozent und mit Hidschab (eine Variante des islamischen Kopftuchs) sogar nur 60 Prozent.

Dortmunder Hauptbahnhof war das größte Experimentierfeld

Leider gibt es im Hauptjournal der Akademie, in dem die Studie jetzt zusammengefasst veröffentlicht wurde, keine detaillierten Zahlen für Dortmund, obwohl der Dortmunder Hauptbahnhof mit das größte Experimentierfeld der Studie war.

Der Mann war in der gespielten Szene immer ein hellhäutiger Deutscher, die tadelnden Frauen entweder eine hellhäutige Deutsche oder türkischer, ägyptischer, syrischer oder kurdischer Herkunft. Zum Teil waren die Frauen verschleiert, zum Teil trugen sie kein Kopftuch, um herauszufinden, von welchen Faktoren Diskriminierung abhängt.

Die sichtbare Religionszugehörigkeit gibt den Ausschlag

Die Erkenntnis: Ob die Frau weiß war oder nicht, hatte laut den Wissenschaftlern keine Auswirkungen darauf, wie häufig ihr Passanten halfen, die Orangen wieder einzusammeln. Hinweise auf ethnische Diskriminierung per se habe man nicht gefunden, ist im Hauptjournal der Akademie nachzulesen.

Anders, wenn die Frau als Bekenntnis zum Islam ein Kopftuch trug: Die sichtbare Religionszugehörigkeit spiele beim Umgang mit Zuwanderern wohl eine größere Rolle als das Aussehen, schlussfolgern die Forscher – allerdings ohne die Passanten gefragt zu haben, ob sie der Frau mit Kopftuch tatsächlich wegen der sichtbaren Zugehörigkeit zum Islam weniger geholfen hatten oder ob sie ihr aufgrund ihres Kopftuchs mangelnden Integrationswillen unterstellten.

Dominik Donges vom Multikulturellen Forum Dortmund verwundert das Ergebnis der Studie nicht. „Es ist offenkundig, dass es gewisse Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Migranten gibt.“ Das spiegle sich im Alltags-Handeln wider und sei bereits in anderen Studien untersucht worden. Die ebenfalls in der Studie zu findende Annahme der US-Wissenschaftler, dass zugewanderte Menschen generell ein anderes Verständnis von Müllentsorgung hätten, sei aber zu pauschal.

Faktoren sind eher Alter und Geschlecht

In den eigenen Projekten des Multikulturellen Forums habe sich gezeigt, dass Migranten bei der Beseitigung von Müll keine Risikogruppe seien. Eher spielten andere Faktoren wie Geschlecht und Alter eine Rolle. Die Herkunft könne zwar ein Faktor sein, etwa bei Migranten aus Ländern ohne Mülltrennsystem, doch das treffe bei Weitem nicht auf alle zu. Es sei auch ein Unterschied, ob etwa ein bulgarischer Migrant aus der Hauptstadt Sofia oder dem Armenviertel von Plowdiw komme.

Die Wissenschaftler hatten zu ihrer Studie erläutert, dass sie die Deutsche Bahn über ihre Experimente tages- und ortsscharf informiert hätten. Allerdings teilte eine Bahnsprecherin auf Anfrage dieser Redaktion mit, dass dort die Experimente nicht bekannt gewesen seien.

Weitere Kaffeebecher-Experimente

Das US-Experiment war nicht das erste zur Verhaltensforschung mit weggeworfenen Kaffeebechern an Bahnhöfen. So hat schon der Soziologe Fabian Winter vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn festgestellt, dass etwa jeder zehnte Einheimische eingreift, wenn jemand, den er für deutsch hält, einen Kaffeebecher achtlos wegwirft. Scheint es ein Ausländer zu sein, greifen doppelt so viele ein. Umgekehrt gehen nur wenige Menschen aus Südeuropa oder dem Nahen Osten gegen hellhäutige Regelbrecher vor. Strenger dagegen seien sie mit denen, die sie ebenfalls für fremd in Deutschland halten.

Forscher aus Innsbruck, Abu Dhabi und Köln haben mit einem Kaffeebecher-Experiment am Kölner Hauptbahnhof nachgewiesen, dass die Menschen bei einem wild entsorgten Kaffeebecher eher eingreifen als bei einem ganzen Sack Müll.

Lesen Sie jetzt