Frust nach Dutzenden Bewerbungen: „Ich bin nicht mal zum Gespräch eingeladen worden“

rnJugendliche ohne Ausbildungsplatz

Gut 100 junge Dortmunder stehen ohne Ausbildungsplatz da. Dabei erfüllen viele eigentlich die wichtigen Kriterien. Die Gründe sind komplex. Die Betroffenen leiden unter der Situation.

Dortmund

, 11.11.2019, 17:41 Uhr / Lesedauer: 2 min

Über den Dächern Dortmunds haben die Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer Dortmund, die Handwerkskammer und der Deutsche Gewerkschaftsbund das Ausbildungsjahr 2018/2019 bilanziert.

Auf 100 Bewerber kommen 94 angebotene Stellen, es gibt 4366 Bewerber für 4116 Stellen. Die Zahl der Bewerber ist insgesamt um 149 gesunken. Das liegt an sinkenden Schulabgängerzahlen. Aber auch am nach wie vor ungebrochenen Trend, ein Studium zu beginnen.

Es gibt nach wie vor weniger Ausbildungsstellen als Bewerber

Das bedeutet: Es gibt nach wie vor keinen ausgeglichenen Markt. Aber es gab Zeiten, in denen die Zahlen deutlich schlimmer waren. Reicht das, um zufrieden zu sein?

Das reicht nicht, wenn man Vahid Poufajar (26), Nibita Haklay (21) und Nurdan Özkan (17) fragt. Sie sind drei von offiziell 98 unversorgten Interessenten für eine Ausbildung. Über die Gründe können sie oft nur rätseln.

Junge Dortmunder schreiben viele Bewerbungen, bekommen aber keine Rückmeldung

Vahid Poufajar möchte Elektroniker werden, wie viele andere in seiner Familie zuvor. „Das sind die Hände eines Elektronikers“, sagt der 26-Jähriger Iraner und kehrt seine Handflächen nach außen. Vor zwei Jahren musste er als christlicher Konvertit aus seiner Heimat fliehen. Im Iran hat er bereits sechs Semester Elektrotechnik studiert.

In kurzer Zeit hat er Deutsch auf gutem Niveau gelernt, den Führerschein gemacht und sich auf Dutzende Plätze in der Branche beworben. „Ich habe noch nie eine Reaktion bekommen, bin nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden.“

In einer ähnlichen Lage steckt Nibita Haklay. Die 21-Jähriger Albanerin möchte sich zur Krankenschwester ausbilden lassen – ein Beruf, in dem Nachwuchs durchaus begehrt ist. Sie hat Deutsch gelernt, ihren Realschul-Abschluss gemacht, Erfahrung in Praktika gesammelt und gute Bewertungen erhalten. Den Ausbildungsplatz haben bisher trotzdem immer andere bekommen. „Ich verstehe es nicht. Ich möchte weiterkommen, möchte Geld für mein Leben verdienen“, sagt Nibita Haklay.

Kopftuch als Grund für die Ablehnung?

Nurdan Özkan ist in Dortmund geboren und hat einen Bewerbungsmarathon als Medizinische Fachangestellte hinter sich – bisher ohne Erfolg. Nach gut verlaufenen Praktika erhielt sie Absagen. „Mal, weil ich zu jung bin. Und mal, weil ich ein Kopftuch trage“, behauptet sie.

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Dabei war das Kopftuch nie der offizielle Grund für die Absage. Aber die Sorge vor der Wirkung eines islamischen Symbols im Empfangszimmer stellte sich in Gesprächen ihrer Betreuer bei der Agentur für Arbeit mit dem Arbeitgeber im Nachgang als ausschlaggebend dar.

Die Schere wird kleiner, aber Betriebe und Bewerber finden häufig nicht zueinander

Agentur für Arbeit, IHK, HWK und DGB ziehen diesen Schluss: „Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage ist erneut kleiner geworden. Die Herausforderung, Betriebe und Ausbildungssuchende zusammenzubringen, ist aber dennoch sehr groß. Berufswünsche und Qualifikation der Jugendlichen auf der einen Seite und Ausbildungsangebote und Anforderungen der Unternehmen passen allzu häufig nicht zueinander.“

Das können auf Arbeitgeberseite Vorbehalte gegen Kopftuch und Kultur sein oder falsche Erwartungen an die Sprachkenntnisse. Aber es gebe auch Bewerber, die zu lange am Wunschberuf festhalten oder ihre Fähigkeiten nicht realistisch einschätzen.

Ein zunehmendes Problem ist aus Sicht der DGB-Vorsitzenden Jutta Reiter die Zahl derer, die bereits mehrere Jahre in Folge einen Ausbildungsplatz suchen. Das betreffe über 2000 Personen, die dann oft weiter zur Schule gehen, ohne darin Motivation zu finden. „Dafür müssen wir Lösungen finden“, sagt Reiter.

Ausbildungsmarkt in Dortmund: Hier gibt es Fortschritte

  • Es gibt ein immer besser ausgebautes System von Nachhilfe und persönlicher Betreuung für Auszubildende. 28 Millionen Euro investierte die Agentur für Arbeit 2019 in die berufliche Förderung junger Menschen.
  • Im vergangenen Jahr konnten gut 30 Betriebe, die länger nicht mehr oder noch gar nicht ausgebildet haben, durch die Handwerkskammer reaktiviert werden.
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