Für die Sparkasse sind Stundungen in der Corona-Krise längst Alltag

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Krisenstab, Kundenwünsche, Kredite. In der Krise ist die Sparkasse Dortmund vielfältig gefordert. Im Interview sagt der Vorstand, wie lange die heimische Wirtschaft den Stillstand noch aushält.

Dortmund

, 17.04.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Geldinstitute stehen unter Druck. Als großes heimisches Geldinstitut muss die Sparkasse Dortmund während der Corona-Pandemie selbst arbeitsfähig bleiben, die Bargeld-Versorgung sicherstellen und das Kleinstgewerbe und den Mittelstand schnell und effektiv unterstützen. Wie diese Aufgaben derzeit bewältigt werden, darüber sprachen in einer Videokonferenz Chefredakteur Jens Ostrowski und Wirtschaftsredakteur Peter Wulle mit dem neuen Sparkassen-Chef Dirk Schaufelberger und den beiden Vorstandsmitgliedern Peter Orth (Firmenkundengeschäft) und Jörg Busatta (Privatkundengeschäft).

Wenn es um Geld geht, geht es immer auch um sensible Daten. Ist es daher überhaupt möglich, dass Ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten? Und lenken Sie die Sparkasse gerade selbst aus dem Homeoffice?
Schaufelberger: Wir haben möglichst viele Funktionen dezentralisiert und Arbeitsbereiche voneinander getrennt, damit wir immer arbeitsfähig sind. Tatsächlich im Homeoffice sind nur 80 unserer 1500 Mitarbeiter. Sie arbeiten in unserer kritischen internen Infrastruktur. Mit der müssen wir zum Beispiel gewährleisten, dass wir selber am Kapitalmarkt tätig sein können. Aus dem operativen Geschäft geht nichts ins Homeoffice. Der Datenschutz bleibt also garantiert. Wir drei im Vorstand wären in der Lage von zuhause zu arbeiten. In unseren Büros sind wir aber ausreichend voneinander distanziert, so dass wir für das Krisenmanagement bewusst vor Ort sind.

Inwieweit spüren Sie die Krise direkt? Gibt es Krankheitsfälle in der Sparkasse?
Schaufelberger: Es gab bisher fünf Infizierte. Die Erkrankungen sind überstanden. In der Spitze hatten wir 30 Quarantäne-Freistellungen. Im Moment sind es sieben.

Haben Sie einen Krisenstab? Was macht der genau?
Schaufelberger: Der Krisenstab kümmert sich zurzeit vor allem um Ad-hoc-Themen, die auftauchen. Beispielsweise um die richtige Personalstruktur zur Bearbeitung der Hilfsprogramme. Oder er kümmert sich um die Frage, wie wir mit unseren Kunden kommunizieren und um Verständnis dafür werben, dass wir bestimmte Kundenwünsche derzeit nicht erfüllen.

Müssen Sie Ihre Geldautomaten jetzt in der Corona-Krise häufiger befüllen als vorher?
Schaufelberger: Zu Beginn der Krise haben wir tageweise einen erhöhten Abruf verzeichnet. Im Zuge der Verunsicherung wurden auch höhere Beträge abgebucht als sonst. Aber das hat sich beruhigt. Wir merken jetzt, dass die Kunden verstärkt mit Karte bezahlen und auch nicht viele Möglichkeiten haben, Geld auszugeben. Die Sparguthaben dürften steigen.

Im Video-Interview mit Jens Ostrowski (r.) und Peter Wulle (l.) äußerte sich der Sparkassenvorstand unter anderem zur finanziellen Situation im Dortmunder Mittelstand. Im Juni, so die Einschätzung, müsse der Wirtschaftsmotor wieder anspringen.

Im Video-Interview mit Jens Ostrowski (r.) und Peter Wulle (l.) äußerte sich der Sparkassenvorstand unter anderem zur finanziellen Situation im Dortmunder Mittelstand. Im Juni, so die Einschätzung, müsse der Wirtschaftsmotor wieder anspringen. © Stephan Schuetze



Viele ältere Kunden können die Geldautomaten nicht bedienen, wie helfen Sie denen gerade?
Busatta: Seit vielen Jahren bieten wir einen Geld-Express an. Dieses Instrument nutzen wir jetzt verstärkt. Bei diesem Angebot liefern wir innerhalb von zwei Tagen das Geld bis an die Haustür. Für treue Kunden ist dieser Service sogar kostenlos. Wir versuchen aber auch, mit den Kunden in Kontakt zu kommen. Denn die Frage ist ja: Wofür wird in der jetzigen Situation überhaupt Bargeld benötigt?!

Schaufelberger: Pflegeheimleitungen sagen uns zum Beispiel, dass ihre Bewohner kein Bargeld brauchen und deshalb der soziale Kontakt besser vermieden werden soll.

Stellen Sie einen Zuwachs an Online-Banking-Nutzern fest?
Busatta: 60 Prozent unserer Kunden haben das Online-Banking schon vor der Corona-Krise genutzt. In der Tat ist aber ein Schwerpunkt unserer Beratungen in der Kundenhalle die digitale Nutzung des eigenen Kontos. Wir erkennen, dass sich unter denen, die viele Sicherheitsvorbehalte hatten, die Nutzung des Online-Bankings gerade erhöht. Ich denke, wir werden nach der Krise mindestens auf eine Quote von 70 Prozent kommen. Seit einigen Tagen können die Kunden das Online-Banking übrigens selbstständig in unserer Internet-Filiale beantragen und einrichten. Der Besuch eines Beratungs-Centers ist dafür nicht mehr erforderlich.

Schaufelberger: Wir sehen auch, dass mehr und mehr Händler mit oft kleinen Verkaufsstellen das Karten-Terminal nachfragen, damit ihre Kunden auch bei ihnen mit Karte zahlen können.

Orth: Die Krise wird ein Katalysator, ein Beschleuniger für digitales Bezahlen sein.

Wenn der Bund Sofortkredite in unbegrenztem Rahmen für Wirtschaftsunternehmen zusagt, was bedeutet das für die Sparkasse?
Orth: Wir helfen Unternehmen - vom Kleinstunternehmen bis zum gehobenen Mittelstand. Bei den Soforthilfen zur Sicherung der Liquidität haben wir 4100 Zuschüsse auf unsere Konten bekommen. Also, das ist gelaufen und war insgesamt sehr hilfreich. Leider haben wir dabei vereinzelt auch Missbräuche beobachtet. Für das Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), für das wir Bevorschussungen leisten, wurden 52 Anträge gestellt und 30 auch schon vorab bewilligt. Jetzt kommen noch die Schnellkredite hinterher.

Das Kreditgeschäft ist eines der Risikofelder bei Banken und Sparkassen in der Corona-Krise. Gibt es Kunden, die trotz aller staatlichen Hilfen gerade ihre Kreditrate nicht zahlen können? Wie gehen Sie mit denen um?
Orth: Stundungen sind zurzeit Alltag. Wir haben bisher mit 133 Kunden Tilgungsaussetzungen vereinbart. Das ist eine Maßnahme, die gut geeignet ist, um die Liquidität von Unternehmen zu sichern. Wir haben keine Kunden, die unabgesprochen auffällig werden. Wir haben einen „Corona-Bogen“ für ein Risikofrüherkennungsprogramm entwickelt. Wir erwarten schon, dass der Unternehmer auch selbst aktiv wird. Für eine partnerschaftliche Lösung müssen beide Seiten ihren Beitrag leisten.

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Wie lange hat die Dortmunder Wirtschaft noch Luft, um diese Krise zu überstehen?
Orth: Bei vielen Unternehmen vielleicht noch vier bis sechs Wochen. Wir sprechen ja mit den Unternehmen. Und die sagen, dass im Juni die Wirtschaft wieder anlaufen muss. Dabei geht kein Unternehmer davon aus, dass es gleich von null auf hundert geht, sondern dass es ein stufenweises Hochfahren geben wird.

Schaufelberger: Bei 4000 Unternehmen in Dortmund gibt es ein hohes Maß an unmittelbarer Betroffenheit. Die Gastronomie und das Kleingewerbe trifft es mit voller Wucht...

Orth: ... und Unternehmen, die vorher schon schwach aufgestellt waren, die trifft es jetzt natürlich auch besonders.

Wie können Sie beispielsweise einen Wirt, der nie etwas sparen konnte, jetzt unterstützen?
Orth: Zunächst einmal gibt es ja die kurzfristige Soforthilfe des Staates. Und wir gucken uns jeden Kunden individuell an. Wenn wir ihm vor der Krise Geld gegeben haben, dann ziehen wir den Regenschirm jetzt nicht ein. Wenn wir aber schon vorher jemandem keinen Kredit gegeben haben, dann werden wir das jetzt auch nicht tun. Die Kredite, die wir heute geben, müssen ja zurückgezahlt werden. Das bedeutet: das Corona-Thema ist in einem halben Jahr nicht durch. Die volle Tragweite der Krise zeigt sich erst in den nächsten Jahren.

Gibt es eine Branche, die neben der Gastronomie noch besonders betroffen ist?
Schaufelberger: Ja, die Messebauer trifft es auch sehr hart. Große Veranstaltungen wie Messen wird es voraussichtlich auch noch lange Zeit nicht geben.

Jahresbilanz der Sparkasse

Wachstum bei Einlagen und Krediten

  • Ihre Bilanzsumme steigerte die Sparkasse Dortmund im Geschäftsjahr 2019 um 5 Prozent. Die Bilanzsumme erhöhte sich von 9,2 Milliarden Euro in 2018 auf 9,7 Milliarden Euro in 2019.
  • Sowohl bei den Einlagen als auch bei den Krediten verzeichnete die Sparkasse ein solides Wachstum. Die Kundeneinlagen stiegen um 2,5 Prozent von 6,9 auf 7,1 Prozent, die Kundenkredite von 6,9 auf 7,2 Prozent.
  • Die anhaltende Niedrigzinsphase wird für die Sparkasse Dortmund immer deutlicher spürbar. Der Zinsüberschuss fiel um 2,5 Prozent von 171 Millionen Euro auf 166,7 Millionen Euro.
  • Der sinkende Zinsüberschuss konnte durch Provisionen (hauptsächlich Kontoführungsgebühren) kompensiert werden. Der Provisionsüberschuss stieg um 10,2 Prozent von 53,7 auf 59,1 Millionen Euro (davon Wertpapierprovision fast 10 Millionen Euro).
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