Dortmunder starteten Spendenaktion für todkranke Freundin

rnSpendenkampagne für Isabelle Behm

Als Isabelle Behm an Krebs erkrankt, springen Freunde ihr zur Seite und richten für sie eine Spendenkampagne ein. Als die Krankheit ihr Ende erreicht, ist diese Geschichte noch nicht vorbei.

Dortmund

, 16.01.2019, 11:24 Uhr / Lesedauer: 6 min

Die Schmerzen kommen im Sommer 2018. Isabelle Behm, 38, lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Aplerbeck. Sie engagiert sich in der Märker Kinderstube, ist dort Schriftführerin. Als gelernte Erzieherin leitet sie Kurse für Eltern mit kleinen Kindern. Seit 2015 erzählt sie auf Instagram mit Fotos und Texten aus ihrem Leben.

Sie nimmt das Leben, wie es kommt, sagt ihr Mann

Isabelle Behm ist ein Mensch, der das Leben so nimmt, wie es kommt, sagt ihr Mann Dominik Habbel. Ein Mensch, dem Nachhaltigkeit wichtig ist und der aufmerksame Umgang mit Kindern. Eine Frau, die den vielen Teilnehmern in ihren Kleinkindkursen rät, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Die optimistisch ist, lebensfroh, engagiert und liebevoll.

Isabelle Behm ist ein Mensch mit einer schweren Krankheit, sagen ihre Ärzte. Am 19. Juni 2018 erfährt Isabelle Behm, dass sie Brustkrebs hat. „Es fühlt sich gerade an wie sterben“, schreibt sie an diesem Tag auf Instagram.

Zwei Tage später erhält sie die Nachricht, dass es Krebs vom Typ „triple negativ“ ist. Das ist die aggressivste Brustkrebs-Form, die medikamentös nur mit Chemotherapie behandelt werden kann. Diesmal schreibt sie: „Aber ihr wisst ja: Hier wird gelebt. Mein neues Motto: Ein Schritt nach dem anderen.“

Ob sie nächstes Jahr Weihnachten noch lebt, weiß sie plötzlich nicht mehr

Ein paar Tage später schreibt sie auf Instagram über eine Unterhaltung mit ihrem Mann. „Hast du eine Vorstellung davon“, habe sie ihn gefragt, „wie es sich anfühlt, wenn man weiß, dass man nächstes Jahr Weihnachten vielleicht nicht mehr lebt?“

Und schreibt weiter: „Nein, hat er nicht. Woher auch? Mein Mann muss ganz schön oft spontane abgedrehte Fragen von mir ertragen. Aber die Gedanken müssen einfach raus. Das Leben um mich herum dreht sich weiter. Und das ist auch gut so. Aber meins steht manche Augenblicke einfach still. Und dann bewegen mich solche Fragen. Jetzt ist es aber dringend wieder Zeit nach vorne zu schauen. Konzertbesuche zu planen und von unserem Romtrip nächstes Jahr zu träumen.“

Dazu stellt sie ein Foto eines Kornfeldes, in dem eine Traktorspur zu sehen ist, die kurz vor dem Feldrand abbiegt. Es sieht aus, als ob die Spur mitten im Feld endet.

In ersten Wochen schlägt die Chemotherapie gut an, besser als erwartet. Trotz der grundsätzlich schlechten Prognose ihres Krebstyps hat Isabelle Behm plötzlich vielversprechende Aussichten.

Dann gibt es eine Komplikation. Isabelle Behm hat eine Anämie, eine Blutkrankheit, und benötigt nun fast wöchentlich Blutkonserven. Mehrere Faktoren kommen so ungünstig zusammen, dass die Chemotherapie im Oktober abgebrochen werden muss.

Zwischen den Krankenhausaufenthalten genießt sie, was nur geht

Auf ihrem Instagram-Profil postet sie weiterhin Fotos, die zeigen, wie es ihr ergeht: Triste Krankenhausaufenthalte und anstrengende Behandlungen wechseln sich ab mit glücklichen Momenten mit ihrer Familie und mit Freunden.

Aus ihren kurzen Texten dazu spricht einerseits die Belastung durch die Behandlung und durch die bedrohliche Krankheit, andererseits viel Dankbarkeit und Liebe für ihren Mann, ihre Kinder, und die vielen Freunde und Bekannten, die ihr in Kommentaren Mut zusprechen und Kraft wünschen.

Über die Weihnachtsfeiertage verschlechtert sich ihr Zustand rapide. Ihre bis dahin schon heftigen Kopfschmerzen sind nun unerträglich. Kurz vor Heiligabend muss Isabelle Behm ins Krankenhaus.

Isabelle Behm „ist bekannt wie ein bunter Hund“

Isabelle Behm ist ein wunderbarer Mensch, sagt Michael Hedergott. „Sie ist im Dortmunder Süden im besten Sinne bekannt wie ein bunter Hund.“ Er habe noch nie einen Menschen erlebt, „der immer bei allen Menschen einen so positiven Eindruck hinterlassen hat“.

Michael Hedergott ist der erste Vorsitzende der Elterninitiative Märker Kinderstube in Aplerbeck. Isabelle Behm ist dort Schriftführerin, zwei ihrer Kinder gehen zurzeit dorthin. Seit Behm krank ist, helfen er und die anderen Eltern der Kinderstube, erzählt Hedergott. Gehen einkaufen, kochen für sie und die Familie, kümmern sich um die Kinder.

Seit Behms Erkrankung bekannt ist, sagt Hedergott, hätten sich viele Menschen bei ihr gemeldet, um ihr Mut zuzusprechen. Viele dieser Menschen hätten zuletzt vor Jahren mit Isabelle Behm gesprochen und sie offenbar in sehr freundschaftlicher Erinnerung behalten.

Als es ihr schlechter geht, starten Freunde die Spendenkampagne

Als es Isabelle Behm an Weihnachten schlechter geht, sitzt Hedergott mit seiner Frau und einer Freundin zusammen und überlegt, was sie tun können, um ihrer kranken Freundin und ihrer Familie zu helfen. Kurz vor Silvester starten sie eine Spendenkampagne mit dem Titel „Isabelle will leben“. Mit dem Geld soll die Familie weitere Behandlungen bezahlen können, die ihre Krankenkasse nicht abdeckt.

In den ersten fünf Tagen spenden dort mehr als 470 Personen insgesamt mehr als 15.000 Euro.

Jemand aus Isabelle Behms Freundeskreis ist Mitglied bei der Naturbühne Hohensyburg und bringt die Kampagne dort zur Sprache. Daraufhin plant die Naturbühne eine Benefizvorstellung ihres Stücks „Frederic“. Der Erlös ist für die Kampagne gedacht.

Andere Freunde planen ein Konzert mit Dortmunder Musikern, die Isabelle Behms Lieblingslieder spielen.

Der Schauspieler und Synchronsprecher Sascha Rotermund, die deutsche Stimme von Benedict Cumberbatch, ist ein alter Freund von Hedergott und erfährt von Isabelles Krankheit und Hedergotts Kampagne. Rotermund ruft in einem Video dazu auf, Isabelle Behm zu unterstützen. „Es ist atemberaubend zu sehen“, sagt Michael Hedergott, „was passieren kann, wenn Menschen zusammenhalten.“

Am 30. Dezember stellt Hedergott ein Video auf die Seite der Kampagne. Es zeigt Isabelle Behm im Krankenhaus, sie spricht darin zu den Menschen, die ihr helfen. Das Video endet mit den Worten: „Ich möchte euch danken, jedem einzelnen von euch, dass ihr einfach da seid und mich nicht alleine lasst. Vielen, vielen Dank!“

Die Geschichte von den zwei Fröschen

Was würde Isabelle Behm über Isabelle Behm sagen? Hedergott sagt, sie habe in den vergangenen Monaten oft die Geschichte von den zwei Fröschen erzählt. Die erwähnt sie auch auf Instagram. Die Geschichte geht so: Zwei Frösche fallen in ein großes Glas mit Sahne und kommen nicht mehr heraus. Der erste Frosch gibt auf und ertrinkt in der Sahne.

Aber der zweite Frosch gibt nicht auf. Er strampelt so lange, bis die Sahne zur Butter wird. „Ich bin der zweite Frosch“, schreibt Isabelle Behm.

An Silvester ist Isabelle Behm wieder zuhause.

An Neujahr verschlechtert sich die Diagnose

Schon am Neujahrstag, einen Tag nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus, werden ihre Schmerzen erneut unerträglich. Sie kommt in die Essener Uniklinik, erhält starke Schmerzmittel und ist mehrere Tage lang nicht ansprechbar. Ihre Diagnose hat sich verschlechtert. Tumorzellen haben ihre Hirnhäute befallen.

Deswegen die unerträglichen Kopfschmerzen.

Am 4. Januar sagt ihr Mann Dominik Habbel im Gespräch mit unserer Redaktion, die Ärzte hätten gesagt, es gebe jetzt keine Hoffnung auf Heilung mehr. „Jetzt geht es darum, ihre verbleibende Zeit so angenehm und schön wie möglich zu machen.“

Bisher habe er mit seiner Frau noch nicht richtig darüber sprechen können. Aber kurz nach ihrer Aufnahme im Krankenhaus habe sie zu ihm gesagt, sie sei nicht verbittert. Sie habe sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie hätte gern länger gelebt. Aber jetzt werde sie das Beste draus machen.

„Notfall“, sagt der Arzt

Nach unserem Gespräch geht Habbel wieder zu seiner Frau. Sie wird wach und ist klarer, die beiden sprechen über mögliche Behandlungen. Nach ein paar Minuten wird sie still und schließt die Augen. Habbel denkt sich nichts dabei, die Schmerzen, die Schmerzmittel, die Erschöpfung, sie brauche wohl einfach Ruhe.

Dann merkt Habbel, sie ist, irgendwie, weniger da als zuvor. Habbel sagt der Schwester Bescheid, die holt den Arzt, der schickt Habbel aus dem Zimmer, „Notfall“. Ein Krampf im Gehirn, vielleicht. Sie geben ihr ein krampflösendes Mittel.

Gegen Abend wird Isabelle Behm noch einmal wach. „Erkennst du mich?“, fragt Habbel. „Ja“, sagt sie verwirrt und fragt: „Was ist denn los?“ Dann schließt sie wieder die Augen.

Die Ärzte bringen sie auf die Intensivstation. Zu Habbel sagen sie, man müsse nun die Nacht abwarten.

Im Auto auf der Rückfahrt kommt der Anruf

Habbel setzt sich ins Auto und fährt nach Dortmund zu seinen Kindern. Als er fast zuhause ist, ruft der Arzt an: Der Zustand habe sich verschlechtert, es könne sein, dass seine Frau die Nacht nicht überlebt. Habbel dreht um und fährt zurück nach Essen. Als er auf die Station kommt, erfährt er, dass seine Frau vor wenigen Minuten gestorben ist.

Später sagt er über diesen Moment: „Ich habe mich vorher damit auseinandergesetzt, natürlich. Aber dass es dann doch so schnell ging – das war mir einfach unbegreiflich.“

Sie wollte unter einem Baum liegen

Isabelle Behm wollte immer unter einem Baum begraben werden. Im Sauerland, der Heimat von Habbel, gibt es in der Stadt Balve einen „Trostwald“. Dort können Menschen beerdigt werden, die es naturverbundener mögen als auf dem Friedhof. Man sucht sich eine schöne Stelle, dort wird die Urne beigesetzt, „und danach ist es einfach wieder Wald“, sagt Habbel.

Dortmunder starteten Spendenaktion für todkranke Freundin

Diese Buche suchte Isabelle Behms Familie für die Urne aus. © Willi Behm

Bei der Beerdigung läuft Isabelle Behms Lieblingslied, „Kraniche“ von Bosse.

Dominik Habbel hat vorher allen gesagt, bringt eure Kinder mit, Isabelle würde sich freuen. Es kommen viele Kinder. „Das war tröstlich“, sagt Habbel danach. „So war auch Leben da.“

Am Tag nach Isabelle Behms Tod hat Michael Hedergott die Kampagne umgewidmet. „Isabelle: Für Dich und Deine Familie“ heißt sie jetzt. Um der Familie in dieser schweren Zeit wenigstens die finanziellen Sorgen zu lindern, sagt Hedergott.

Seitdem treffen weiterhin Spenden ein. Meist sind es 20 oder 50 Euro, begleitet von Gedanken voller Anteilnahme und guten Wünschen für die Familie, für die das Leben nun anders weitergeht, aber weitergeht.

Dortmunder starteten Spendenaktion für todkranke Freundin

Ein Foto von der Trauerfeier für Isabelle Behm. © Willi Behm

Dieser Text ist entstanden auf der Grundlage von Gesprächen mit Isabelle Behms Ehemann, Dominik Habbel, und ihrem und Dominik Habbels Freund Michael Hedergott. Elke Eitner von der Naturbühne und der Schauspieler Sascha Rotermund haben die sie betreffenden Angaben bestätigt. Isabelle Behm war zu dem Zeitpunkt, an dem wir mit der Recherche begannen, schon nicht mehr ansprechbar.
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