Salafisten demonstrieren gegen Islam-Hass - und lösen Internet-Debatte aus

rnVom Verfassungsschutz beobachtet

Eine Demonstration der Furkan-Gemeinschaft in Dortmund sorgt im Netz für Diskussionen. Das steckt hinter der Kundgebung der Gruppe, die unter Beobachtung des NRW-Verfassungsschutzes steht.

Dortmund

, 03.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Dortmund gab es am 25. November eine Demonstration gegen Islamophobie und Gewalt gegen Muslime. Veranstalter war die Furkan-Gemeinschaft. Die Organisation wird seit 2018 vom Verfassungsschutz des Landes NRW beobachtet.

In Sozialen Netzwerken im Internet wird aus einzelnen Ausschnitten, in denen Menschen „Allahu akbar“ („Gott ist am Größten“) rufen, die „Ausrufung des Kalifats“ abgeleitet und mehr als 1000 Mal geteilt.

Diese Redaktion hat die Fakten sortiert.

Demonstration richtete sich gegen „Islamophobie und Hetze gegen Muslime“

Der Grund für die Demonstration stand auf einem Transparent vor einem Anhänger, von dem aus eine halbstündige Rede gehalten wurde: „Islamfeindlicher Terrorismus – Stoppt die kontrollierte Hetze gegen Islam & Muslime“. Anlass war laut der Organisatoren die steigende Zahl von Übergriffen gegen Muslime in der ganzen Welt und auch in Deutschland.

In einer circa 30-minütigen Rede eines Furkan-Mitglieds ging es um aktuelle Angriffe gegen Muslime, etwa die Attacke gegen eine Schwangere in Sydney in Australien am 20. November oder das Attentat im neuseeländischen Christchurch im März 2019. Aber auch in Deutschland gebe es zunehmend Gewalt gegen Menschen islamischen Glaubens, so der Redner.

Zugleich gebe es Versuche „von oben das Volk zu spalten und es wie auf einem Schachbrett gegeneinander aufzuhetzen“. Die Berichterstattung in den Medien darüber sei „nicht objektiv“. Unterbrochen wird die Rede von Sprechchören wie „Stoppt die Hetze, stoppt den Hass“ oder „Stoppt die Islamfeindlichkeit“.

Redner: „Für uns gibt es keine andere Autorität als Allah“

Der Redner betont, dass es „für uns keine andere Autorität als Allah“ gebe und man sich „strikt nach den Regeln des Koran“ bewege. Er spricht eine Einladung an Nicht-Muslime aus, sich der Religion anzuschließen. „Eine Einladung wie zum Tee. Man wird dich nicht verurteilen, wenn du nicht gekommen bist.“ Man wolle „niemanden zum Islam überreden“.

„Wir zwingen niemanden mit Gewalt und verletzen nicht die Rechte unserer nicht-muslimischen Freunde. Wir verstoßen nicht gegen Recht und Ordnung.“

Es sind Worte, die unverfänglich klingen. Und der Protest hat einen wahren Kern, denn es gibt immer wieder Meldungen von Übergriffen auf Muslime. Dennoch gibt es Gründe, die Versammlung in Dortmund kritisch zu betrachten.

Furkan-Gemeinschaft wird vom Verfassungsschutz beobachtet

Denn im aktuellen Verfassungsschutzbericht 2018 des NRW-Innenministeriums sind der Arbeit der Furkan-Gemeinschaft mit Ursprung in der Türkei vier Seiten gewidmet. Die salafistische Bewegung richte sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung und unterliege deshalb der Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

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Wörtlich heißt es im Bericht: „Die Anhänger der Furkan-Gemeinschaft orientieren sich auch in Deutschland vor allem an den Lehren Alparslan Kuytuls, der in den Medienangeboten der Bewegung omnipräsent ist. Sein zentrales Anliegen ist die Rückkehr zu einer ,Islamischen Zivilisation‘. Diese soll sich ausschließlich an Koran und Sunna (prophetische Tradition) orientieren und Gott das ihm zustehende Recht zur Herrschaft einräumen.“

Der Imam und Furkan-Gründer Alparslan Kuytul sitzt seit Anfang 2018 in der Türkei wegen Terrorverdachts in Haft. Mehrere Demonstrationen richteten sich in der Vergangenheit gegen die Inhaftierung. Unter anderem gab es im Juni 2018 Veranstaltungen in Dortmund und Hamburg.

Dortmund ist mit einem Bildungszentrum an der Rheinischen Straße ein wichtiger Ort für die Bewegung

Dortmund ist seit 2015 ein Zentrum der Bewegung – an der Rheinischen Straße gibt es ein Kultur- und Bildungszentrum. In der Selbstbeschreibung des Vereins auf dessen Facebook-Seite heißt es: „Die Absicht unseres Vereins ist es, eine Vorreiter-Generation zu erziehen, die den wahren Imam erlangt hat, die Ibadah (gottesdienstliche Handlungen) liebt.“

Das Religionsverständnis der Gruppe kollidiert laut Verfassungsschutzbericht mit bestehenden Strukturen staatlicher Ordnung. „Die Furkan-Gemeinschaft geht davon aus, dass die Demokratie die Rechte Allahs vereinnahme, und die Teilhabe am politischen Prozess zu Kompromissen zwinge, die im Widerspruch zu Gottes Gesetzen stünden.“ Die Ausübung von Gewalt verneint Kuytul laut Verfassungsschutzbericht nicht prinzipiell, schließt sie zum jetzigen Zeitpunkt jedoch aus.

Für Rückfragen war die Furkan-Gemeinschaft unter den öffentlich angegebenen Kontakten am 2. Dezember (Montag) nicht zu erreichen.

„Allahu akbar“-Rufe wecken negative Assoziationen, sind aber nicht zwingend extremistisch

Während die Demonstration am 25. November in der Dortmunder Innenstadt zeitgleich mit dem offiziellen Einschalten des Weihnachtsbaums auf dem Hansaplatz kaum für Aufsehen sorgte, ist die Nachwirkung im Internet umso stärker.

Ausschnitte, in denen die Teilnehmer „Allahu akbar“ rufen, werden auf rechtsextremen Internetseiten als Symbol für die „Islamisierung“ benutzt. Der Ausruf dient Muslimen allgemein als Lobpreisung Gottes und Aufruf zum Gebet. Er wird aber auch von radikalen Islamisten verwendet und deshalb von vielen Menschen mit Terroranschlägen verbunden.

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