Einsatz gegen Armut: Gast-Haus-Gründer wird 90 Jahre alt - und kaum jemand kennt ihn

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Reinhart Ellbracht hat 1995 das Gast-Haus in Dortmund begründet. Nie habe er, der heute, 28.12., 90 Jahre alt wird, mehr Wunder erlebt als in jenem Jahr.

Dortmund

, 28.12.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jesus, heißt es, war im ersten Leben Zimmermann. Zumindest sein Vater soll es gewesen sein und so liegt die Vermutung nahe, dass auch der junge Jesus zunächst etwas mit Holz arbeitete, bevor er der wurde, der er war.

Reinhart Ellbracht war im ersten Leben Tischler, was weniger am Vater als mehr an dem Willen lag zu gestalten. Und nicht zu studieren. So hätte er weiter machen können, vielleicht mit einem eigenen Betrieb und der Zufriedenheit des mit seinen Händen Schaffenden, bevor der Rücken seinen Tribut fordert – aber es kam ja alles ganz anders und Ellbracht wurde Pastor.

Was gut war, denn einerseits hätte es ohne Ellbracht in Dortmund das Gast-Haus nicht gegeben. Andererseits hätte Reinhart Ellbracht, um den es hier geht, in der vergangenen Woche nicht den schönen Satz sagen können: „Ich habe nie so viele Wunder erlebt wie in diesem Jahr.“

Mehr Sorge als Seelsorge

Von 1995 ist die Rede, Ellbracht hatte damals bereits ein Pfarrerleben hinter sich, das er 1957 angefangen hatte, die Tischlerei hatte er damals an den Nagel gehängt. War hier und da und dort als Pfarrer tätig gewesen und wollte dann, da er die Kraft und die Lust auf etwas Neues hatte, Obdachlosenseelsorger werden.

Das war anders als alles, was er vorher gemacht hatte. Zum Pfarrer kommen die Leute. In die Kirche oder ins Pfarrhaus. Der Obdachlosenseelsorger muss zu den Leuten, die von alleine nicht kommen.

Und mit Seelsorge, obwohl die in der Berufsbezeichnung drinsteht, hat die Arbeit auch nicht so richtig viel zu tun. In seinen Jahren hat Ellbracht zwei Taufen vollzogen und keine Ehe geschlossen, was seelsorgerisch nicht wirklich viel ist.

„Die Penner wollen wir nicht“

Aber kann man für Seelen sorgen, wenn die ganz andere Sorgen haben? Ellbracht machte Praktika, sie führten ihn unter anderem nach München und Paris und als er dann in Dortmund anfing, da war eines der wichtigsten Dinge, auf die er stieß, die permanente Vertreibung von Wohnungslosen.

Vertreibung muss nicht mit Gewalt daherkommen, Vertreibung kann auch subtil wirken. Wer merkt, dass er nicht willkommen ist, fühlt sich nicht wohl. So ein Ort, an dem auch Wohnungslose willkommen sind, der sollte her. Was aber schwierig war, wie sich bald zeigte.

Denn es gab ja auch damals schon Leerstand. Doch aus der Nordstadt, in der dieser Ort geschaffen werden sollte, kamen einzig und allein Absagen: „Den Pastor würden wir wohl nehmen“, hieß es von dort, „aber die Penner wollen wir nicht.“

15 Mark pro Quadratmeter plus Nebenkosten.

Wie das ausgegangen wäre, weiß man heute nicht, doch es gab da eine Anzeige, mehrfach wurde sie in der Zeitung veröffentlicht. Die ehemalige Stern-Apotheke an der Rheinischen Straße, gegenüber vom U, die gab es nicht mehr und für die Räume im Erdgeschoss wurde ein Nachmieter gesucht, 15 Mark für den Quadratmeter kalt, plus Nebenkosten.

Und bitte für fünf Jahre zu mieten. „Wir hatten damals“, sagt Ellbracht heute, „keinen Pfennig“.

Vertrauen ist gut, Verlässlichkeit aber nicht zu unterschätzen

Am Anfang war aber nicht der Pfennig, am Anfang war immer noch das Wort, und Ellbracht ging in die Dortmunder Gemeinden und predigte. Darüber, dass die, die sich Christen nennen, nicht an der Problematik Wohnungslosigkeit vorbeigehen könnten. Hielt darüber auch Vorträge.

Und vermutlich sprach er damals, so wie er es auch heute noch erwähnt, unter anderem davon, dass der, der gibt, dafür empfängt. Am besten wäre es, per Dauerauftrag zu geben, denn Vertrauen ist gut, Verlässlichkeit aber auch nicht zu unterschätzen.

Wundervoll fügte es sich

Und wie es ein Wunder war, dass das Geld für die Miete langsam zusammenkam, allerdings noch nicht die Nebenkosten. So war es wundervoll, wie sich dann alles langsam fügte. Bei der Renovierung war ein Mann dabei, der beim Pumpenhersteller Wilo arbeitete - und über den die Lüftungsanlage preiswert zu bekommen war.

Die Tische, die Kaffeemaschinen, Tabletts und Bestecke aus der alten Cafeteria des Johannes-Hospitals, aus Aachen die Bad- und Duscharmaturen, aus Paderborn kamen Gardinen. Es fügte sich, Ellbracht erlebte seine Wunder 1995 in Serie, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein war auf diesem Weg.

Aber dann, im Januar 1996, war Eröffnung und die wurde abgeschlossen mit einem Gottesdienst, so viel Seelsorge dann doch bitte. Und Ellbracht predigte über das Gleichnis vom Bauern, der seinen Acker bewirtschaftet, aussät und dann wachsen lässt. Was bildlich gesprochen als erstes die Knochenarbeit voraussetzt, auf dass sich dann alles fügt.

„Ein erfülltes Leben“

Heute kann man die Bilder von damals, als alles noch im Werden und eine Baustelle war, im Fotoalbum von Reinhart Ellbracht betrachten. Wie Menschen in oder vor der Baustelle stehen. Erste Flyer sind dort abgeheftet, Protokolle von Sitzungen, handschriftliche Notizen neben den Bildern und ein Grundrissplan der alten Apotheke, die dann das Gast-Haus wurde.

Ellbracht, der heute, am 28. Dezember 2019, 90 Jahre alt wird, war länger nicht mehr dort, in dem Gast-Haus, das auf ihn zurückgeht. Doch er freue sich, wenn er sieht, dass die Dinge dort gut laufen.

Immer freitags hilft er heute noch bei den Franziskanern, wenn die zur Speisung bitten. Und das will er tun, so lange er es kann. Drei Leben, sagt Ellbracht heute, habe er gelebt. Und auf die Frage, was empfängt, wer so viel gibt, gibt es drei Worte aus des Pastors Mund: „Ein erfülltes Leben.“

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