Gegen die Nazis: Pfarrer Laker brüllt und läutet für eine bunte Nordstadt

rnPauluskirche

Pfarrer Friedrich Laker stellt sich demonstrierenden Neonazis entgegen. Er engagiert sich für eine bunte Nordstadt – und gerät dabei oft in die Schlagzeilen. Wer ist dieser Mann?

von Leon Elspaß

Dortmund

, 03.11.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Pfarrer Friedrich Laker vor drei Wochen den Trupp Neonazis sah, der sich seiner Pauluskirche näherte, ließ er die Glocken läuten. Und als die Rechtsextremen dann an ihr vorbeiliefen, rief er ihnen zu: „Haut ab! Hier habt Ihr nichts zu suchen mit Euren Hassparolen.“ Deutlich hörbar, von einer Fernsehkamera eingefangen, im Internet letztlich weit verbreitet.

Die Rufe der Neonazis, die seit Ende September immer montags durch die Nordstadt hallten, mochte er nicht zulassen, brüllte, läutete dagegen an – und wurde zu einer lauten Stimme des Gegenprotests.

Für gewöhnlich allerdings ist der 59-Jährige keiner, der herumplärrt. Laker ist kein kurz angebundener Schreihals. Er ist beredt, bleibt während seiner Ausführungen ruhig und bedacht. Große Fragen sind es, die sich der Geistliche der evangelischen Lydia-Gemeinde aktuell häufig stellt.

Die politische Entwicklung besorgt Pfarrer Friedrich Laker

Wie soll Neonazis begegnet werden? Wie sind eher Rechtsgesinnte zurück in die Mitte der Bevölkerung zu holen? Und wie ist eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern? „So wie die politische Entwicklung verläuft“, betont er auch mit Blick auf das Landtagswahlergebnis in Thüringen, „besorgt es mich“.

Als „unerträglich“ bezeichnet es Laker, dass die Neonazis zuletzt allwöchentlich durch die Nordstadt („ein so schön bunter, vielfältiger Stadtteil“) wanderten und „ihre rassistischen und antisemitischen Parolen rufen durften“. Zumal der rechtsextrem motivierte Anschlag auf eine Synagoge in Halle erst so kurz zurückgelegen hatte.

„Was sie schreien, ist absolut menschenfeindlich“, meint der Pfarrer. „Wenn sie die Chance hätten, all das auch umzusetzen, wäre es höchst gefährlich.“ Dass die Rechtsextremen die kommenden Montagsdemos abgesagt haben, ändert nichts an seiner Haltung. „Sie sind ja weiterhin da“, sagt er.

Pfarrer Laker seit 2002 für die Pauluskirche verantwortlich

Friedrich Laker, fünffacher Vater, ist seit 2002 in der Lydia-Gemeinde tätig und gemeinsam mit seiner Frau hauptsächlich für die Pauluskirche verantwortlich. Er stammt aus Ostwestfalen, kommt aus „keinem linken Elternhaus, das war eher gut-bürgerlich“. Stärker politisiert hat er sich erst, als die Anti-Atomkraft-Bewegung im Vormarsch war.

An der Universität Marburg, an der Friedrich Laker Theologie studiert hat, gab es eine „eher linke Fachschaft“. Eine Weile sei er in der Hausbesetzerszene unterwegs gewesen, habe auch mal an einer Aktion teilgenommen. Warum? „Ich wollte das erleben. Ich wollte mal nah dran sein.“

Ein Motiv, das sich durch seine gesamte Arbeit zieht. Laker will nah dran sein an den Menschen. Quasi dauerhaft ist er per Telefon erreichbar, auf Facebook und Twitter aktiv. An seinem Handgelenk trägt er eine Apple Watch. Immer wieder brummt sie während des Gesprächs. Ein neuer Anruf, eine neue Nachricht. Ansprechbar möchte dieser Geistliche sein – und helfen.

„Ein bisschen Gitarre und Flöte“ reichen Laker nicht

In seiner Gemeinde verteilt er Essensgutscheine an die Ärmeren; einem Geflüchteten aus Myanmar, politisch verfolgter Muslim, gewährte er Kirchenasyl. Letztlich wurde dem Asylantrag stattgegeben. Als „weltoffener Pfarrer“ beschreibt sich Laker. Und bekräftigt, dass die Tür auch für jene weit offen gehalten werden solle, die den Glauben an Gott und die Kirche längst verloren haben.

Laker hat mal den Satz gesagt: „Ein bisschen Gitarre und Flöte allein reichen nicht aus, um eine neue Atmosphäre zu schaffen.“ Da brauche es schon mehr. „Ich und mein Team“, erklärt er, „wir wollen mit der Zeit gehen. Wir sind eine undogmatische Kirche, möchten die Leute nicht belehren. Wir wollen neue Angebote schaffen.“

Philosophische Abende sind das zum Beispiel. An denen werden erneut die ganz großen Fragen aufgeworfen. Wie die aufgeheizte Stimmung im Land wieder befriedet werden könne, oder welche Alternativen es zum Kapitalismus gebe.

Laker ist offen für Gespräche mit Neonazis - aber allein

Menschen mit den unterschiedlichsten Weltanschauungen kommen an diesen Tagen in die Kirche, bereit zur konstruktiven Debatte. Laker selbst ist laut eigener Aussage stets für Gespräche offen, „auch mit Leuten, die die AfD wählen oder sogar Neonazis sind.“ Es sollten dann jedoch schon Einzelunterhaltungen sein. „Wenn die Rechtsextremen im Mob unterwegs sind, hat das keinen Sinn.“

Dann stellt sich Laker nicht an die Seite und wartet auf einen Fahne-schwenkenden Neonazi, der eh nicht kommen wird, sondern brüllt zurück. Kompromisslos, mit Verve und klarer Botschaft.

Botschaften, die er wiederum an die Kirchgänger bringt, heißen nicht alle gut. Mancher fragt sich, wo denn die klassischen Inhalte bleiben, wenn wieder einer der „Kulturgottesdienste“ ansteht. Demnächst wird da der Singer-Songwriter Ed Sheeran samt seiner Texte zum Kernthema gemacht.

Der „Dortmunder Skandal-Gottesdienst“

Als „Dortmunder Skandal-Gottesdienst“ wurde zudem mal eine Predigt Lakers über Erotik betitelt. 2003 versuchte der Pfarrer damit, die „Kirche von der Vergangenheit zu befreien, als Sexualität noch in den Bereich der Sünde gesteckt wurde.“ Die Traditionalisten fühlten sich freilich provoziert.

All das – Laker hat auch mal einen Big-Brother-Container im Gotteshaus platziert und die TV-Show in seiner Predigt kritisch beäugt – tut er nicht, „weil ich im Mittelpunkt stehen will, sondern der Debatte wegen.“ Für jüngeres Publikum macht er die Kirche damit attraktiver. „Die Themen unserer Zeit“, bemerkt er, „dürfen dort auch mal mit einem gewissen Unterhaltungs- und Spaßfaktor begleitet werden.“

Was Laker und seine Leute umsetzen, wirkt dann zuweilen fast avantgardistisch. Dass er sich indes den Neonazis entgegenstellt hat, sei kein revolutionärer Akt gewesen, eher Bürgerpflicht, sagt er. „Ich wünschte mir eigentlich, dass es jeder machen würde.“

Als die Rechtsextremen am vergangenen Montag die Schützenstraße entlangliefen, ließ Laker erneut die Kirchenglocken läuten.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt