Gelähmte 22-Jährige sucht Pflegekräfte - und Abenteuer

Lebenshungrige Frau

Marcia (22), in Kurzform Marci, hat einen Schuhtick. "Ich hab wahnsinnig gerne ganz hohe. Ich muss ja nicht darauf laufen." Sie nimmt ihr Schicksal auf die Schippe. Die lebenshungrige Frau ist von Kopf bis Fuß gelähmt. Bewegen kann sie nur ihre Schulter. Minimal. Jetzt sucht sie Pflegekräfte.

DORTMUND

, 25.02.2017, 16:33 Uhr / Lesedauer: 3 min
Gelähmte 22-Jährige sucht Pflegekräfte - und Abenteuer

Marcia Kemper muss 24 Stunden beatmet werden. Fährt die junge Frau in den Urlaub, wird es zur logistischen Herausforderung, das gesamte medizinische Equipment im Spezial-Bulli zu verstauen. Letztes Jahr rollte sie zehn Tage durch Rom.

Marci hängt 24 Stunden am Beatmungsgerät und hat gleich mehrere Jobs zu vergeben. Über Facebook sucht sie Pflegekräfte für eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Und erste Bewerbungen gibt es schon.

Pflegerinnen und Pfleger, die der 22-Jährigen gefallen, können sich auf etwas gefasst machen. Marcia Kemper gibt das Tempo vor. Grüngefärbte Haare, Tattoos, verlängerte Fingernägel – Konventionen würden das Leben nur langweilig machen.

Aktuell ist Marci bettlägerig aufgrund einer Druckstelle im Steißbeinbereich. Aber in besseren Zeiten ist sie im selbst gesteuerten Rollstuhl gerne viel unterwegs, besucht Discos, sitzt im Theater, fährt in Urlaub, liebt Italien, Städte wie Venedig und Rom und das gute Essen. Immer und überall hin benötigt dieser kleine, lebensfrohe Mensch Begleitung.

"Das wahre Leben einer Querschnittsgelähmten"

Im Internet unterhält Marci ihren Blog „The real Life of a Schnittie“, das wahre Leben einer Querschnittsgelähmten. „Ein ganz normaler Schnittie und ein verrückter Alltag. DAS bin ich! Begleitet mich durch mein queres Leben.“ – Die erste Sätze ihrer Startseite zeigen Marcias Talent zur Unterhaltung. Es ist ihr Erbgut: Der Schauspieler Thomas Kemper ist Marcis Vater, Mutter Nilüfer Kemper arbeitet als Bildungsreferentin beim Verein Landesarbeitsgemeinschaft Tanz.

Den Computer bedient Marci aus dem Rollstuhl heraus über einen Joystick, gesteuert über Mund und Kinn und einen seitlich angebrachten Knopf für die Mouse-Klicks. Ein leichtes Hochziehen der rechten Schulter bewegt diesen Knopf. Klicks kann Marci aber auch über eine Mund-Mouse auslösen. Ihr Berufswunsch ist Mediengestalterin im Bereich Webdesign. Im Mai hätte sie Prüfung, wenn sie bloß wieder sitzen könnte.

Drei Jahre im Krankenhaus

Fast drei ihrer 22 jungen Lebensjahre verbrachte Marci in Krankenhäusern. Rückenschmerzen hatte sie schon als Kind. Im ersten Schuljahr wurde das Mädchen mit dem Taxi zur Schule gebracht, weil der Rucksack im Kreuz viel zu weh tat. Dann wurde es schlimmer, trotz permanenter Krankengymnastik.

Die jüngere von zwei Töchtern der Kempers litt an einer besonders schweren Form von Wirbelsäulen-Verdrehung, Skoliose. Mit elf Jahren kam sie zweimal unters Messer, um die Wirbelsäule begradigen zu lassen. Der Eingriff in einer Spezialklinik in Holstein ging gründlich schief. Seit elf Jahren prozessiert die Familie gegen diese Klinik.

Ein Leben in OP-Sälen

Am Hinterkopf wurde Marci eine Titanplatte implantiert, während ihr Rückgrat mit Titanstäben versteift ist. Nach dem ersten Eingriff legten ihr die Ärzte zur Fixierung einen Metall-Ring um den Kopf und verschrauben ihn an der Schädeldecke. An einem solchen Kopfring wird über ein Seilzugsystem ein kontinuierlich gesteigerter Zug angelegt, um dann nach einer weiteren Operation die nun etwas flexiblere Wirbelsäule schonend strecken zu können.

„Man hat mir den Ring zu schnell abgenommen. Es krachten zwei Wirbel zusammen. Dazwischen entstand ein Ödem, das die Nerven quetschte.“ Marcia Kemper, 1,52 Zentimeter klein, ist seither querschnittsgelähmt. Als es im letzten Jahr endlich zur Verhandlung gegen die Ärzte aus der Holsteiner Klinik kommen sollte, wurde der Gutachter krank. Die Richterin ging in Mutterschutz. Marci gibt nicht auf. Sie will ihr gutes Recht. Schon zweimal brachen ihre Titanstangen. 

"Die Unschuldigen träumen"

„The innocent are dreaming“, die Unschuldigen träumen, steht gestochen auf Marcis linkem Arm. Fürs Tattoo wählte sie ihre Lieblingszeile aus dem Song „Dancer in the dark“ von Björk, der Sängern aus Island. Julia Bühne legt Marcis Hand vorsichtig aufs rote Bettlaken. Die Finger knicken nach unten weg. Im Umgang mit Gelähmten ist Bühne geschult. Die 33-Jährige arbeitet in der Intensivpflege Bethanien des Diakonischen Werks. Aber sie kann Marci nicht in Vollzeit betreuen.

Bis zu elf Kräfte am Tag lösen sich ab, um die lückenlose Begleitung zu stemmen. Sollten Marcis Hilferuf über Facebook Erfolg haben, reichten bei zwei Tages-Schichten à 12 Stunden samt Urlaubsanspruch und Krankheitsfall fünf oder sechs Pfleger(innen). Auch wenn Marci im umgebauten Bulli gen Süden fährt, müssen die helfenden Hände immer zur Stelle sein. Und dann bestimmt auch viele Tüten tragen. Ganz Italien ist voller toller Schuhe.

Die Stellenausschreibung bei ist sehr persönlich gehalten. Marcia Kemper schreibt darin unter anderem: „Euch erwartet eine lebensfrohe junge Frau, die über ihren Alltag selbst bestimmt.“

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