Gemälde von Bergarbeitern geben Einblicke in das Dortmunder Leben vor rund 60 Jahren

rnAusstellung im U-Turm

Manche Maler können‘s nicht besonders und malen trotzdem. Was daran interessant ist, zeigt die Ausstellung „Schichtwechsel“ im U-Turm mit Bildern von Dortmunder Laienmalern.

Dortmund

, 24.07.2018, 13:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Mein Name ist Erich Bödecker. Ich bin mehr oder weniger ein Künstler.“ So stellt sich einer der Laienkünstler in einem Video in der Ausstellung selbst vor.

Das Video zeigt Bödecker beim Bildhauen in seinem Garten, während eine Männerstimme aus dem Hintergrund die Motive des Künstlers aufzählt: „Fußballer. Boxer. Negerinnen. Boxer. Politiker. Frauen. Stehend, liegend, sitzend, zentnerschwer, bunt.“

Die Bilder sind technisch schlecht, aber historisch interessant

Neben dem Ipad mit dem Video stehen zwei von Bödeckers Plastiken, grobschlächtige, aber interessante Figuren. Daneben hängen Gemälde von weiteren Laienmalern: eine Szene vor der Mütterberatungsstelle, ein Vatertag im Westfalenpark, eine Kneipenszene.

Technisch reichen die Bilder nicht an die von akademisch geschulten Malern heran. Aber sie sind naturalistisch und detailliert gemalt und damit so etwas wie historische Dokumente: Zeugnisse der Kleidung, der Gewohnheiten, der Lebenswelt der 50er, 60er und 70er in Dortmund und Umgebung.

Leonie Reygers sammelte und jurierte Laienkunst

Leonie Reygers, Gründungsdirektorin des Museums Ostwall (MO) von 1955 bis 1972, kaufte damals Laienkunst, vor allem aus Frankreich, erläutert Kuratorin und MO-Vizechefin Regina Selter. Reygers kümmerte sich auch um die hiesigen Laienmaler: Bergarbeiter, die in den 50er Jahren begannen, in ihrer Freizeit zu malen.

Die Arbeitgeber, sagt Selter, förderten diesen Trend, bezahlten Kulturreisen und organisierten Malworkshops für ihre Mitarbeiter. Einerseits um das Image der Industrie und der Region zu verbessern, andererseits um die Menschen zu beschäftigen, damit sie keinen Unsinn anstellten.

„Steckenpferdturniere“ waren die Wettbewerbe des kleinen Mannes

Die Bergbauunternehmen riefen „Steckenpferdturniere“ aus: Wettbewerbe für diese Hobbykünstler, in denen Leonie Reygers sich als Jurorin engagierte.

In den 60ern reichte der Dortmunder Franz Klekawka das Bild „Fronleichnamsprozession im Sauerland“ beim Hobby-Wettbewerb der Hoesch AG Westfalenhütte ein, wo er als Schlosser arbeitete. Das Bild gewann den ersten Preis.

Gemälde von Bergarbeitern geben Einblicke in das Dortmunder Leben vor rund 60 Jahren

Die „Fronleichnamsprozession im Sauerland“ von Franz Klekawka. © Tilman Abegg (Repro)

Den Ruhr Nachrichten erzählte Klekawka anschließend, dass er nicht gern über seine Malerei rede: „Manche halten mich für einen Aufschneider.“

Und er erzählt, wie er mit seinem Sohn Thomas ins Museum Ostwall ging, wo sein Bild ausgestellt war. Und wie der Zweijährige messerscharf kombinierte: „Papa, die haben dein Bild geklaut!“

Der Zeitungsartikel und das Video über Bödecker sind Ausnahmen, erklärt Karoline Sieg, die zweite Kuratorin der Schau. Denn über die anderen ausgestellten Laienmaler, alle aus Dortmund und der Region, gibt es kaum Informationen.

Gemälde von Bergarbeitern geben Einblicke in das Dortmunder Leben vor rund 60 Jahren

Das Märchenschloss von Hans Koehn. © Tilman Abegg (Repro)

Eine weitere Ausnahme ist der Briefwechsel zwischen dem Laienmaler Hans Koehn und Thomas Grochowiak, Direktor der Städtischen Museen Recklinghausen, abgedruckt in der Hoesch-Werkzeitung „Werk und Wir“. Koehn hatte beim Wettbewerb 1958 bei Hoesch an der Eberhardtstraße (heutiges Hoesch-Museum) den ersten Preis gewonnen. Mit dem Bild eines Märchenschlosses.

Recklinghauser Museum bat um das „Märchenschloss“

Grochowiak schreibt Koehn, er wolle in einem neuen Museum eine Abteilung für Laienkunst einrichten. Dafür bittet er Koehn um sein Bild - als Leihgabe oder sogar als Ankauf.

Koehn schreibt zurück: „Nach einer Woche Bedenkzeit“ danke er für die Komplimente, aber das Bild habe er auf Wunsch seiner Kinder gemalt. „Dieses Bild abzugeben, ist mir leider nicht möglich. Vielleicht einmal später, ich weiß es nicht.“ Das schreibt er 1961.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

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"Glück auf!" von Franz Brandes.© Tilman Abegg (Repro)
"Ruhrgebietskneipe mit Stammtisch" von Franz Brandes.© Tilman Abegg (Repro)
Der Laienmaler und hauptberufliche Hauer Franz Brandes mit seinem Bild von Zeche Zollern.
© Tilman Abegg (Repro)
Dieses Foto hat Brandes als Vorlage genutzt und ein Raster aufgetragen - fürs einfachere Abmalen.© Tilman Abegg (Repro)
Das ist die "Zeche Zollern" von Franz Brandes.© Tilman Abegg (Repro)
Regina Selter (l.) und Karoline Sieg, die Kuratorinnen der Ausstellung.© Tilman Abegg
"Vor der Mütterberatung" von Franz Klekawka.© Tilman Abegg (Repro)
"Der Taubenvatter" von Helmut Bodenhausen.© Tilman Abegg (Repro)
"Vatertag im Westfalenpark" von Helmut Bodenhausen.© Tilman Abegg (Repro)
Ein Hafenbild von Kalr Hertmann.© Tilman Abegg (Repro)
Ein Bild des Dortmunders Klemens Schliesing, dessen bevorzugtes Malgerät ihm den Namen "Filzstiftmann" eingebracht hat.© Tilman Abegg (Repro)
"Des Kumpels Sorgen" von Max Valerius.© Tilman Abegg (Repro)
Eine eindrucksvolle Landschaftsstudie von Max Valerius.© Tilman Abegg (Repro)
Rudi Nowak malte dieses Bild zur Schließung von Zeche Minister Stein am 31. März 1987.© Tilman Abegg (Repro)
Leonie Reygers, Gründungsdirektorin des Museums Ostwall, während eines Rundgangs als Jurorin für einen der Hobbymalerwettbewerbe, die "Steckenpferdturniere".© Tilman Abegg (Repro)
Im Eingang der Ausstellung hängt diese Dortmund-Karte mit allen Zechen, die es in den 50er- und 60er-Jahren gab.© Tilman Abegg

1962 erhält Grochowiak überraschend einen weiteren Brief von Koehn: „...bin bereit, das Gemälde Ihnen als Dauerleihgabe zu überlassen, oder, falls es Ihnen lieber ist, es Ihnen gegen eine Abfindung von 60 DM als Eigentum zu übergeben.“ Erfreut nimmt Grochowiak es als Dauerleihgabe an und bezahlt die 60 DM trotzdem, als „materielle Entschädigung“.

„Ich will auch nicht reich werden“

Ums Geld schien es den Laiernmalern damals nicht zu gehen. Der Bildhauer Erich Bödecker sagt im Video: „Ich bin mit meinen Plastiken noch nicht reich geworden. Und ich will auch nicht reich werden. Das habe ich mir vorgenommen.“

Die Ausstellung „Kunst und Kohle: Schichtwechsel“ ist noch bis 12. August (Sonntag) zu sehen. Neben Laienkunst gibt es „hohe“ Kunst von Andreas Gursky, Adriane Wachholz, Reiner Ruthenbeck und anderen. Geöffnet Di, Mi, Sa, So 11-18, Do, Fr 11-20 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. dortmunder-u.de
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