Die Dortmunder Stadtverwaltung will die gendergerechte Sprache für alle im Rathaus verpflichtend einführen. Kein „Sehr geehrte Damen und Herren“ mehr. Unser Autor hält das für Unfug.

Dortmund

, 04.03.2019, 03:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Klingt wie ein Karnevalsscherz, ist es aber nicht. Leider. Ich fürchte, die Stadt meint es ernst. Sie will sie wirklich, die gendergerechte Sprache, die keinen Menschen irgendeines Geschlechts diskriminiert. Briefe, Mails, Behördentexte – alles, was sich an sprachlichen Ergüssen aus dem Rathaus ergießt, soll gendergerecht sein. „Sehr geehrte Damen und Herren“ geht nicht mehr. „Studenten“ sollen „Studierende“ heißen, das „Rednerpult“ wird zum „Redepult“ und niemand soll mehr „Schülerinnen und Schüler“ schreiben, sondern Schüler*innen.

Mit Verlaub, dieser Anschlag auf die deutsche Sprache ist mir zuwider. Beim letzten Satz fällt mir auf: Warum ist „der“ Anschlag männlich, aber „die“ Sprache weiblich? Warum heißt es „die“ Seele, aber „der“ Tod? Warum „die“ Zukunft, aber „der“ Untergang? Warum „die“ Liebe, „die Freundschaft“, „die Zärtlichkeit“, aber „der“ Hass, „der“ Streit, „der“ Krieg? Da werde ich doch als Mann auch diskriminiert? Um solche sprachlichen Ungerechtigkeiten auszumerzen, müssten wir logischerweise künftig nur noch Hauptwörter als Neutrum benutzen. Also: das Seele, das Tod, das Freundschaft, das Liebe, das Hass, das Zärtlichkeit, das Streit, das Krieg. Kann das ernsthaft irgendjemand, der nicht gerade im Karnevals-Vollrausch fantasiert, wollen?

Was ist mit den Beschönigungen?

Klar, das Erlernen der deutschen Sprache wäre sofort einfacher, aber wäre das noch unsere Sprache?

Es ist richtig, dass Sprache nicht nur ein Abbild der Wirklichkeit ist, sondern auch ein Bewusstsein schaffen kann, sensibilisieren kann für Entwicklungen, die nicht in Ordnung sind. Da gäbe es lohnenswerte Felder zu beackern. Da sind zum Beispiel Beschönigungen, die beliebt sind, um Übles zu verschleiern. Da ist von „Freisetzung“ statt Kündigung die Rede, von „Umsiedlung“ statt Vertreibung, von „Preisanpassung“ statt Preiserhöhung, von „Konzentration“ statt Schließung, von „Schadstoffemission“ statt Luftvergiftung, von „Entsorgungspark“ statt Müllhalde, von „Mitbewerber“ statt Konkurrent. Solche Beschönigungen trüben das Bewusstsein und gehören entlarvt.

Warum gehen wir in ein „Meeting“ statt zum Treffen?

Und auch die englischen Begriffe, die sich bei uns ausgebreitet haben wie wuchernde Schimmelpilze, böten ein lohnendes Feld für Aktionen zur Rettung der deutschen Sprache. Warum gehen wir in ein „Meeting“ statt zum Treffen? Wieso erwarten wir keinen Anruf, sondern einen „Call“? Wieso wird kein Hausmeister gesucht, sondern ein „Facility manager“?

Dortmunds Gleichstellungsbeauftrage Maresa Feldmann sagt, das Bewusstsein der Gesellschaft für eine offene Sprache sei da. Woher sie diese Erkenntnis hat, weiß ich nicht. Ich habe nur den Eindruck, dass manches gesellschaftliche Bewusstsein auch vernebelt sein kann.

Verhunzung der Sprache beseitigt keine Ungerechtigkeit

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich sehe durchaus, dass unsere Gesellschaft noch weit von einer Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt ist. Noch immer werden Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Noch immer sind Frauen in Führungspositionen die Ausnahme. Noch immer sind in Räten, Parlamenten und Regierungen Frauen in der Minderheit. Noch immer gibt es auch in Dortmund mehr Straßen, die nach Männern benannt sind als nach Frauen. Noch immer halsen Männer den Großteil der Hausarbeit ihren Frauen auf. All das ist zutiefst ungerecht und es ist gut, dass nicht nur Frauen gegen all diese und viele andere Ungerechtigkeiten kämpfen.

Klar ist aber auch: Keine einzige dieser Ungerechtigkeiten wird beseitigt, indem wir unsere Sprache verhunzen. Sprache gibt es überhaupt nur aus einem einzigen Grund: Damit wir Menschen uns miteinander verständigen können, damit wir unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Pläne und Ansichten miteinander teilen können. Sprache sollte daher einfach und klar sein, sollte von jedem verstanden werden. Und es sollte Spaß machen, miteinander zu reden. Wir sollten miteinander sprechen wie unsere Mütter und Väter uns das gelehrt haben, ohne bei jedem Satz überlegen zu müssen, wo wir in einen von Gender-Puristen aufgestellten Fettnapf treten könnten.

Sprache ist ein dynamischer Prozess

Unsere Sprache ist nicht vom Himmel gefallen. Sie hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer schon verändert und wird es weiter tun. Diese Veränderungen waren bisher ein dynamischer Prozess und sollten es weiter sein. Das, was die Kämpfertruppen der Gendersprache im Dortmunder Rathaus da vorhaben, hat allerdings nichts mit einem lebendigen Entwicklungsprozess zu tun, sondern mit einer Misshandlung eines unserer wichtigsten Kulturgüter überhaupt, eben der Sprache.

Wie wunderbar wäre es gewesen, wenn die Menschen im Rathaus statt des Gender-Unfugs beschlossen hätten, nur noch eine für alle verständliche Sprache zu benutzen statt des Behörden-Kauderwelschs. Was die Genderitis angeht, kann ich nur hoffen, dass mit ihr am Aschermittwoch alles vorbei ist. Dann sollten alle wieder nüchtern sein.

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