Gespräche über Bagger sind erbaulich wie Hörbücher – wenn man nur daran glaubt

rnEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Das Schöne am Elternsein: Die Fähigkeit, selbst stressigste Situationen rückblickend zu verherrlichen. Eine längere Autofahrt mit zwei Kleinkindern, die ganz anders läuft als geplant etwa.

Dortmund

, 06.01.2019, 04:11 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kürzlich bin ich zum ersten Mal in meiner dreijährigen Karriere als Mutter alleine mit den Kindern weggefahren. Also weiter weg als bis zu den Schwiegereltern nach Erkrath oder ins Sauerland zu meiner Familie. Wir sind über’s Wochenende in Bremen gewesen – wobei eine Autofahrt ins Rheinland bei der derzeitigen Bedingungen der A40 durchaus länger dauern kann.

Ich hatte einen guten Plan für die Stunde unserer Abfahrt: Ich gedachte, die Zwillinge nach dem Essen und vor dem Mittagsschlaf aus der Kita abzuholen und mich dann auf den Weg zu machen. Mit vollem Bauch und leerem Akku würden sie bestimmt alsbald in einen tiefen Schlaf fallen, sodass ich die erste Hälfte der Fahrt entspannt und ohne mittelschwere Ausschreitungen auf der Rückbank zurücklegen könnte.

Erster Fehler: Ein Plan

Ein Hörbuch oder einen interessanten Podcast würde ich mir dann anhören und die Ruhe genießen. Ich bin ja nicht erst seit gestern Mutter, deshalb kann ich mir eigentlich selbst nicht erklären, wie ich den beliebten Anfängerfehler machen konnte, einen solchen Plan zu schmieden!

UNSERE KOLUMNE „DOPPELKINDER“

AUS DEM LEBEN EINER ZWILLINGSMAMA

In unserer Eltern-Kolumne berichtet Julia Scharnowski jeden zweiten Sonntag aus ihrem Alltag, den sie mit Ehemann und Zwillingssöhnen in Dortmund erlebt. Sie schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog „Doppelkinder“ und bei Instagram.

Ich sammelte die Kinder ein – planmäßig. Zuvor hatte ich in einem anliegenden Supermarkt Proviant für die Fahrt erstanden und das Auto dort stehen gelassen, schließlich war es nur ein kurzer Fußmarsch von der Kita-Tür bis dorthin. Selbst mit zwei übermüdeten Kleinkindern ist die Strecke gut zu bewältigen, weil ich es im Notfall schaffen würde, mir beide unter den Arm zu klemmen und zum Auto zu schleppen.

Zugeparktes Auto

Doch waren die Kinder gar nicht das Problem. In meiner Abwesenheit hatte ein anderer Fahrzeugführer meinen Kleinwagen derartig seitlich zugeparkt, dass es mir selbst mit dem Bodymass-Index einer Briefmarke nur schwer möglich gewesen wäre, auf der Fahrerseite einzusteigen. Geschweige denn, ein Kind auf seinen Sitz zu setzen und anzuschnallen.

Also operierten wir von der Beifahrerseite aus: „Lass bitte erst deinen Bruder einsteigen und rüber auf seinen Sitz klettern.“ „Warum?“ „Weil uns ein Idi… unfreundlicher Mensch zugeparkt hat.“ „Was ist ein Idi, Mama?“ „Das ist jemand, der nicht darüber nachdenkt, dass andere Leute auch in ihre Autos einsteigen möchten.“ „Wer sind andere Leute?“ „Wir zum Beispiel. Möchtest Du ein Gummibärchen?“ Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.

Hoffnung auf vernichtende Blicke

Es dauerte ungefähr 20 Minuten, bis ich die Kinder ihren Sitzen zugeführt und sie fachgerecht in dem bis unters Dach zu gepackten Zwergen-Auto angeschnallt habe. Innerlich hoffte ich die ganze Zeit, dass der Fahrer des Wagens neben uns endlich aufkreuzt, damit ich ihn mit vernichtend vorwurfsvollen Blicken bestrafen kann. Doch er kam nicht. Schade.

Die Verzögerung im Betriebsablauf führte leider dazu, dass einer meiner Söhne schon mit dem Kopf auf den Tische seines Kindersitzes sank, als ich noch nicht einmal die Autobahn erreicht hatte. Der andere hingegen plauderte noch angeregt mit mir. Dann also erstmal kein Hörbuch. Irgendwo um Bergkamen herum dann der erste Stau. Immerhin schliefen mittlerweile beide Kinder.

Gespräche über Bagger

Ich entspannte mich. Zumindest bis zum Kreuz Münster-Süd, wo der erste Schläfer wieder wach wurde. So viel zu meinem Plan. Für den Rest der Fahrt plauderte ich über Windräder, Bagger und Lastwagen, an denen wir vorbeifuhren. Das ist in etwa zu erbaulich wie Hörbuch zu hören, man muss es sich nur oft genug sagen. Der andere Zwilling schlief zumindest so lange, sodass es nur für etwa 25 Minuten zu Handgreiflichkeiten wegen eines Bilderbuchs kam.

Das famose am Elternsein: Man beherrscht es irgendwann, seine Ansprüche binnen Sekunden von 100 auf 0 herunterzuschrauben und stressige Situationen rückblickend mit einem sehr wohlwollenden Filter zu überlegen. Also ich bin sehr zufrieden mit unserem Ausflug. Niemand wurde verletzt. Von einem Bilderbuch mal abgesehen.

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